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Medizin

Erste Grippe-Erkrankung in der Kindheit prägt lebenslange Immunität

Freitag, 11. November 2016

dpa

Los Angeles – Der erste Kontakt mit Grippe-Viren im Kindesalter beeinflusst möglicherweise lebenslang den Verlauf von späteren Infektionen mit Influenza A-Viren. Nach einer Studie in Science (2016: 354: 721-725) haben Menschen, die vor 1968 geboren wurden, eine Immunität gegen Gruppe 1-Viren, die auch den Verlauf einer H5N1-Vogelgrippe abschwächt. Später Geborene haben dagegen eine Teilimmunität gegen die H7N9-Vogelgrippe.

Die Influenza A-Viren H5N1 und H7N9 sind die derzeit am meisten gefürchteten Erreger der Vogelgrippe. Die Erkrankung greift zwar selten auf den Menschen über. An den beiden Varianten sind bisher nur etwa 700 Menschen erkrankt. Wenn es aber zur „Vogelgrippe“ kommt, verläuft diese häufig tödlich. Merkwürdigerweise sterben an der Vogelgrippe H7N9 vor allem ältere Menschen, während Erkrankungen mit H5N1 eher bei jüngeren Patienten tödlich verlaufen.

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Ein Forscherteam um James Lloyd-Smith von der Universität von Kalifornien in Los Angeles führt dies auf die unterschiedliche Gruppenzugehörigkeit der Viren zurück. H5N1 gehört zur Gruppe 1, die die Subtypen H1, H2 und H5 umfasst. H7N9 gehört zur Gruppe 2 mit den Subgruppen H3 und H7.

Auch die jährlich kursierenden konventionellen Grippe-Viren gehören zu einer der beiden Gruppen. Derzeit dominieren H3N2-Viren der Gruppe 2 das Geschehen. Dieser Virustyp hat sich seit der Hongkong-Grippe von 1968 weltweit durchgesetzt. Davor dominierten die H1N1-Viren der Gruppe 1, die jetzt als Viren der Schweinegrippe eine Renaissance erfahren.

Der Gruppenwechsel erklärt laut Lloyd-Smith nicht nur die altersbedingte (besser Jahrgangs-bedingte) Anfälligkeit für die beiden Vogelgrippe-Viren. Bei der Schweine­grippe H1N1 wurde ein ähnliches Phänomen beobachtet. Lloyd-Smith führt dies auf ein „Imprinting“ zurück. Die erste Grippe-Erkrankung im Leben präge das Immunsystem und gewährleiste eine lebenslange Teilimmunität vor Viren der gleichen Gruppe. Sie verhindere zwar nicht unbedingt, dass es zu einer Infektion kommt. Die Grippe­symptome würden jedoch abgeschwächt. Für die beiden Vogelgrippe-Varianten H5N1 und H7N9 errechnet Lloyd-Smith eine 75-prozentige Protektion vor schweren Erkrankungen und einen 80-prozentigen Schutz vor tödlichen Verläufen.

Die Hypothese könnte auch den Verlauf der Spanischen Grippe von 1918 erklären. Damals starben vor allem jüngere Menschen. Lloyd-Smith vermutet, dass es zwischen 1880 und 1900 einen Gruppenwechsel bei den dominierenden Influenza A-Viren gab (diese Spekulation lässt sich nicht beweisen, da keine Viren aus der damaligen Zeit erhalten sind). Die Hypothese könnte, wenn sie sich denn durchsetzen sollte, auch die Gestaltung der Schutzimpfung beeinflussen. Lloyd-Smith hielte es für sinnvoll, kleine Kinder mit einer Vakzine zu impfen, die Viren beider Gruppen enthält. Ein „duales Imprinting“ könnte die Kinder dann lebenslang (weitgehend) vor schweren Verläufen der Grippe schützen. 

Dies ist allerdings eine gewagte Hypothese. Bisher ist unklar, ob tatsächlich der erste Kontakt mit den Viren entscheidend ist oder ob eine kumulative Exposition über mehrere Jahre erforderlich ist, wie Cécile Viboud von den National Institutes of Health in Bethesda in einem Kommentar schreibt. Unklar ist auch, ob eine Impfung den gleichen Effekt erzielen würde wie eine natürliche Grippe-Infektion. Es ist derzeit auch nicht bekannt, welche immunologischen Vorgänge für das Imprinting verantwortlich sind. Die Hypothese stützt sich derzeit allein auf epidemiologische Daten. © rme/aerzteblatt.de

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