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Medizin

Chinesische Forscher setzen „Genschere“ CRISPR/Cas9 erstmals beim Menschen ein

Donnerstag, 17. November 2016

dpa

London – Am 28. Oktober wurde an der Sichuan-Universität in Chengdu erstmals ein Mensch mit Zellen behandelt, deren Gene mit der umstrittenen CRISPR/Cas9-Technologie verändert wurden. Wie Nature berichtet, wurde der Patient, der an einem aggressiven Lungenkrebs erkrankt ist, mit seinen eigenen T-Zellen behandelt, aus deren Genom die Forscher zuvor das Gen für das PD-1-Protein entfernt hatten.

Das PD-1-Protein ist ein Rezeptor auf der Oberfläche der T-Zellen. Seine Aktivierung führt zu einem programmierten Zelltod (PD). Einige Krebszellen besitzen Liganden, die an PD 1 binden und dadurch den Gegner „aus dem Weg“ räumen können. Die Entfernung des Gens für den PD-1-Rezeptor macht die T-Zellen an dieser Stelle „unverwundbar“, was die Aggressivität der Immunabwehr deutlich stärken kann. Dies zeigen die Erfahrungen mit den beiden Checkpoint-Inhibitoren Nivolumab und Pembrolizumab, die am PD-1-Rezeptor binden und damit eine Aktivierung der Selbstzerstörung verhindern.

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Die Manipulation mit der Genschere erfolgte im Labor nach Entnahme der T-Zellen. CRISPR/Cas9 besteht aus einer Sonde, die bestimmte Regionen des Genoms erkennt, und einem Enzym, das die DNA an dieser Stelle durchtrennt. Dadurch lassen sich gezielt Gene aus dem Erbgut entfernen und durch Zugabe kleiner DNA-Oligonukleotide auch durch andere Gene ersetzen. Die Therapie ist umstritten, da nicht sicher ist, ob sie beim Menschen den gewünschten Effekt erzielt oder die DNA an falschen Stellen durchtrennt. Kontrovers ist vor allem die Idee, gezielt einzelne Gene durch andere zu ersetzen.

Dies planen die chinesischen Forscher (vorerst) nicht. Das Ziel ihrer Phase 1-Studie ist laut einem Eintrag bei clinicaltrials.gov die Sicherheit der Therapie. Das Team um You Lu will zunächst 15 Patienten behandeln. Sie sollen mehrfach Infusionen mit „PD 1-Knockout“-T-Zellen erhalten. Vor der Behandlung ist eine Konditionierung mit Cyclophosphamid geplant, die andere Abwehrzellen beseitigen soll. Um die Aggressi­vität der „PD 1-Knockout“-T-Zellen zu erhöhen, erhalten die Patienten nach der Infusion der T-Zellen eine Behandlung mit Interleukin 2.

US-Forscher blicken laut Nature neidisch auf ihre chinesischen Kollegen. Das Team um Carl June von der Universität von Pennsylvania in Philadelphia befürchtet, in einem biomedizinischen Duell („Sputnik 2.0“) ins Hintertreffen zu geraten. June hatte bereits 2014 über eigene Versuche mit einer anderen Genschere berichtet. Mit der Zinkfinger-Nuklease hatte sein Team aus CD4-Zellen das Gen CCR5 entfernt, das HI-Viren zum Eintritt in die Zellen benötigen. Die Patienten konnten daraufhin vorübergehend auf antiretrovirale Medikamente verzichten. Die Effizienz der Zinkfinger-Nuklease als Genschere ist jedoch begrenzt. CRISPR/Cas9 gilt als zuverlässiger und einfacher in der Anwendung.

In den USA soll Anfang 2017 eine Studie an Krebspatienten beginnen, in der mit CRISPR/Cas9 gleich drei Gene verändert werden sollen. Die Universität Peking plant laut Nature drei Studien zur Behandlung von Krebserkrankungen von Blase, Prostata oder Nieren. © rme/aerzteblatt.de

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