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Ausland

Aids als Tabu: In Russland sind HIV-Infizierte oft auf sich gestellt

Freitag, 25. November 2016

/dpa

Moskau – Die Aidsgefahr in Russland gilt seit Jahren als besonders hoch. Zum Welt-Ai­ds-Tag am 1. Dezember schlagen Experten Alarm. Die Zahl der HIV-Infektionen nehme immer bedrohlichere Ausmaße an. Experten sprechen von einer fast epidemieartigen Ausbreitung des Virus.

„Die steigende Zahl von Infektionen in Russland wird aus Sicht mancher Mediziner zur Ge­fahr für die nationale Sicherheit“, sagte der Arzt Wadim Pokrowski. Der Leiter des fö­deralen Zentrums für den Kampf gegen Aids fordert seit Langem eine staatliche Strate­gie, um die Immunschwäche einzudämmen. In den kommenden vier bis fünf Jahren drohe sich die Zahl der mit dem Virus Infizierten auf zwei Millionen zu verdoppeln, fürchtet er.

HIV-Infizierte in Russland klagen immer wieder über einen Mangel an Medikamenten. Nach offiziellen Angaben sind in dem Land mit mehr als 140 Millionen Einwohnern mehr als 820.000 HIV-Infizierte registriert. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, weil sich wegen der Ausgrenzung der Betroffenen nicht jeder testen lässt. HIV löst unbehandelt die Immun­schwäche Aids aus. „Die Lage verschlechtert sich“, fürchtet Pokrowski.

In seltener Offenheit zeigte sich auch Vize-Ge­sund­heits­mi­nis­ter Sergej Krajewoj zuletzt beunruhigt. Betroffen seien längst nicht nur einzelne Gruppen, sondern die allgemeine Bevölkerung, räumte er ein. „Das Bild hat sich geändert: Wenn Ende der 1990er-Jahre die Mehrheit der Infizierten aus der Drogenszene kam und sich über verunreinigte Spritzen ansteckte, stammen heute 50 Prozent der Neuinfektionen in Russland von sexuellen Kontakten“, sagte Krajewoj. Experten zufolge geht davon nur ein Prozent auf gleichgeschlechtlichen Verkehr zurück.

Der Mediziner Pokrowski sieht Deutschland als beispielhaft für Aufklärung und Vorsorge. Dort werde in den Schulen über HIV und Aids informiert, Erfolge gebracht hätten zudem die Legalisierung von Prostitution sowie Programme für Drogenabhängige. „In Russland nimmt hingegen der Einfluss der orthodoxen Kirche immer mehr zu. Hier werden immer noch konservative Werte und ein konservatives Familienbild hochgehalten, obwohl die Wirklichkeit eine andere ist.“

Auch die Andrej-Rylkow-Stiftung in Moskau beklagt seit Langem, dass in Russland Ri­si­kogruppen stigmatisiert und kriminalisiert werden. Die Nichtregierungsorganisation hilft seit Jahren Drogenabhängigen in Moskau, verteilt Spritzen, Kondome und HIV-Tests. Staatlich gewürdigt wird dies nicht, im Gegenteil: Da die Stiftung Geld aus dem Westen erhält, wird sie einem umstrittenen Gesetz zufolge als „ausländischer Agent“ eingestuft. „Damit behindern die Behörden unsere Präventionsarbeit massiv“, sagt ein Mitarbeiter der Stiftung.

Im Mai 2016 weckte die landesweite Aktion „Stopp HIV/AIDS“ Hoffnung auf ein stärkeres Engagement des russischen Staates. Initiatorin war Swetlana Medwedewa, die Ehefrau von Regierungschef Dmitri Medwedew. „Jede Stunde gibt es elf Neuansteckungen“, warn­te eine Broschüre der Aktion.

Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium in Moskau kündigte an, umgerechnet 600 Millionen US-Doll­ar für den Kampf gegen HIV ausgeben zu wollen. Die Hoffnungen vieler Experten auf ei­ne moderne Aufklärung ohne Tabus wurden aber enttäuscht. „Liebe und Treue“ seien die besten Mittel zum Schutz gegen Aids, hieß es etwa in einer Broschüre: „Die sicherste Verhütung ist die Ehe zwischen Mann und Frau.“

Schon gegen Kondome gebe es erheblichen Widerstand in der Gesellschaft, etwa von der Kirche, sagte Pokrowski. Der Vorwurf sei, dass die Präservativ-Industrie Menschen ermutige, außerehelichen Geschlechtsverkehr zu haben. Ähnliches schildert die Rylkow-Stiftung. Ihr werde vorgeworfen, durch die Verteilung steriler Spritzen die Abhängigen erst zum Drogenkonsum zu animieren, so ein Sprecher.

Mittlerweile gebe es aber in Russland Anzeichen, dass sich das Problem auf andere Be­völkerungsteile ausweite, erklärte Pokrowski. „Aids rückt von den Randgruppen in die Mitte der Gesellschaft“, meint der Arzt. Vize-Ge­sund­heits­mi­nis­ter Krajewoj bestätigt dies: „Die Zahl der HIV-Infizierten hat in 22 Gebieten stark zugenommen. Und es betrifft immer weniger Problemregionen und immer mehr Gegenden mit einer entwickelten Industrie und einer entwickelten Infrastruktur.“ © dpa/aerzteblatt.de

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