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Politik

„Bei der Definition von Unabhängigkeit folgen wir strikten Regelun­gen“

Donnerstag, 3. November 2016

Berlin – Ärztinnen und Ärzte unabhängig über eine rationale Pharmakotherapie zu infor­mie­ren, ist der Anspruch der Zeitschrift „Der Arzneimittelbrief“, die erstmals im Januar 1967 erschien. Man wollte ein Gegengewicht zur Einflussnahme der Pharmaindustrie schaffen. Das ist heute noch genauso notwendig wie vor 50 Jahren, wie die drei Heraus­geber, der Nephrologe Dietrich von Herrath, der Onkologe Wolf-Dieter Ludwig und der Kardiologe Jochen Schuler, betonen. Sie wollen ihre Kollegen firmenunabhängig und sachkundig beraten.

Fünf Fragen an Dietrich von Herrath, Herausgeber des Arzneimittelbriefs
DÄ: Vor 50 Jahren wurde „Der Arzneimittelbrief“ gegründet, weil dessen Herausgeber der Meinung waren, Mediziner stünden „unter dem Einfluss berufsfremder finanzieller Inte­ressen“. Was hat sich seither geändert?
Von Herrath: Das Streben, Umsätze und Marktanteile, also den Profit, bei Arzneimitteln und Medizinprodukten zu maximieren, hat in den letzten Jahrzehnten zweifel­los zuge­nom­men und dient häufig nicht dem primären Interesse der Patienten an einer rationalen The­rapie. Infolge ihrer ökonomischen Interessen versuchen pharmazeutische Unter­neh­mer heute – sehr viel stärker als noch vor 50 Jahren – Ärztinnen und Ärzte zu beein­flussen und geben deshalb inzwischen deutlich mehr Geld für Marketing aus als für For­schung. Um sich dieser überwiegend kommerziellen Sichtweise zu entziehen und einen unab­hängigen Blick auf eine gut wirksame und sichere Therapie der Patienten zu be­wah­ren, bedarf es unabhängiger Informationsquellen, aber auch kritischer Wachsamkeit und Unbestechlichkeit bei Ärztinnen und Ärzten.

Die Möglichkeiten, das Verordnungsverhalten bei Arzneimitteln zu beeinflussen, haben sich durch Fernsehen, Computer, Internet, soziale Medien und Apps stark erweitert. Dies gilt für Informationen, vor allem aber auch für Desinformationen. Beispielsweise wurden und werden Werbemethoden und Verkaufsstrategien entwickelt, besonders für neu zu­ge­lassene Arzneimittel, die ganz allgemein suggerieren sollen, „neu“ sei auch immer „besser“.

Von Pharmaunternehmen finanzierte und kostenlos verteilte Streuzeitschriften dienen, ebenso wie ärztliche „Key opinion leaders“, Mitglieder von „Advisory boards“, die Entwicklung von „Me-too“-Arzneimitteln und „Evergreening“-Strategien für nicht mehr patentierte Wirkstoffe, einer kommerziellen „Wertschöpfung“. Auch in klinischen Arznei­mittelstudien wird mittels methodischer Verzerrungen (Bias), beispielweise im Design oder bei der Publikation, nicht selten getrickst. Mitunter werden sogar Ergebnisse mani­puliert, um neue Arzneimittel in ihrer Wirksamkeit und Sicherheit besser aussehen zu lassen, damit sie erfolgreicher vermarktet werden können.

DÄ: Ist die Verordnungsqualität derjenigen Ärzte schlechter, die sich nur über diesen Weg informieren?
von Herrath: Ärzte und Ärztinnen müssen seit 2004 gemäß SGB V nachweisen, dass sie sich fortbilden. Sie haben dabei sehr verschiedene Möglichkeiten, CME-Punkte von ihrer zuständigen Ärztekammer anerkannt zu bekommen. Für Fortbildungsveranstal­tun­gen, die Pharmaunternehmen zu ihren eigenen Wirkstoffen organisieren, sollten die Ärzte­kammern keine Punkte vergeben, denn es besteht der begründete Verdacht, dass sie nicht produktneutral sind. Dies sollte auch für die sogenannten CME-Premiuman­bie­ter gelten, die sich zwar als unabhängig bezeichnen, aber von Pharmaunternehmen teil­weise mit fünfstelligen Eurobeträgen finanziert werden.

Verordnungsqualität ist sehr komplex und schwer zu ermitteln. Es ist jedoch plausibel, dass sie besser ist, wenn der Arzt über die Arzneimittel, die er verordnet, unabhängig und nicht tendenziös informiert ist. Neben dieser Voraussetzung ist für eine gute Ver­sor­gungsqualität jedoch auch wichtig, die individuelle Situation des Patienten zu berück­sich­tigen und eine Therapieentscheidung gemeinsam mit ihm zu treffen.

DÄ: Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen als Herausgeber des „Arzneimittebriefs“ und den pharmazeutischen Unternehmen? Erhalten Sie hin und wieder eine Resonanz auf Ihre Inhalte?
von Herrath: Zu unseren Lesern gehören natürlich auch Mitarbeiter von Pharmaunter­nehmen. Wir erhalten gelegentlich Leserbriefe, wenn sie mit unserer Kritik an unseriösen Werbemaßnahmen und unserer Beurteilung klinischer Studien zu Arzneimitteln nicht ein­verstanden sind.

DÄ: Worin sehen Sie die Aufgaben des „Arzneimittelbriefs“?
von Herrath: Wir werden weiterhin Ärztinnen und Ärzte zu Arzneimitteln und Medizin­pro­dukten unabhängig von den finanziellen Interessen der Pharmaunternehmen informieren und dabei das Recht der Patienten auf eine wissenschaftlich begründete und individuell beste Therapie stärken. Unseren Leserinnen und Lesern wollen wir helfen, trotz der Über­flutung von Informationen aus mehr oder weniger verlässlichen Quellen, einen kla­ren Blick zu bewahren. Bei der Definition von Unabhängigkeit folgen wir strikten Regelun­gen, wie sie sich zum Beispiel die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft in den letzten Jahren gegeben hat.

DÄ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Von Herrath: Mehr finanzielle Unterstützung für unabhängige Forschung, speziell zu Nutzen und Schäden neu zugelassener Arzneimittel, eine Verpflichtung der Pharmaun­ter­nehmen, ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe offen­zulegen und die Preise stärker am Nutzen beziehungsweise am Innovationsgrad zu orientieren, eine öffentliche Diskussion über die Konsequenzen beschleunigter Zulassungsverfahren sowie mehr Transparenz hinsichtlich der Deklaration und des Umgangs mit Interessen­kon­flikten bei der Fortbildung insgesamt und bei Verfassern von Leitlinien.

Außerdem wünschen wir uns noch mehr Aufmerksamkeit bei Ärztinnen und Ärzten für unabhängige Informationsquellen, die sie – und folglich ihre Patienten – vor unseriösen Marketingstrategien schützen und ihnen somit helfen, bei neuen Arzneimitteln die Spreu vom Weizen zu trennen.

© fos/HK/aerzteblatt.de

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Herz1952
am Freitag, 4. November 2016, 17:11

Die abhängiste Informationsquelle ist der G-BA

Der G-BA ist vom Geld abhängig, das eingespart werden muss. So wird häufig der Zusatznutzen, der durchaus besteht bei neuen Arzneimitteln, einfach "unter den Teppich gekehrt".

Insbesondere bei Wegfall von schwerwiegenden Nebenwirkungen. Eine verstärkte Wirkung wird gar nicht erst geprüft.
LNS

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