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Medizin

Krebs: Pilz-Halluzinogen lindert Depression und nimmt Angst vor dem Sterben

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Aus dem Braungrauer Dachpilz können psychoaktive Substanzen gewonnen werden /dpa

New York/Baltimore – Die Behandlung mit Psilocybin, einem von etwa 200 Pilzarten produzierten Halluzinogen, das in den 60er Jahren in der Gegenkultur der Hippies beliebt war und deshalb 1970 verboten wurde, hat in zwei Studien im Journal of Psychopharmacology (2016; 30: 1165-1180 und 1181-1197) vielen Krebspatienten geholfen ihre Depressionen und Ängste zu überwinden, ohne dass die Forschung erklären kann, wie genau diese Wirkung zustande kam.

Viele Krebspatienten leiden unter Depressionen oder Ängsten, was angesichts ihrer oft unsicheren Lebensperspektive allzu verständlich ist. Angst und Depressionen sind jedoch keine guten Ratgeber, und sie gefährden bei vielen Krebspatienten die Therapieadhärenz. Einige lehnen dann Therapien ab, die ihr Leben verlängern oder sogar die Heilungschancen verbessern würden. Medikamente können die Patienten nur selten von ihren Depressionen und Ängsten befreien. Es gibt kein Mittel, das zur Behandlung des mit Krebserkrankungen verbundenen „Distress“ zugelassen wäre.

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Vor diesem Hintergrund haben einige Psychiater in den letzten Jahren eine ältere Substanz wiederentdeckt. Das Gift Psilocybin, das der LSD-Entdecker Albert Hofmann 1958 aus Pilzen isoliert hatte, erzeugt eine halluzinogene Wirkung, die nicht nur die „Hippies“ der Haight-Ashbury-Szene begeisterte. Auch Psychiater begannen sich sich für die Substanz zu interessieren, die sie bald dem bereits bekannten LSD vorzogen.

Während die Wirkung von LSD über 12 Stunden oder länger anhält und häufig unangenehme Begleiteffekte („bad trips“) erzeugt, verfügt Psilocybin über eine verlässliche Pharmakokinetik. Die Wirkung tritt nach 20 bis 40 Minuten ein und hält dann nur 10 bis 20 Minuten an. In dieser Zeit können die Patienten ohne große organisa­torischen Probleme beobachtet werden.

Die Klassifizierung von Psilocybin als „Schedule 1“, die in den USA nicht nur den Vertrieb, sondern auch die Produktion streng untersagt, hat dann 1970 die weitere Forschung abrupt beendet. Erst in den letzten Jahren gelang es Psychiatern, Genehmigungen für klinische Tests zu erhalten. Dazu gehören zwei Teams um Stephen Ross von der New York University School of Medicine und Roland Griffiths vom Johns Hopkins Bayview Medical Center in Baltimore, die Psilocybin bei Krebspatienten einsetzten, die unter schweren Depressionen oder Ängsten litten.

Die 51 Patienten der Baltimore-Studie hatten fortgeschrittene Krebserkrankungen. Wegen der unklaren Prognose (bei 27 Prozent wurde die Überlebenszeit auf weniger als zwei Jahre geschätzt) litten sie unter Depressionen und/oder Ängsten. Sie wurden mit Psilocybin in einer sehr niedrigen Placebo-ähnlichen Dosis von 1 oder 3 mg/70 kg oder mit zwei hohen Dosierungen von 22 oder 30 mg/70 kg behandelt. Nach fünf Wochen folgte eine weitere Behandlung, wobei in einem Cross-over die Dosierungen vertauscht wurden. Der Placebo-Arm erhielt jetzt hochdosiert Psilobycin und umgekehrt.

Die Behandlungen fanden in einem Raum statt, das als Wohnzimmer eingerichtet war. Die Teilnehmer wurden gebeten, es sich auf einer Couch bequem zu machen, nachdem sie das Mittel eingenommen hatten. Sie setzen eine Schlafmaske auf und hörten während der Behandlung entspannende Musik. Während des vierstündigen Aufent­haltes waren zwei Betreuer anwesend, die in regelmäßigen Abständen die Vital­funktionen kontrollierten.

Die Einnahme von Psilocybin wurde von den meisten Patienten gut vertragen. In der Baltimore-Gruppe kam es bei 34 Prozent zu einem Anstieg des systolischen und bei 13 Prozent zu einem Anstieg des diastolischen Blutdrucks, 15 Prozent klagten über Übelkeit oder Erbrechen, 21 Prozent berichteten über körperliche Symptome, 32 Prozent über psychologische Symptome.

In New York nahmen 29 Patienten mit Krebserkrankungen (zu zwei Drittel im Stadium II oder III) an der Studie teil. Sie wurden auf eine Einzelbehandlung mit Psilocybin (0,3 mg/kg) oder Niacin (250 mg) randomisiert. Beide Gruppen erhielten begleitend eine Psychotherapie. Auch hier folgte nach sieben Wochen ein Cross-over, so dass alle Patienten einmal die Droge erhielten.

In beiden Studien erzielte Psilocybin die erwartete akute Wirkung. In der Baltimore-Studie berichteten die Patienten im Anschluss an die Behandlung in fünf Fragebögen über ihre halluzinogenen Wahrnehmungen, die Veränderung des Bewusstseins und auch über mystische Erfahrungen. Diese akuten Effekte waren allerdings nicht das Ziel der Behandlung. Das Ziel war eine langfristige Linderung der Depressionen und Ängste, ausgelöst durch die „Einsichten“ währen des Drogenkonsums. Endpunkt waren die Veränderungen in den üblichen Messinstrumenten wie dem Beck Depression Inventory (BDI), der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) oder dem State-Trait Anxiety Inventory (STAI). 

Beide Forschergruppen bewerten die Ergebnisse positiv. In der New Yorker Studie hatten sich die Depressionen in den ersten Wochen nach der Psilocybin-Behandlung bei 83 Prozent der Patienten deutlich gebessert gegenüber nur 14 Prozent in der Niacin-Gruppe. Bei der Abschlussuntersuchung nach 6,5 Monaten – inzwischen hatten beide Gruppen Psilocybin erhalten - waren 60 bis 80 Prozent der Patienten ohne schwere Depressionen oder Angststörungen. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer zählte den „Psilocybin-Trip“ zu den fünf wichtigsten „mystischen“ Erfahrungen ihres Lebens, die ihre Einstellung zum Tod verändert hätte. Sie gaben zwar weiter Angst vor dem Tod an, sahen dem Sterben jedoch gelassener entgegen. 

In der Baltimore-Studie kam es nach der Psilocybin-Session ebenfalls zu einer Linderung von Angst und Depressionen, die auch sechs Monate später noch anhielt. Die Responserate lag ebenfalls bei etwa 80 Prozent der Teilnehmer. Die wenigen Stunden unter dem Einfluss der Droge hatten die Lebensgrundsätze der Patienten dauerhaft verändert. Sie berichteten, dass sie dem Leben positiver mit einer erhöhten Spiritualität gegenübertreten, was sich deutlich auf ihr allgemeines Wohlbefinden auswirkte. 

Wie Psilocybin diese nachhaltige Wirkung erzielt, bleibt ein Rätsel. Das Molekül bindet mit hoher Affinität an Serotonin-Rezeptoren (5-HT2A) des Gehirns. Der Effekt ist vergleichbar mit der Wirkung von Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, die ebenfalls die Serotonin-Wirkung verstärken. Psilocybin bindet jedoch nicht dauerhaft an den Rezeptoren, so dass die pharma­kologische Wirkung die langfristigen Effekte eigentlich nicht erklären kann. 

Kritik an den Studien ist insofern möglich, als die Teilnehmerzahl begrenzt war und eine Verblindung aufgrund der deutlichen halluzinogenen Wirkung nicht erreicht werden konnte. Es ist deshalb nicht ganz auszuschließen, dass die Erwartungshaltung der Patienten, die in der Baltimore-Gruppe zu 45 Prozent über frühere Erfahrungen mit Halluzinogenen verfügten, die Ergebnisse beeinflusst haben könnten.

Auch das Cross-Over-Design schwächt die Aussagekraft, da es keine Vergleichsgruppe gab, die keine Behandlung erfahren hat. Dort hätten sich einige Patienten im Verlauf der Zeit ebenfalls mit ihrem Schicksal abfinden können. Man darf gespannt sein, ob es weitere Studien gibt oder ob der bevorstehende Regierungswechsel die Forschung erneut beenden wird. In clinicaltrials.gov sind derzeit 17 Studien mit Psilocybin gelistet. 

Neben Psilocybin experimentieren Psychiater derzeit auch mit 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin (MDMA), besser bekannt als Partydroge Ecstasy. Das Mittel soll die Beschwerden von  posttraumatischen Belastungsstörungen lindern, unter denen viele Kriegsveteranen leiden.

Nachdem wenigstens sechs Phase 2-Studien auf eine Wirkung hingedeutet haben, hat die US-Arzneibehörde FDA jetzt grünes Licht für eine Phase 3-Studie gegeben, an der 230 Patienten teilnehmen sollen. Sponsor ist die „Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies“, eine 1985 gegründete kleine Non-Profit-Organisation. Sollte diese Studie erfolgreich verlaufen, könnte Ecstasy in einigen Jahren als Medikament zugelassen werden – sofern die veränderte politische Großwetterlage dies zulässt.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #720368
SimonRe
am Freitag, 2. Dezember 2016, 14:42

Ein Fehler und eine unschöne Formulierung

"Die Wirkung tritt nach 20 bis 40 Minuten ein und hält dann nur 10 bis 20 Minuten an."

Das ist falsch. Die Wirkung hält nach oraler Einnahme 4-6 Stunden an.
(Hasler et al., 2004)

"Das Gift Psilocybin..."

Psilocybin hat eine sehr geringe Toxizität (Nichols, 2004; Passie et al.,2002) und laut dem "National Institute for Occupational Safety and Health Registry of Toxic Effects" mit 641 eine sehr große therapeutische Breite. Aspirin hat im Vergleich eine therapeutische Breite von 199.


Hasler, F., Grimberg, U., Benz, M.A., et al., 2004. Acute psychological and physiological effects of psilocybin in healthy humans: a double-blind, placebo-controlled dose-effect study. Psychopharmacology (Berlin) 172 (2), 145–156
Nichols, D.E., 2004. Hallucinogens. Pharmacol. Ther. 101 (2),
131–181.
Passie, T., Seifert, J., Schneider, U., et al., 2002. The pharmacology
of psilocybin. Addict. Biol. 7 (4), 357–364.
Avatar #112726
woewe
am Donnerstag, 1. Dezember 2016, 22:36

Wie ist die Lage in Deutschland?

Dürfen in Deutschland auch solche Studien angestellt werden oder bleiben diese wegen der Einstufung in Anlage I BtmG komplett untersagt und das, solange es keine bessere Studienlage gibt?
Und dabei sind nach Nutt, Young u.a. in The Lancet 2010 Psilocybinhaltige Pilze von 20 verschiedenen Betäubungsmitteln das mit der geringsten Schädlichkeit, auch wegen dem im Vergleich geringen Abhängigkeitspotential.
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