Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Pädiatrie: Vollnarkose gefährdet spätere schulische Leistungen kaum

Mittwoch, 9. November 2016

dpa

Stockholm – Schwedische Kinder, die in den ersten vier Lebensjahren unter Allgemein­anästhesie operiert wurden, hatten später nur wenig schlechtere Schulnoten als andere Kinder. Die Jungen hatten laut einer Studie in JAMA Pediatrics (2016; doi: 10.1001/jamapediatrics.2016.3470) bei der Musterung einen nur unwesentlich geringeren Intelligenzquotienten.

Viele Pädiater sorgen sich, dass eine Allgemeinanästhesie in den ersten Lebensjahren dem Gehirn in einer ausgesprochenen Wachstums-und Entwicklungsphase des Denkorgans bleibende Schäden zufügen könnte. Diese Befürchtung stützt sich auf tierexperimentelle Studien. Dort wurden mit den heute verwendeten Allgemein­anästhetika regelmäßig Schäden an Nervenzellen und Synapsen ausgelöst. Ob diese Neurotoxizität für die klinische Anwendung der Allgemeinanästhetika beim Menschen relevant ist, können nur epidemiologische Untersuchungen zeigen.

Diese Untersuchungen werden häufig in skandinavischen Ländern durchgeführt, da dort die Einträge in verschiedenen Personenregistern leicht verknüpft werden können. Den Einwohnern wird nämlich bei der Geburt eine Identifikationsnummer zugeordnet, die in allen Registern verwendet wird. Die Daten zu Operationen in den ersten vier Lebens­jahren entnahmen Pia Glatz vom Karolinska Institut in Stockholm und Mitarbeiter dem Schwedischen Patientenregister. Die Vergleichsgruppe bildeten alle anderen Kinder, die das Geburtsregister des Landes erfasst. Auch die Schulnoten im Alter von 16 Jahren sind in einem Register festgehalten, ebenso die Ergebnisse der Musterung, bei der die angehenden Rekruten einen Intelligenztest durchführen mussten – die allgemeine Wehrpflicht wurde inzwischen abgeschafft.

Die Vergleiche ergaben, dass die 33.514 Kinder, die in den ersten vier Lebensjahren operiert wurden, nur wenig schlechtere Abschlussnoten in der Schule hatten als andere, und die Jungen erzielten später im Intelligenztest bei der Musterung nur unwesentlich schlechtere Ergebnisse. Der Unterschied bei den Schulnoten betrug 0,41 Prozent, wenn die Kinder eine Operation in Vollnarkose erhalten hatten. Er war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,12 bis 0,70 Prozent signifikant, also wahrscheinlich kein zufälliges Ergebnis.

Dies lässt vermuten, dass die Anästhetika sehr wohl einen schädlichen Einfluss haben können, dass dieser aber in der Regel gering ist. Kleinkinder, die zweimal in den ersten vier Jahren in Vollnarkose operiert wurden, erzielten zu 1,41 Prozent schlechtere Ergebnisse und bei drei oder mehr Operationen fielen die Ergebnisse um 1,82 Prozent zurück.

Die Ergebnisse im Intelligenztest bei der Musterung weisen in dieselbe Richtung: Nach einer Operation im Kleinkindalter hatten die Rekruten einen um 0,97 Prozent niedrigeren IQ. Nach zwei Operationen betrug der Unterscheid 1,02 Prozent und nach drei oder mehr chirurgischen Eingriffen 2,74 Prozent. Auf den weiteren Lebenslauf hat dies vermutlich keine Auswirkungen. Ein Effekt scheint jedoch zu bestehen. Die Studie kann allerdings nicht zwischen möglichen Auswirkungen der Erkrankung und des chiurgischen Eingriffs und den neurotoxischen Eigenschaften des Narkosemittels unterscheiden.

Die Ergebnisse sind für Tom Hansen von der Universität Odense kein Grund, Operationen im Kleinkindalter auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Die Nachteile für die Kinder wären vermutlich größer als die Schutzwirkung für das Gehirn, schreibt der Anästhesiologe und pädiatrische Intensivmediziner im Editorial. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

24.10.17
Geburtshilfe: Liegende Position erhöht bei Periduralanästhesie Chance auf natürliche Geburt
Birmingham – Erstgebärende, die eine milde Periduralanästhesie erhalten, können häufiger eine instrumentelle oder operative Geburt vermeiden, wenn sie in der Austreibungsphase der Geburt eine liegende......
12.10.17
Studie: Periduralanästhesie verlängert Geburt nicht
Boston – Die Befürchtung, dass eine Periduralanästhesie die Austreibungsphase verlängert und dadurch die Geburt kompliziert, hat sich in einer randomisierten Studie in Obstetrics & Gynecology......
20.09.17
Positiv- und Negativempfehlungen sollen Patientensicherheit bei Operationen verbessern
Nürnberg – Bei der Behandlungsqualität und damit der Patientensicherheit in der operativen Anästhesie gibt es noch Luft nach oben. Darauf hat die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und......
15.09.17
Anlegen eines peripheren Venenzugangs: Studie belegt Wirksamkeit der Lokalanästhesie
Köln – Erhalten Patienten beim Anlegen eines peripheren Venenzugangs eine Lokalanästhesie, haben sie bei Verwendung größerer Kanülen ein deutlich reduziertes Schmerzempfinden. Der Einsatz von......
31.08.17
Vollnarkose bei Säuglingen könnte die Hirnstruktur verändern
Iowa – Eine Allgemeinanästhesie während des ersten Lebensjahrs könnte sich auf das Volumen und die Integrität der weißen Substanz im Gehirn auswirken. Dies schließen Forscher der University of Iowa......
28.08.17
Anästhesisten in Weiterbildung leiden unter Ökonomisierung
Regensburg/Berlin/Kiel/Heidelberg – Auch in der Anästhesie ist die Öko­nomi­sierung der Medizin für den Nachwuchs deutlich spürbar. Das zeigt eine Umfrage des Wissenschaftlichen Arbeitskreises......
22.08.17
Anästhesisten oft abhängig beschäftigt und sozialversiche­rungspflichtig
Darmstadt – Anästhesisten in Krankenhäusern sind in der Regel abhängig beschäftigt und damit sozial­ver­sicherungs­pflichtig. Das hat der 1. Senat des Hessischen Landessozialgerichts in einem heute......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige