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Medizin

Weltaidstag: WHO ruft zu (in Deutschland nicht erlaubten) Selbsttests auf

Donnerstag, 1. Dezember 2016

dpa

Genf – Fast die Hälfte aller HIV-Infizierten weltweit wissen nicht, dass sie sich mit dem humanen Immundefizienz-Virus angesteckt haben, in Europa ist es noch jeder siebte. Da die Kenntnis der Infektion Voraussetzung für eine antiretrovirale Therapie ist und die Behandlung möglichst vieler Infizierter einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten kann, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) anlässlich des Weltaidstages am 1. Dezember ihre Forderung nach Selbsttests bekräftigt – die in Deutschland nach wie vor „illegal“ sind.

Weltweit sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation 37 Millionen Menschen mit HIV infiziert (Stand Ende 2015). Etwa die Hälfte (18,2 Millionen) erhält mittlerweile antiretrovirale Medikamente, die in der Regel die Entwicklung einer Immunschwäche verhindern. Von der anderen Hälfte wissen die meisten nicht, dass sie HIV-infiziert sind. Die WHO schätzt die Zahl der unerkannten HIV-Infektionen auf mindestens 14 Millionen. Diese Personen laufen Gefahr, dass die Infektion bei ihnen zu spät entdeckt wird, was einer der Gründe für 1,1 Millionen Aids-Todesfälle im Jahr 2015 ist.

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Angesichts dieser Zahlen gibt es für die WHO nur eine Möglichkeit, ihr für 2020 ange­strebtes Ziel „90-90-90“ zu erreichen. In nunmehr drei Jahren sollen 90 Prozent der Menschen mit HIV von ihrer Infektion wissen, 90 Prozent der diagnostizierten Personen eine Behandlung erhalten und bei 90 Prozent der in Behandlung befindlichen Personen eine Virussuppression erreicht werden. Das kann nach Einschätzung der WHO nur gelingen, wenn möglichst viele Menschen aus den Risikogruppen die Möglichkeit haben, regelmäßig einen Selbsttest durchzuführen. 

Es gibt mittlerweile eine Reihe von Tests, die in Blut, Speichel oder (weniger zuverlässig) im Urin Antikörper nachweisen können. Dabei handelt es sich jedoch um einen Screening-Test. Wegen der Möglichkeit von Anwendungsfehlern ist eine Bestätigung durch Ärzte oder Gesundheitsämter erforderlich, die auch Voraussetzung für eine Behandlung ist, die heute allen Patienten unabhängig von Viruslast und CD4-Zellzahl angeboten werden sollte.

Derzeit lassen sich vor allem zu wenige Männer testen, beklagt die WHO. Nicht nur in Afrika, wo heterosexuelle Kontakte der wichtigste Übertragungsweg ist, sondern auch in Europa und Amerika. Dort sind Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), die wichtigste Risikogruppe. Doch in allen WHO-Regionen lassen sich mehr Frauen als Männer testen. Bei den Frauen gibt es laut WHO eine Lücke bei den Teenagern.

Dies gilt derzeit vor allem für Süd- und Ostafrika, wo junge Frauen heute bis zu acht Mal häufiger HIV-infiziert sind als die jungen Männer. Auch in den „Schlüsselgruppen“ der HIV-Epidemie, zu denen neben MSM auch Sexarbeiter/innen und Transgender und Konsumenten von intravenösen Drogen gehören, wird laut WHO zu wenig getestet. Nicht zu vergessen ist die Gruppe der festen Sexualpartner von HIV-Infizierten, die laut WHO heute zu 70 Prozent ebenfalls HIV-positiv sind.

In Europa ist die Situation dreigeteilt. In Westeuropa sind eindeutig MSM die wichtigste Risikogruppe und damit Eckpfeiler der HIV-Bekämpfung. Die Betroffenen sollen sich nach Einschätzung von WHO Europa nicht nur regelmäßig testen lassen, sondern auch eine Präexpositionsprophylaxe erwägen. In einigen Ländern Westeuropas, so in Griechen­land, ist es in jüngster Zeit zu einem Anstieg der HIV-Fälle unter injizierenden Drogenkonsumenten gekommen. Die WHO erinnert daran, dass die Epidemie in Westeuropa keineswegs ausklingt. Im letzten Jahr ist es zu 27.022 neuen HIV-Fällen gekommen.

Im mittleren Teil der WHO-Region Europa – das sind alle Länder Osteuropas westlich der ehemaligen Sowjetunion – werden noch relativ wenige HIV-Infektionen diagnos­tiziert. Im Jahr 2015 waren es nur 5.297 Fälle. Dies ist jedoch eine erhebliche Zunahme gegenüber der Zahl von vor zehn Jahren. Betroffen sind vor allem die Gruppe der MSM, die in diesen Ländern häufig noch Stigmatisierung und Diskriminierung erleben, was die Präventionsbemühungen eher behindert.

Zu einer Problemzone hat sich der östliche Teil der WHO Region Europa entwickelt. Sie umfasst alle Länder der ehemaligen Sowjetunion (auch im asiatischen Teil). Hier wurden 2015 insgesamt 121.088 HIV-Infektionen diagnostiziert, mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Auch die Zahl der Aids-Fälle ist in dieser Teilregion stark gestiegen, innerhalb von zehn Jahren um 80 Prozent. Dies ist ein Zeichen, dass es vielfach an Gesundheitsangeboten für die betroffenen Gruppen fehlt, zu denen neben MSM und Drogenabhängigen auch Gefängnisinsassen zählen.

Für Deutschland hat das Robert Koch-Institut kürzlich die Zahlen für 2015 veröffentlicht. Das Ziel „90-90-90“ der WHO ist hierzulande fast erreicht: Von schätzungsweise 84.700 HIV-Infizierten, kennen 72.000 ihre Diagnose, von denen 60.700 antiretrovirale Medika­mente einnehmen. An Aids gestorben sind im letzen Jahren nur schätzungs­weise 460 Personen.

Auch in Deutschland infizieren sich pro Jahr noch etwa 3.200 Menschen mit HIV. Bei etwa 3.900 wurde die Infektion im letzten Jahr erkannt. Selbsttests wären vor diesem Hintergrund sicherlich sinnvoll. Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts beklagten im Epidemiologischen Bulletin, dass zu wenige Ärzte ein offensives Testangebot machen, selbst wenn sogenannte Indikatorerkrankungen vorlägen, die deutlich häufiger bei HIV-Infizierten vorkommen.

Hinzu kommt, dass viele MSM eine Scheu haben, sich einem Arzt gegenüber als homosexuell zu offenbaren. Viele lassen sich offenbar lieber als Blutspender testen. In Deutschland sei der Anteil der homosexuellen Männer, die im Rahmen von Blutspenden auf HIV getestet werden, relativ hoch, schreiben die Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts.

Viele MSM dürften deshalb die Möglichkeit zum Selbsttest begrüßen. Anders als in Großbritannien und Frankreich ist in Deutschland der Verkauf von Selbsttests nicht erlaubt. Im Internet werden sie jedoch auch auf deutschen Websites (als Import aus dem Ausland) angeboten. Die Aids-Hilfe beantwortet auf ihrer Homepage häufig gestellte Fragen zu der mittlerweile verwirrenden Vielfalt der „Heimtests“. © rme/aerzteblatt.de

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