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Medizin

Postoperative Wundinfektionen in Europa rückläufig

Freitag, 4. November 2016

dpa

Stockholm/Genf – Die Häufigkeit von Infektionen nach chirurgischen Eingriffen ist in Europa bei vier von sieben häufigen Operationen rückläufig. Nur nach Cholezystek­tomien verzeichnet der Jahresbericht des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) einen Anstieg. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) gibt in einem Report Empfehlungen zur Vermeidung der Infektionen.

Postoperative Infektionen gehören zu den häufigsten nosokomialen Erkrankungen. Sie sind mit längeren postoperativen Kranken­haus­auf­enthalten, zusätzlichen chirurgischen Eingriffen, einer häufigen Behandlung auf Intensivstation und mit einer höheren Mortalität verbunden. Die ECDC hat deshalb eine Surveillance bei den sieben häufigsten Eingriffen begonnen. Dies sind koronare Bypass-Operationen, Cholezystektomie, Darmoperation, Kaiserschnitt, Hüftendoprothese, Knieendoprothese und Laminektomie.

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Im Untersuchungszeitraum 2013 und 2014 wurden Meldungen aus 15 EU-Mitgliedern (darunter Deutschland) und einem EEA-Staat berücksichtigt. Nach 18.364 von 967.191 Operationen kam es zu einer Infektion. Etwa die Hälfte der Infektionen entfielt auf oberflächliche Wundinfektionen (56 Prozent), ein Viertel (26 Prozent) betraf tiefere Schichten und bei jeder fünften Infektion (18 Prozent) waren Organe oder Hohlräume beteiligt.

Am häufigsten treten postoperative Infektionen nach Darmoperationen auf. Jeder zehnte Patient (9,5 Prozent) erleidet nach der Operation eine Infektion, wobei die Angaben aus den einzelnen Ländern zwischen 4,0 und 16,1 Prozent schwanken. Am seltensten sind postoperative Infektionen nach Wirbelsäulen-Operationen (Laminek­tomie), wo die Rate in den einzelnen Ländern zwischen 0,1 und 2,1 Prozent schwankt. Auch Hüftoperationen (0,3 bis 3,8 Prozent) und Knieoperationen (0,0 bis 3,4 Prozent) werden selten durch Infektionen kompliziert. Wenn es aber zu Infektionen kommt, handelt es sich häufig um tiefe Infektionen. Der Anteil lag nach Hüftoperationen bei 67 Prozent und nach Knieoperationen bei 62 Prozent.

Bei vier der sieben Operationen verzeichnet die ECDC einen Rückgang der post­operativen Infektionen. Dies waren koronare Bypass-Operationen, Kaiserschnitt, Knieoperationen und Laminektomie. Bei Darmoperationen und Hüftoperationen sind die Zahlen gleich geblieben. Bei der Cholezystektomie ist die Rate der Infektionen dagegen gestiegen. Infektionen sind hier in Europa häufiger als in den USA oder auch in der Türkei. Den Grund für den Anstieg der Infektionen nach Gallenoperationen kennt das ECDC nicht. Der Anteil der laparoskopischen Eingriffe biete keine Erklärung. Auffällig war, dass die meisten Infektionen erst nach der Entlassung aus der Klinik auftraten.

Infektionen nach chirurgischen Eingriffen sind keineswegs auf reichere Länder beschränkt, sondern ein weltweites Problem. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat deshalb vor einiger Zeit eine Arbeitsgruppe gegründet, die jetzt auf 185 Seiten 29 globale Empfehlungen zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen vorlegt. Darunter sind 13 präoperative Maßnahmen und 16 intro-und postoperative Maßnahmen. Die wissenschaftliche Begründung wurde in zwei Artikeln in Lancet Infectious Diseases (2016; doi: 10.1016/S1473-3099(16)30402-9 und 30398-X) veröffentlicht.

Zu den präoperativen Empfehlungen gehört das Baden der Patienten vor der Operation. Dies könne mit einer einfachen oder einer antimikrobiellen Seife erfolgen. Für die Verwendung von mit Chlorhexidineglukonat (CHG) imprägnierten Waschtüchern fanden die Autoren des Reports keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege. Zu einer nasalen Dekolonisierung von Patienten mit S. aureus-Besiedlung wird vor kardiothorakalen und orthopädischen Eingriffen geraten. Bei anderen Eingriffen könne dies erfolgen, auch wenn der Nutzen nicht zweifelsfrei belegt sei.

Zu einer präoperativen Antibiotikaprophylaxe wird nur bei bestimmten Operationen geraten. Sie sollte 120 Minuten vor der Inzision begonnen werden, allerdings nur mit einem Antibiotikum mit einer ausreichenden Halbwertzeit. Zu den Eingriffen, bei denen eine präoperative Antibiotikaprophylaxe sinnvoll ist, gehören Darmoperationen. Bei einer elektiven Operation sollte sie mit einer Darmreinigung kombiniert werden. Eine Darmreinigung ohne Antibiotikaprophylaxe wird als unzureichend abgelehnt.

Das Rasieren des Operationsgebiets lehnen die Experten ab, weil die damit verbun­denen Mikrotraumata den Eingriff von Keimen begünstigen. Allenfalls sollten die Haare mit einer Schere vorsichtig gekürzt werden. Um das Eindringen von Keimen zu vermeiden, sollte das Operationsgebiet vor der Inzision mit einem alkoholbasierten Antiseptikum wie CHG gereinigt werden. Eine präoperative Hautversiegelung lehnen die WHO-Experten ab.

Ein guter Ernährungszustand kann nach Ansicht der Autoren dazu beitragen, Infek­tionen zu vermeiden. Vor großen Operationen könne deshalb die orale Gabe einer angereicherten Ersatznahrung erwogen werden, auch wenn es wenige Belege für deren Nutzen gebe. Patienten, die mit Immunsuppressiva behandelt werden, sollten die Medikamente nicht vor der Operation absetzen.

Bei Operationen unter Vollnarkose kann eine Sauerstoffgabe (mit einem Anteil von 80 Prozent) sinnvoll sein, heißt es in den Empfehlungen. Wenn möglich, sollte sie in den ersten zwei bis sechs Stunden nach der Operation fortgesetzt werden. Für einen Schutz vor Infektionen sollte darauf geachtet werden, dass die Körpertemperatur des Patienten während der Operation nicht abfällt. Die WHO-Experten sprechen sich auch für eine perioperative Glukosekontrolle aus, ohne allerdings Zielwerte für den Blutzucker anzugeben.

Die Leitlinien-Autoren sind aufgeschlossen gegenüber der Verwendung von Einmal-Wundschonern (die bei laparoskopischen Eingriffen im Bauchbereich verwendet werden) und auch Wundheilungssysteme mit Negativdruck könnten sinnvoll sein (auch wenn in beiden Fällen die Beweislage als sehr schwach oder schwach eingestuft wird). Mit Triclosan beschichtetes Nahtmaterial sei ebenfalls eine Möglichkeit, postoperative Wundinfektionen zu verhindern. Einer Laminar Flow-Ventilation können die Experten dagegen auch in der Gelenkchirurgie nichts abgewinnen. Deren Nutzen zur Vermeidung von postoperativen Infektionen sei nicht belegt, heißt es.

Auch die Fortsetzung der Antibiotikaprophylaxe nach dem Ende der Operationen wird abgelehnt. Dies sei kein geeignetes Instrument, um postoperative Infektionen zu vermeiden. Die Experten berufen sich hier auf die Ergebnisse aus 44 randomisierten Studien, die in einer Meta-Analyse keine Belege für eine protektive Wirkung erbracht haben. © rme/aerzteblatt.de

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