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Medizin

Wie gezielte Belohnungen Ängste aus dem Gedächtnis löschen

Montag, 21. November 2016

/Guenther Gumhold pixelio.de

Cambridge/Kyoto – Angstbesetzte Erinnerungen identifizieren und anschließend wieder löschen – genau das ist mit einer neuen Methode des Neurofeedbacks gelungen, die „artificial intelligence image recognition“ beinhaltet. Das Vorgehen verzichtet darauf, die Teilnehmer wiederholt dem Auslöser der Angst zu exponieren, wie es in der Konfron­ta­tionstherapie üblich ist. Stattdessen erhalten sie zu einem abgepassten Zeitpunkt eine Belohnung. Schon nach drei Tagen bleibt der angstauslösende Trigger ohne Effekt. Die Forscher nennen das Vorgehen „decoded neurofeedback“. Ihre Ergebnisse publizierten sie in Nature Human Behaviour (2016; doi: 10.1038/s41562-016-0006). Nach dem gleichen Prinzip ist den Forschern auch gelungen, das Selbstbewusstsein von zehn Menschen zu verändern (Nature Communication, 2016, doi: 10.1038/ncomms13669).

Die Forscher verursachten bei 17 freiwilligen Studien­teilnehmern einen Angstmoment, indem sie einen kurzen elektrischen Schock auslösten. Zum gleichen Zeitpunkt sahen sie ein bestimmtes Computerbild (siehe Abbildung links) und identifizierten das spezifische angstassoziierte Muster des visuellen Cortex. Parallel waren Bereiche in der Amygdala aktiv, dem Angstzentrum des Gehirns.

„Methoden der artificial intelligence image recognition erlaubten es, die von uns ausge­lösten Angsterinnerungen im visuellen Cortex zu lesen“, erklärt Ben Seymour vom University of Cambridge's Engineering Department. Konventionelles Neurofeedback misst die Hirnaktivität mittels Elektroenzephalografie (EEG) oder funktioneller Magnet­resonanztomographie (MRT). 

„Decoded Neurofeedback hingegen arbeitet mit Algorith­men (sparse logistic regression). Sie dekodieren die Hirnaktivität des Sehkortex und kontrollieren das Feedack damit gezielter“, sagt Seymour. Schwieriger wurde es, als die Autoren der Studie in einem zweiten Schritt versuchten, diese Erinnerung zu über­schreiben, ohne sie dabei versehentlich zu aktivieren.

Selbst wenn die Teilnehmer gerade keiner bestimmten Aufgabe nachgingen und völlig in Ruhe waren, konnten Seymour und seine Kollegen die zuvor identifizierten typischen Muster des Sehkortex beobachten. Jedes Mal, wenn diese unbewussten Muster bei den Teilnehmern zu sehen waren, überreichten die Forscher eine kleine monetäre Beloh­nung. Die Probanden erhielten zwar die Info, dass die Belohnung mit ihrer Hirnaktivität zusammenhing, sie erklärten aber nicht den eigentlichen kausalen Anhaltspunkt.

Nach drei Tagen war die Angst besiegt, die das Bild zuvor ausgelöst hatte: „Weder konnten wir typischen Angstschweiß beobachten noch eine erhöhte Aktivität der Amygdala“, berichtet der Erstautor Ai Koizumi vom Advanced Telecommunicatons Research Institute International in Kyoto.

Bei Angststörungen setzen Psychotherapeuten und Psychiater bisher auf die Konfron­tation mit der Angst auslösenden Situation. Denn dies sei beispielsweise bei Panik­störungen der einzige Ansatz, der nachweislich langfristig wirkt, erklärte Mathias Berger vom Universitätsklinikum Freiburg bei einer Veranstaltung dieses Jahr in Berlin.

Für die Anwendung in der Praxis ist die Methode noch nicht gut genug erforscht. „Damit Patienten mit verschiedenen Ängsten von der neuen Methode profitieren könnten, bräuchte man eine Art Bibliothek“, erklärt Seymour. Diese Bibliothek müsste individuelle Hirncodes für sämtliche Ängste beinhalten, sodass man die Muster identifizieren und in regelmäßigen Decoded Neurofeedback Sessions überschreiben könnte. © gie/aerzteblatt.de

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