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Ärzteschaft

Reinhardt ruft Ärzte auf, die Digitalisierung mutiger voranzutreiben

Freitag, 4. November 2016

Berlin – Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Klaus Reinhardt, hat die Ärzte in Deut­sch­land dazu aufgerufen, die Digitalisierung des Gesundheitswesens mutiger voranzu­treiben. „Im Bereich der Digitalisierung agieren wir Ärzte sehr konservativ, weil wir nicht wissen, was die Digitalisierung mit dem Arztbild macht“, sagte Reinhardt heute auf der Haupt­ver­samm­lung des Hartmannbundes in Berlin.

Auf der einen Seite stehe die Bereitschaft auch der Ärzte, mit Smartphones Bank­ge­schäf­te zu machen oder mit ihren Verwandten in Australien zu skypen. „In unserem Kern­geschäft aber, dem Gesundheitswesen, sind wir von Verlustängsten geprägt“, so Rein­hardt. „Wir haben Angst, dass diese kleinen Geräte uns ersetzen.“ Das habe vielleicht auch mit dem ärztlichen Durchschnittsalter zu tun. „Ich möchte uns Mut machen, uns fort­schrittsorientiert zu organisieren. Denn es stört unsere Arbeit, dass wir nicht so selbst­ver­ständlich elektronisch miteinander vernetzt sind, wie wir es an anderen Stellen längst sind“, betonte der Hartmannbundvorsitzende.

„Bei der Digitalisierung haben Ärzte immer nur das Negative gesehen“, meinte auch Mi­cha­el Schwarzenau, Aufsichtsratsvorsitzender des Zentrums für Telematik und Tele­me­di­zin. „Es herrschte Misstrauen und Angst vor Kontrolle.“ Die Bereitschaft der Patienten, die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu nutzen, sei hingegen groß. „Wir werden da­mit leben müssen, dass sich der Patient seine Erstmeinung im Internet holt und seine Zweit­meinung beim Arzt.“

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Durch das E-Health-Gesetz werde der Fokus nach Ansicht von Schwarzenau jetzt mehr auf die Chancen der Digitalisierung gelegt, „auf die man nicht verzichten kann, weil man nicht auf sie verzichten will“. Bisher gebe es bei der Digitalisierung des Gesundheits­we­sens immer nur Insellösungen. „Ich glaube, die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist ein schlafender Riese, der langsam wach wird“, meinte Schwarzenau.

Der Vorsitzender der Bund-Länder-Arbeitsgruppe Telematik im Gesundheitswesen, Mathi­as Redders, betonte, dass „wir eine sektorenübergreifende, arztgeführte, struk­tu­rierte Dokumentation brauchen: genannt elektronische Patientenakte“. Der Arzt müsse die Möglichkeit haben, seine Daten auf diese Akte zu legen, auf die auch andere nieder­gelassene Kollegen und Krankenhausärzte zugreifen könnten. Er müsse dies verpflich­tend im Rahmen seiner Dokumentation tun. Nur so benutze er sie auch wieder.

„Wenn zum Beispiel Apple eine elektronische Patientenakte anbietet, die vielleicht noch durch Daten aus dem Fitnessstudio ergänzt wird, ist das eine schöne Sache“, sagte Redders. „Aber würden Sie als Ärzte eine Therapie auf der Grundlage einer solchen Akte beginnen? Das täten Sie nicht.“

Redders erklärte, dass man in Deutschland bei der Einführung der elektronischen Pa­tien­tenakte noch ganz am Anfang stehe. „Es starten jetzt die ersten Tests, die Telema­tikinfrastruktur soll dann in zwei Jahren stehen“, erklärte er. Es sei jedoch äußerst schwie­rig, den elektronischen Arztbrief dort einzubeziehen und mit allen Praxen in Deutschland abzustimmen. Aber es werde eines Tages funktionieren. Denn „es muss ja auch funktionieren“.

Markus Müschenich, Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin meinte, der Weg  der Kommunikation zwischen Patient und Arzt werde sich umdrehen: „Früher hat der Arzt dem Patienten etwas gesagt. Heute sagt der Patient dem Arzt etwas. Das ist die neue Welt. Und wir Ärzte haben keine andere Wahl als sie zu nutzen.“

Er gab Beispiele dafür, wie sich das Gesundheitssystem durch die Digitalisierung in Zu­kunft verändern könnte: „In den USA gibt es sogenannte Gesundheitskioske, die in un­ter­versorgten Regionen aufgestellt werden. Menschen können sich dort hineinsetzen und zum Beispiel ihre Lungenfunktion testen oder ein EKG machen. Über einen Bild­schirm ist ein Arzt zugeschaltet, der sie berät.“

Es gebe auch Krankenkassen, denen einige Spezialisten ausreichten, die die Bilder ihrer Versicherten auswerten. „Das geht tief bis in die Grundfesten unseres Gesundheits­sys­tems“, meinte Müschenich. „Denn brauche ich dann noch den Kollektivvertrag? Und brau­che ich noch deutsche Ärzte oder kann ich von irgendwo einfach Ärzte zuschalten?“

Bei allem Selbstbewusstsein, das Ärzte haben könnten: „Wir sind gerade dabei, struktu­rell unsere Führung zu verlieren“, meinte er. „Wo es nur um Wissen und Erreichbarkeit geht, haben wir schon verloren. Wir müssen nun überlegen, wo unsere Kompetenzen liegen, wo wir kämpfen müssen und wo es sich nicht lohnt zu kämpfen.“

© fos/aerzteblatt.de

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