Medizin

Bariatrische Chirurgie könnte Risiko für Herzversagen senken

Donnerstag, 17. November 2016

New Orleans – Die bariatrische Chirurgie hat für adipöse Patienten nicht nur den Vorteil, Gewicht zu verlieren. Auch das Herz könnte profitieren. Vorläufige Ergebnisse dazu präsentierten schwedische Forscher auf dem Treffen der American Heart Association.

Vier Jahre nach dem chirurgischen Eingriff beobachteten die Forscher bei diesen Patienten ein um 50 Prozent geringeres Risiko für Herzversagen als bei jenen, die eine strukturierte Lebensstilintervention durchgeführt hatten. Die tatsächlichen Betroffenen­zahlen dazu zeigen ein weniger beeindruckendes Bild, erklärt Johan Sundström von der Uppsala University. „Insgesamt beobachteten wir nur bei 73 der fast 40.000 Patienten eine Herzschwäche.“

Anzeige

Die Ursachen für das höhere Risiko könnten auf den vorteilhaften operativen Eingriff zurückführbar sein, sagt Sundström. Denn dieser ging einher mit weniger Fällen von Vorhofflimmern, Diabetes und Bluthochdruck – alles bekannte Risikofaktoren für Herzschwäche. Die Herzinfarkt- und Mortalitätsrate unterschied sich jedoch nicht in den beiden Gruppen.

Schon nach einem Jahr hatten die operierten Patienten etwa 35 kg an Gewicht verloren, 18,8 kg mehr, als es denjenigen mit einer Lebensstilintervention möglich war. Nach zwei Jahren wuchs der Unterschied noch weiter auf 22,6 kg an.

Lebensstilinterventionsprogramm

  • 3 bis 10 Wochen 500 kcal/Tag
  • 2 bis 8 Wochen leicht zunehmender Anstieg der Nahrungsaufnahme
  • 9 Monate lang Gewicht halten, Hilfestellung durch sportliche Aktivität, Verhaltenstherapie, Ernährungsratschläge

Das Lebensstilinterventionsprogramm Itrim besteht aus einer strickten Diät in den ersten drei bis zehn Wochen, gefolgt von einem graduellen Anstieg der täglichen Kalorienzufuhr. Im Anschluss sollten die Probanden ihr Gewicht über einen Zeitraum von neun Monaten halten. Hilfe erhalten sie dabei von geschulten Coaches für regelmäßige Bewegung und Ernährung. Jeder Fünfte brach das strenge Programm noch im ersten Jahr ab.

Die Forscher um Sundström hatten die Daten von 25.804 Patienten analy­siert, bei denen ein Magenbypass gelegt worden war. In der Vergleichsgruppe versuch­ten 13.701 Patienten mithilfe von Itrim abzunehmen. Im Durschnitt wogen die Teilnehmer 119 kg und hatten eine Body-Mass-Index (BMI) von über 30 kg/m2 zu Beginn des Beobachtungszeitraums. Keiner der Teilnehmer hatte eine bekannte Herzschwäche, bevor sie anfingen, Gewicht abzunehmen.

Ob die Kosten für einen solchen bariatrischen Eingriff übernommen werden, entscheiden die Krankenkassen in Deutschland. Nicht jeder übergewichtige Patient der will, wird eine solche Operation erhalten, teilt der GKV-Spitzenverband auf Anfrage hin mit. Es gelten strenge Voraussetzungen für diese Form der Therapie (s. Kasten).

Voraussetzungen:
Die Implantation eines Magenbandes oder ähnlicher bariatrischer Eingriffe kommt nur als Ultima Ratio und nur bei Patienten in Betracht, die die Bedingungen für eine erfolgreiche Behandlung erfüllen. Seitens des Bundessozialgerichts wurde unter Berücksichtigung vorliegender Leitlinien der Fachgesellschaften und den einschlägigen Literaturbeiträgen folgende Voraussetzungen definiert:

  • Body Mass Index (BMI) ≥ 40 oder ≥ 35 mit erheblichen Begleiterkrankungen
  • Erschöpfung konservativer Behandlungsmöglichkeiten
  • tolerables Operationsrisiko
  • ausreichende Motivation, keine manifeste psychiatrische Erkrankung
  • Möglichkeit einer lebenslangen medizinischen Nachbetreuung u.a.
Quelle: GKV

Die Deutsche Gesellschaft für Adipositas  weist zusätzlich darauf hin, dass bariatrische Operationen bei Patienten mit schwerem Adipositas in Verbindung mit erheblichen Folgeerkrankungen angezeigt sind, bei denen konservative Therapien bislang gescheitert sind. Eine chirurgische Intervention sollte in spezialisierten Einrichtungen in Betracht gezogen werden. Die Patientenauswahl sollte nach strengen Kriterien erfolgen (National Institute of Health Consensus Development Conference, 1992, EK IV, Empfehlungsgrad C; SIGN, 1996, EK IV, Empfehlungsgrad C). An das mit dem Wahleingriff verbundene Operationsrisiko sind besonders strenge Maßstäbe anzulegen, es darf in keinem Fall die bei anderen Wahleingriffen bekannten Risiken überschreiten. Da eine Gewichtsreduktion auf verschiedenen Wegen erreicht werden kann, muss vor einer Operation geprüft werden, ob auch andere Verfahren als Alternativen (diätische Therapie, Bewegungstherapie, medikamentöse Behandlung, Psychotherapie, ...) möglich sind, schreibt der GKV-Spitzenverband. Diese Ausführungen gelten generell für die metabolische Chirurgie, also ebenso für Eingriffe wie Magenbypässe oder Ähnliches.

Sundström plädiert aufgrund der vorläufigen Daten nicht dafür, grundsätzlich bereits ab einem BMI von 30 eine Operation in Erwägung zu ziehen. Dafür müssten erst weitere Studien durchgeführt werden, die den Vorteil des Magenbypasses langfristig beweisen.

Den Trend zu mehr Operationen bei Adipositas, der sich auch in Deutschland abzeich­net, sieht die Barmer GEK hingegen mit Sorge. Auf der anderen Seite klagen Befürwor­ter der bariatrischen Chirurgie, wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie, über „eklatant unterversorgte“ Patienten mit morbider Adipositas. Über beide Seiten wurde bereits berichtet. © gie/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Dr.Bayerl
am Dienstag, 3. Januar 2017, 09:09

"könnte" ist falsch formuliert

Bariatrische Chirurgie SENKT das "Stoffwechselrisiko", das cardiovaskuläre Risiko und erhöht die Lebenserwartung.
Das ist nur schon seit über 20 Jahren bekannt und vielfach belegt.

Nachrichten zum Thema

28.03.17
Leipzig – Die Universität Leipzig nimmt jetzt nach eigener Einschätzung eine Vorreiterrolle bei der Operation von Übergewichtigen in Sachsen ein. Ein bisheriges Kompetenzzentrum sei zu einem......
20.03.17
Fachgesellschaft fordert bessere psychotherapeutische Versorgung nach Adipositaschirurgie
Berlin – Auf die psychische Verfasstheit von Patienten nach einer bariatrischen Operation hat die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) hingewiesen.......
07.03.17
Bad Oeynhausen – Die Fachgesellschaften für Kardiologie und Herz-Kreislaufforschung (DKG) sowie für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) haben das Herz- und Diabeteszentrum NRW Bad Oeynhausen......
05.03.17
Mehr braunes Fett könnte Adipositas- und Diabetes-Therapie begünstigen
Zunehmende Aktivität des braunen Fettgewebes in vier Patienten (v.l.n.r). Die oberen Panels zeigen axiale Schnitte von FDG-PET/CT-Aufnahmen, die unteren zeigen koronare Schnitte des FDG-PET-Signals. /......
24.02.17
Adipositas: Liraglutid kann Typ 2-Dia­betes vorbeugen
London – Das Inkretin-Mimetikum Liraglutid, das die Magenentleerung hemmt und im Gehirn das Sättigungsgefühl steigert, hat in einer randomisierten Studie nicht nur das Körpergewicht von Patienten mit......
22.02.17
Reha-Sport bei Herzinsuffizienz sicher und effektiv
Trondheim – Ein moderates Sportprogramm hat sich bei Patienten mit eingeschränkter linksventrikulärer Pumpschwäche in einer randomisierten Studie als sicher erwiesen und die Herzleistung leicht......
21.02.17
Typ-2-Diabetes: Bariatrische Operation kann Medikamente langfristig ersetzen
Cleveland/Ohio – Jeder vierte Patient mit Typ-2-Diabetes mellitus erreichte in einer randomisierten Langzeitstudie nach einer operativen Magenverkleinerung oder einer Bypassoperation normale......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige