NewsMedizinMorbus Alzheimer: Antikörper Solanezumab scheitert endgültig in Phase 3-Studie
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Morbus Alzheimer: Antikörper Solanezumab scheitert endgültig in Phase 3-Studie

Donnerstag, 24. November 2016

Modell Beta-Amyloid dpa

Indianapolis - Der monoklonale Antikörper Solanezumab, der an Beta-Amyloid bindet und die Ablagerung dieses Proteins im Gehirn verhindern soll, hat erneut in einer klinischen Studie enttäuscht. Der Hersteller gab den endgültigen Abbruch der klinischen Entwicklung bekannt.

Ablagerungen von Beta-Amyloid sind ein histopathologisches Kennzeichen des Morbus Alzheimer und ein Ansatz in der Behandlung der Erkrankung – der in den letzten zwei Jahrzehnten mehrfach in der Klinik gescheitert ist. Im Jahr 2002 musste die Firma Elan eine klinische Studie aufgrund von Todesfällen abbrechen. Elan hatte einen Impfstoff (AN-1792) entwickelt, der im Körper die Bildung von Antikörpern gegen Beta-Amyloide auslöst. Die Antikörper konnten in tierexperimentellen Studien die Konzentration der pathologischen Proteine senken, sie griffen jedoch offenbar auch normale Bestandteile des Gehirns an. Die Folge waren schwere Hirn- und Hirnhautentzündungen (Meningo­enzephalitis), die zum Abbruch der Studie zwangen.

Anzeige

Die Hersteller konzentrierten sich in der Folge auf die Entwicklung von monoklonalen Antikörpern, die gezielt an Beta-Amyloiden binden, die gesunden Bestandteile des Gehirns jedoch verschonen. Zu diesen Antikörpern gehörte Bapineuzumab, eine Entwicklung von Pfizer und Johnson & Johnson. Der Antikörper schaffte es in einer Phase 3-Studie jedoch nicht, die kognitiven oder funktionalen Fähigkeiten von Alzheimer-Patienten zu verbessern. Die Hersteller gaben 2012 die klinische Entwicklung des intravenösen und ein Jahr später auch die Entwicklung des subkutanen Präparats auf.

Auch der Antikörper Solanezumab des Konkurrenten Eli Lilly enttäuschte in zwei großen Phase 3-Studien (EXPEDITION-1 und -2), an denen mehr als 2.000 Teilnehmer mit leichter bis mittelschwerer Demenz teilgenommen hatten. Solanezumab konnte den Verfall der kognitiven Fähigkeiten gegenüber einer Placebo-Behandlung nicht verlangsamen. Doch bei den Teilnehmern mit den geringsten kognitiven Ausfällen zu Beginn der Studie wurden Hinweise auf einen Effekt im ADAS-Cog 14 beobachtet, der die kognitiven Fähigkeiten misst. Das Signifikanzniveau wurde zwar verfehlt, es gab jedoch Hinweise, dass der Effekt sich mit der Dauer der Therapie verstärken könnte.

Der Hersteller Eli Lilly startete daraufhin im Juli 2013 die Anschlussstudie EXPEDITION-3, an der an 39 Zentren insgesamt 2.100 Patienten mit leichter Alzheimer-Demenz teilnahmen. Auch hier zeichnete sich ein Misserfolg ab. Im März 2016 gab Lilly eine Änderung des primären Endpunktes bekannt. Statt eines Composite aus ADAS-Cog 14 und der funktionellen Skala ADCS-iADL, die die Einschränkungen im Alltagsleben misst, sollte jetzt allein ADAS-Cog 14 genutzt werden. 

Doch auch dies scheint das Scheitern der Studie nicht mehr abgewendet zu haben. Wie der Hersteller jetzt mitteilt, trat im primären Endpunkt keine signifikante Wirkung auf. Es habe zwar im primären Endpunkt und auch in den sekundären Endpunkten einen Trend zu einer Verbesserung gegeben (womit beim Morbus Alzheimer eine Verlangsamung des körperlichen und geistigen Verfalls gemeint ist), doch ohne einen statistisch signifikanten Effekt im primären Endpunkt hätte der Hersteller eine Zulassung nicht erreicht. Detaillierte Ergebnisse will der Hersteller auf der Tagung CTAD (Clinical Trials in Alzheimer Disease) in San Diego vorstellen.

Das endgültige Aus von Solanezumab bedeutet nicht das endgültige Scheitern der Immuntherapie beim Morbus Alzheimer: Eine Reihe von Herstellern haben andere Antikörper in der klinischen Prüfung. Besonders vielversprechend scheint Aducanumab von Biogen zu sein. Der Antikörper erzielte in ersten klinischen Studien im Frühstadium einer Alzheimer-Demenz eine deutliche Reduzierung der Ablagerungen in der Positronen-Emissions-Tomographie. Der Hersteller hat inzwischen mit zwei Phase 3-Studien (EMERGE, ENGAGE) mit jeweils 1.350 Probanden begonnen. Mit ersten Ergebnissen wird jedoch nicht vor 2020 gerechnet. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

8. April 2019
Montreal – Der Versuch, die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz durch die Einnahme des nichtsteroidalen Antiphlogistikums (NSAID) Naproxen zu verhindern, ist in einer randomisierten kontrollierten
Naproxen kann Morbus Alzheimer nicht aufhalten
4. April 2019
Duisburg/Essen – 9 von 10 Patienten mit Demenz leiden in einer altersmedizinischen Krankenhausumgebung an Atemaussetzern (Apnoe) im Schlaf. Das berichten Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der
Apnoe im Schlaf häufiges Phänomen bei Demenzpatienten
27. März 2019
Madrid – Der Hippocampus, der im Gehirn die Einspeicherung neuer Gedächtnisinhalte steuert, bleibt bis ins hohe Alter in der Lage, neue Nervenzellen zu bilden. Dies zeigen Untersuchung an Gehirnen
Auch bei 87-Jährigem bilden sich neue Hirnzellen im Hippocampus
22. März 2019
Cambridge/Massachusetts/Tokio – Der monoklonale Antikörper Aducanumab, der im Gehirn Beta-Amyloiden neutralisiert und dadurch das Fortschreiten eines Morbus Alzheimer verzögern soll, hat in 2
Morbus Alzheimer: Erneutes Scheitern eines Antikörpers in Phase-3-Studien
7. März 2019
Helsinki – Finnische Frauen, die nach den Wechseljahren Hormonpräparate einnahmen, hatten nach den Ergebnissen einer Fall-Kontroll-Studie im britischen Ärzteblatt (BMJ 2019; 364: l665) ein erhöhtes
Einfluss der Hormonersatztherapie auf das Alzheimerrisiko
6. März 2019
Melbourne – Ein neuer Test, der Tau-Proteine in geringsten Spuren im Blut nachweisen kann, hat in einer prospektiven Kohortenstudie drohende Demenzen und verwandte Störungen bereits 4 Jahre vor den
Nachweis von Tau-Proteinen im Blut zeigt Demenzrisiko an
28. Februar 2019
Berlin – Entzündlich rheumatische Erkrankungen greifen nicht nur die Gelenke an. Zu den wenig bekannten Folgen gehören Schäden am Innenohr. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie
LNS
NEWSLETTER