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Medizin

Belastungs­inkontinenz: Duloxetin ist nur für psychisch gesunde Patienten geeignet

Dienstag, 22. November 2016

/Rainer Sturm, pixelio.de

Kopenhagen – Das Antidepressivum Duloxetin ist in Europa auch bei Belastungs­inkon­ti­nenz zugelassen. Zwar verbessert es die Symptome. Jedoch überwiegen potenziell fol­geschwere Nebenwirkungen, wenden Forscher vom Nordic Cochrane Centre ein. Nega­tive Gefühlszustände wie Angst, Akathisie, Aufregung oder Unruhe, die Suizidalität und Aggressionen begünstigen, treten vier- bis fünfmal häufiger auf als in einer Placebo­gruppe.

Zu diesem Ergebnis kommen die dänischen Forscher in einer Metaanalyse basierend auf Daten der European Medicine Agency (EMA), die im Canadian Medical Association Journal publiziert wurde (2016, doi: 10.1503/cmaj.161088). Eine Vertreterin der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) vermutet jedoch, dass das Medikament häufig bei falscher Indikation eingesetzt wird.

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Duloxetin war das erste spezifisch gegen Belastungsinkontinenz wirkende Medikament. Es verbessert die Kontraktilität des quergestreiften Harnröhren-Schließmuskels. Unter Duloextin-Therapie berichten die Betroffenen seltener von wöchentlichen Inkontinenz-Episoden.

Damit sie die Symptome jedoch als viel besser oder sehr viel besser einordnen, bedurfte es acht Patienten (number needed to treat). Hingegen waren nur sieben Menschen mit Belastungsinkontinenz und Duloextin-Therapie nötig, um einen zu finden, der über eine Nebenwirkung klagte. Diesen Vergelich stellen die Autoren um Emma Maund in ihrer Metaanlyse auf, in der sie vier randomisierte placebokontrollierte Studien mit 1.913 Patienten auswerteten.

Zwar konnten die Autoren Suizide, Gewalt oder Akathisie nicht direkt beobachten. Jedoch ordnen sie auffällige Störungen als bedrohlich ein. Unter Duloxetin traten Angst, Panikatacken, Stress oder auch Euphorie und Manie häufiger auf als in der Placebo­gruppe. Die US Food and Drug Administration (FDA) berichtet in einer offenen Folge­studie mit 9.400 Patienten über eine erhöhte Rate von Suizidversuchen unter dem Antidepressivum (400 pro 100.000 Suizidversuche/Jahr versus 150 bis 160 pro 100.000/Jahr). Keinen Anstieg der Suizidalität beobachtete die FDA hingegen bei Studien zu Cymbalta bei Patienten mit Depressionen oder diabetischer Neuropathie.

Duloxetin ist nur bei bestimmten Patienten indiziert
„Aufgrund dieser ungewissen Studienlage müssen wir den Nutzen von Duloxetin bei Belastungsinkontinenz hinterfragen und raten von der Verschreibung ab“, schlussfolgert Maund. Dieser Empfehlung will sich Ulrike Hohenfellner nicht anschließen. „Entschei­dend ist, dass Duloxetin nur dann ohne Absprache mit einem Neurologen oder Psychiater eingesetzt wird, wenn keine psychische Komorbidität besteht“, erklärt die Vorsitzende des Arbeitskreises Psychosomatische Urologie und Sexualmedizin der DGU.

Bei psychisch gesunden Patienten sei die Anwendung im Hinblick auf Suizidalität sicher und die Verschreibung unbedenklich. „Hingegen wirkt Duloxetin bei depressiven Patienten antriebssteigernd, wodurch es zum Handlungsentschluss und zur Umsetzung einer suizidalen Aktivität kommen kann, für die zuvor der Wille und die Energie fehlten.“ Entsprechend gelte eine begleitende Depression seit Zulassung des Präparats als Kontraindikation bei der Inkontinenz-Therapie.

In Deutschland leidet etwa jede vierte Frau ab 40 unter Belastungsinkontinenz. Insgesamt geht Hohenfellner von etwa 10 Millionen Betroffenen aus. Das sei allerdings nur eine grobe Schätzung.

Die Urologin vermutet, dass das erhöhte Vorkommen von affektiven Beschwer­den, die potenziell mit Suizidalität einhergehen können, möglicherweise daraus resultiert, dass eine begleitende Depression oder eine in der Vergangen­heit behandelte depressive Episode in der urologischen Diagnostik nicht registriert worden waren.

 „Die Harninkontinenz weist eine hohe Koinzidenz mit Angsterkrankungen und Depression auf. Dabei finden sich diese sowohl als primäre psychische Erkrankung, die eine somatoforme Inkontinenz bedingt, als auch als sekundär hervorgerufen durch die psychosoziale Belastung der Inkontinenz. Demzufolge sollten Ärzte bei der Inkonti­nenz-Diagnostik immer eine psychosomatische Anamnese durchführen beziehungs­weise einen psychopathologischen Befund einbeziehen. „Findet sich hier keine Kontrain­dikation für Duloxetin, sollte man seinen Patienten diese Therapieoption nicht vorenthalten, im Zweifel aber einen Neurologen oder Psychiater hinzuziehen“, empfiehlt die niedergelassene Urologin aus Heidelberg.

Unverzichtbar ist für Hohenfellner das Medikament in erster Linie zur Behandlung älterer Damen, bei denen aufgrund Arthrose-bedingter körperlicher Einschränkung oder kognitiver Beeinträchtigung ein kuratives Beckenbodentraining nicht zielführend durchführbar ist. Duloxetin ist nach ihrer Erfahrung auch für Männer mit Post-Prosta­tektomie-Inkontinenz anwendbar und verträglich. Hier handelt es sich jedoch um einen Off-Label-Use, Zulassungsstudien liegen nur für Frauen vor.

Seit August 2004 wird der Serotonin-/Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin (Yentreve®) zur Behandlung mittelschwerer bis schwerer Belastungsinkontinenz der Frau in Deutschland angeboten. Bereits damals stand im Arznei Telegramm, dass unter anderem aufgrund von beschriebenen Suiziden und Suizidgedanken die positive Bewertung der europäischen Zulassungsbehörde nicht nachvollziehbar erscheinen würde. Von einer Einnahme wurde abgeraten. Der aktuelle Arznei-Verordnungsreport zeigt 2015 wie auch schon 2014 einen Rückgang des vergleichsweise ohnehin geringen Verordnungsvolumens. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #788950
Sinead
am Freitag, 27. September 2019, 17:47

Duloxetin/Cymbalta

Ich wurde mit Duloxetin(Cymbalta) im Krankenhaus behandelt. Zuerst verstärkten sich die Suizidgedanken. Dies habe ich deutlich kommuniziert. Danach fing ich an mich zu verletzten.Das habe ich zuvor nie getan.Noch immer wurde die Medikation nicht überprüft. Ich habe dann 3 Suizid Versuche unternommen. Vor dem letzten Versuch habe ich vergeblich versucht Hilfe zu bekommen. Die Pflege knallte mir mit dem Hinweis auf die an diesem Tag statt findende Visite die Türe zu.Ich war so verzweifelt, das ich mir mit einer Schere die Pulsadern geöffnet habe.Als dies bemerkt wurde kam die OÄ hinzu. Alles was sie mir zu sagen hatte war "Oberartzvisite - Fr.XX machen Sie ihre Haare aus dem Gesicht." Auf die Idee, das sie selber verantwortlich war, da sie ihre eigene Medikation nicht infrage stellen wollte kam sie nicht.Statt dessen schaute sie mich angewiedert an. Die Wunde, die genäht hätte werden müßen, wurde lediglich grob abgebunden und nicht mal desinfiziert. Ich stimmte zu erstmal auf die Geschütze zu gehen, obwohl der Fehler nicht bei mir lag; schließlich hatte ich mich vorher gemeldet. Als man mich aus dem Zimmer führte standen schon ein Bett mit Fixiergurten und 3 Sicherheitsleute bereit. Ich hatte eine riesen Angst; signalisierte aber das ich freiwillig mit gehen würde. Ich wurde dann wie eine Schwerverbrecherin von 5 Mann (3 x Sicherheitssdienst, 1 Pfleger; 1 Arzt) abgeführt. Einer der Sicherheitsleute drückte seine Finger immer wieder auf die Wunde, was sehr weh tat. Der Pfleger hielt meinen Ellenbogen so fest, das dieser blau wurde. Ich blieb stehen und bat dies zu unterlassen.Mir war in diesem Moment nicht klar, das beide absichtlich eine Reaktion hervor rufen wollten um mich weiter zu demütigen. Ich wurde gepackt und auf das eilends herbei geholte Bett geworfen. Der Mann vom Sicherheitsdienst, der mich zuvor schon gequält hatte, hielt mich am Hals fest. Dadurch bekam ich Panik und wehrte mich heftig. Ein weiterer Arzt, der wohl in der Nähe war kam hinzu.Ich wurde dann von den 6 Männern grundlos fixiert. Der OÄ der neuen Station wurde eine wilde Story erzählt, so das ich kurz darauf einer Richterin vorgeführt wurde. Meine Freiwilligkeit durfte ich nicht mehr erklären. Ein Zusammenhang zwichen den Psychpharmaka und meinen Suizidversuchen wird bis heute von der Klinik ausgeschlossen. Dabei sind diese in den Nebenwirkungen mit 1: 1000 beschrieben.

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