Medizin

USA: Demenzrisiko im Alter deutlich zurückgegangen

Montag, 21. November 2016

Ann Arbor – Der Anteil der Senioren mit einer Demenz ist in den USA seit Anfang des Jahrhunderts um ein Viertel gesunken. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative US-Kohortenstudie in JAMA Internal Medicine (2016; doi: 10.1001/jamainternmed.2016.6807). Die Forscher führen dies unter anderem auf ein erhöhtes Ausbildungsniveau der Baby Boomer zurück.

Der Einritt der geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit in das Rentenalter bereitet den Demografen in den westlichen Ländern Kopfzerbrechen. Zu den Negativ-Szenarien gehört eine deutliche Zunahme der Demenzerkrankungen, da neben der Zahl der Senioren auch die Lebenserwartung steigt. Außerdem haben Adipositas und Diabetes, die über eine Zerebralsklerose das Demenzrisiko steigern, stark zuge­nommen.

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Nicht alle wissenschaftlichen Studien können dies bestätigen. So kamen vor drei Jahren zwei Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass sich die kognitiven Fähigkeiten von über 90-Jährigen in Dänemark im letzten Jahrzehnt gebessert haben und in England ein Viertel weniger Menschen an Demenzen erkrankten als dies aufgrund der demografischen Entwicklung der letzten 20 Jahre zu erwarten gewesen wäre (Lancet 2013; 382: 1405-1412 und 1507–1513).

Auch unter den Teilnehmern der US-amerikanischen Health and Retirement Study (HRS) ist die Zahl der Demenzkranken rückläufig. Die Studie befragt alle zwei Jahre eine repräsentative Stichprobe von etwa 20.000 Amerikanern im Alter über 50 Jahre nach ihrer Gesundheit. Zu den Befragungen gehört auch ein telefonisches Screening auf kognitive Störungen, das in den Jahren 2000 und 2012 gleich war, so dass Ungenauigkeiten des Tests keinen Einfluss auf die zeitliche Entwicklung von kognitiven Störungen oder Demenzen haben.

Unter den über 65-Jährigen hatten im Jahr 2000 noch 11,6 Prozent eine Demenz. Im Jahr 2012 waren es dagegen nur noch 8,8 Prozent. Die Differenz von 2,8 Prozentpunkten entspricht einem relativen Rückgang um 24 Prozent. Auch der Anteil der Senioren mit kognitiven Einschränkungen unterhalb der Demenz ist von 21,2 Prozent auf 18,8 Prozent zurückgegangen.

Der Rückgang ist erstaunlich, da einige Risikofaktoren für Demenzerkrankungen deutlich zugenommen haben, so der Anteil der Senioren mit Adipositas (Anstieg von 18,3 auf 29,2 Prozent), Diabetes mellitus (16,4 auf 24,7 Prozent) oder arterieller Hypertonie (54,6 auf 67,6 Prozent). Herzerkrankungen wurden ebenfalls häufiger angegeben (29,1 auf 31,8 Prozent).

Dies schließt allerdings nicht aus, dass medizinische Behandlungen die negativen Auswirkungen der Faktoren abgemildert oder sogar aufgehoben haben. Auffällig ist, dass der Anteil der Senioren, die in einem Seniorenheim leben, von 4,4 auf 2,8 Prozent gesunken ist. 

Kenneth Langa von der Universität von Michigan in Ann Arbor und Mitarbeiter haben eine weitere Vermutung. Aufgrund der Bildungsinitiativen nach dem zweiten Weltkrieg haben immer mehr Senioren einen High-School-Abschluss und ein College besucht. Die durchschnittliche Dauer der akademischen Bildung (Schule und Universität) ist in den zwölf Jahren von 11,8 auf 12,7 Jahre gestiegen.

Das höhere Bildungsniveau könnte dazu geführt haben, dass mehr Menschen Risiko­faktoren wie das Rauchen meiden, sich gesünder ernähren oder sich mehr körperlich bewegen. Langa hält es jedoch auch für möglich, dass die vermehrte Bildung die „kognitive Reserve“ im Gehirn erhöht und Demenzerkrankungen deshalb erst später diagnostiziert werden. © rme/aerzteblatt.de

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