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Ärzteschaft

Fachgesellschaft fordert mehr Bewusstsein für den Schlaf

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Dresden – Ärzte und Wissenschaftler haben mehr Bewusstsein in der Gesellschaft für das menschliche Grundbedürfnis nach Schlaf und bessere Behandlungsmethoden bei Schlafstörungen gefordert. „Das Problem wird in Deutschland sträflich unterschätzt“, sagte Hans-Günter Weeß, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). „Wir sind eigentlich eine schlaflose Gesellschaft.“

Bis Samstag diskutieren auf der DGSM-Jahrestagung in Dresden rund 2.000 Experten über Schlafstörungen, ihre Ursachen und Folgen sowie Therapien. Laut DGSM wird die Bedeutung eines erholsamen Schlafes unterschätzt. Sechs Prozent oder 4,8 Millionen Menschen in Deutschland hätten behandlungsbedürftige Ein- und Durchschlafstö­run­gen. „Das ist eine Volkskrankheit“, sagte Weeß. Der Psychologe leitet das Interdiszi­pli­näre Schlafzentrum des Pfalzklinikums Klingenmünster.

Fachleute sprächen angesichts des bestehenden chronischen Schlafdefizits von „sozialem Jetlag“, erläuterte Weeß. Auch 18 Prozent der Spitzenkräfte in der Wirtschaft und ein Drittel der Spitzenpolitiker hätten weniger als fünf Stunden Schlaf täglich. „Wir ticken falsch“, sagte der Psychologe. „Wenig Schlaf wird mit Fleiß und Tüchtigkeit assoziiert.“

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Übermüdet aber könnten keine klaren Entscheidungen gefasst werden. „Da will jeder nur noch eines: ins Bett“, sagte Weeß. Auch die Folgen von Schlafmangel – ein erhöhtes Ri­si­ko für Herz-Kreislauf- oder Stoffwechselerkrankungen, schläfrigkeits­bedingte Unfälle und psychische Störungen – sind Thema des Dresdner Kongresses. Viele Menschen könnten nicht gut abschalten, seien noch im Bett gedanklich und emotional bei den Alltagsproblemen. „Anspannung ist der Feind des Schlafes.“

Dabei sei Schlaf eine elementare Lebensfunktion wie Essen oder Trinken, mit ent­spre­chendem Gewicht im Leben. Laut Weeß summieren sich täglich sechs Stunden Schlaf bis zu einem Alter von 75 Jahren auf 19 Jahre, bei acht Stunden auf 26 Jahre. „Wer zu wenig schläft, fühlt sich chronisch übermüdet und nicht leistungsfähig.“ Übermü­dung sei weitaus häufiger als Alkohol am Steuer Ursache von Verkehrsunfällen. Nicht nur das wer­de ignoriert.

Auch im Gesundheitssystem sieht die DGSM Defizite. „Schlafstörungen werden nur mit Schlafmitteln bekämpft, die Ursachen aber nicht beseitigt“, sagte Weeß. So seien bun­desweit 1,1 bis 1,9 Millionen Menschen abhängig von Schlaftabletten. Wirksame Ver­haltenstherapien und adäquate Behandlungsangebote würden von den Kranken­kassen ignoriert, Patienten müssten bis zu einem Jahr auf einen Termin im Schlaflabor warten. „Es braucht einen Bewusstseinswandel, die Gesellschaft muss wacher gemacht werden“, mahnte Weeß. Es gelte deutlich zu machen, wie wichtig Schlaf für die Gesund­heit und das seelische Wohlbefinden ist.

„Entscheidend ist nicht die Menge an Schlaf, sondern wie wir uns fühlen“, sagte Weeß. Stattdessen unterbreche oftmals der Wecker das individuelle Schlafprogramm. „Dabei würde niemand auf die Idee kommen, den Geschirrspüler vorzeitig zu beenden, da wäre das Geschirr ja noch schmutzig.“ © dpa/aerzteblatt.de

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