Medizin

Welche Medikamente am häufigsten Notfälle auslösen

Mittwoch, 23. November 2016

Atlanta - Vier von tausend Besuchen in Notfallambulanzen werden in den USA durch Medikamente verursacht, fast 60 Prozent davon entfielen zuletzt auf Antikoagulanzien, Antidiabetika und Opioidanalgetika. Dies ergab eine Untersuchung der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2016; doi: 10.1001/jama.2016.16201).

Die CDC haben zusammen mit der Arzneimittelbehörde FDA und der Verbraucher­schutzbehörde CPSC im Jahr 2002 das National Electronic Injury Surveillance System: Cooperative Adverse Drug Events Surveillance System (NEISS-CADES) ins Leben gerufen. In einer repräsentativen Stichprobe analysiert ein sogenannter „Abstractor“ alle Krankenakten, in denen die Ärzte einen Arzneimittelzwischenfall als Ursache für den Besuch des Patienten notiert haben.

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Die aktuelle Auswertung umfasst den Zeitraum 2013/14, in dem an 58 Notfallam­bulanzen 42.585 Ereignisse aufgetreten sind. Dies entspricht laut Nadine Shehab von der CDC in Atlanta und Mitarbeitern einer Inzidenz von schätzungsweise vier Besuchen einer Notfallaufnahme auf 1.000 Personen pro Jahr. Etwa ein Viertel (27 Prozent) der Besuche führten zu einem Kranken­haus­auf­enthalt.

Schätzungsweise 35 Prozent der Besuche traten bei Erwachsenen im Alter von 65 Jahren oder älter auf, was einen leichten Anstieg gegenüber einer früheren Untersuchung aus 2005/6 bedeutet, als schätzungsweise 26 Prozent der Besuche auf Senioren entfielen. Die Hospitalisierungsrate ist in dieser Altersgruppe mit 44 Prozent am höchsten.

Insgesamt entfielen die meisten Arzneimittelzwischenfälle auf Antikoagulanzien (17,6 Prozent), Antibiotika (16,1 Prozent), Diabetes-Medikamente (13,3 Prozent), Opioidanalgetika (6,8 Prozent), Thrombozytenaggregationshemmer (6,6 Prozent), Inhibitoren des Angiotensin-Renin-Systems (3,5 Prozent), Krebsmedikamente (3,0 Prozent) und Sedativa/Hypnotika (3,0 Prozent).

Die Hospitalisierungsrate, ein grobes Maß für den Schweregrad der Arzneimittel­zwischenfälle war am höchsten bei Herzglykosiden (82,1 Prozent), Krebsmedikamenten (59,7 Prozent), Immunmodulatoren (55,7 Prozent), oralen Antidiabetika (53,0 Prozent) und Antikoagulanzien (48,8 Prozent). Am seltensten führten Zwischenfälle mit Impf­stoffen (3,0 Prozent), Dermatika (3,6 Prozent) oder systemisch verabreichten Antibiotika (7,1 Prozent) zur Hospitalisierung des Patienten. Bei den Antibiotika bildeten Chinolone eine Ausnahme. In dieser Wirkstoffgruppe kam es bei 14,5 Prozent der Patienten mit einem Zwischenfall zur Hospitalisierung.

Bei Kindern waren Nebenwirkungen von Antibiotika der häufigste Grund für einen Besuch der Notfallaufnahme. Acht von 15 Mitteln mit den häufigsten Zwischenfällen entfielen in diese Gruppe. Für Shehab sollte dies eine Mahnung an Pädiater sein, diese Mittel nur einzusetzen, wenn sie indiziert sind. Die Verordnung von Antibiotika erfolgt bei Atemwegsinfektionen häufig „empirisch“ ohne Nachweis der Infektionsursache. Häufig sind dies Viren, gegen die Antibiotika bekanntlich nicht wirken. Unter den 15 häufigsten Wirkstoffen, die bei Kindern und Jugendlichen einen Besuch der Notfallambulanz auslösten, waren auch Methylphenidat und Risperiodon. Auch diese Mittel werden häufig unkritisch verordnet.

Bei Senioren waren Antikoagulanzien für 27,5 Prozent aller Besuche einer Notfallam­bulanz aufgrund von Medikamentenproblemen verantwortlich. Bei den über 80-Jährigen stieg der Anteil sogar auf 38,8 Prozent. In 85,7 Prozent der Fälle waren Vitamin K-Antagonisten (Warfarin) der Auslöser. Auf die neuen oralen Antikoagulanzien (Apixaban, Dabigatran und Rivaroxaban) entfielen 12,0 Prozent der Besuche. Die zweit häufigste Medikamentengruppe nach Antikoagulanzien waren Antidiabetika und hier vor allem Insulin und die oralen Antidiabetika Metformin, Glipizid, Glyburid und Glimepirid.

Die Studie hat nicht geklärt, warum der Einsatz der Medikamente einen Besuch der Notfallambulanz ausgelöst hat (Überdosierung, Wechselwirkung, Nebenwirkung) oder ob der Einsatz des Medikamentes gerechtfertigt war. Bei Antibiotika ist der Einsatz häufig vermeidbar, bei oralen Antikoagulanzien ist bei jedem Einsatz eine sorgfältige Abwägung von Nutzen (Vermeidung eines ischämischen Schlaganfalls) und Risiko (Auslösen eines hämorrhagischen Schlaganfalls) erforderlich, die im Einzelfall sehr schwierig ist. © rme/aerzteblatt.de

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