NewsMedizinStudie: Online-Therapie hilft gegen Schlaflosigkeit
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Studie: Online-Therapie hilft gegen Schlaflosigkeit

Freitag, 2. Dezember 2016

dpa

Charlottesville – Eine neunwöchige Online-Beratung, die auf den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie basiert, hat in einer randomisierten klinischen Studie in JAMA Psychiatry (2016; doi:10.1001/jamapsychiatry.2016.3249) die Schlafeigenschaften von Patienten mit chronischer Insomnie signifikant verbessert. Eine Wirkung war auch ein Jahr nach dem Ende der Online-Beratung noch nachweisbar.

Ein Drittel bis die Hälfte aller Erwachsenen leidet unter Schlafstörungen, die bei 12 bis 20 Prozent die diagnostischen Kriterien einer Insomnie erfüllen. Die Behandlung erfolgt in der Regel medikamentös, da für eine kognitive Verhaltenstherapie, die anders als die Medikamente eine langfristige Wirkung erzielt, aufwendig ist und in der Regel nicht genügend Therapeuten zur Verfügung stehen.

Anzeige

Um die effektive Therapie möglichst vielen Patienten zur Verfügung zu stellen, haben Psychiater der University of Virginia School of Medicine in Charlottesville eine Online-Therapie entwickelt, die die gleichen Ziele verfolgt wie eine kognitive Verhaltenstherapie. Dabei lernen die Patienten bestimmte Techniken wie Schlafrestriktion und Stimulus­kontrolle, die nachweislich die Schlafqualität erhöhen. Die Schlafrestriktion legt regelmäßige Schlafzeiten fest, die die Patienten einhalten müssen. Bei der Stimulus­kontrolle sollen die Betroffenen schlafverhindernde Aktivitäten (etwa Handynutzung im Schlafzimmer) meiden und schlaffördernde Aktivitäten erlernen.

Dabei reicht es in der Regel nicht aus, die Patienten grundsätzlich auf die Fehler aufmerksam zu machen und eine bessere Schlafhygiene einzufordern. Die Effektivität der kognitiven Verhaltenstherapie beruht auf der individuellen Beratung, die mit der Erstellung eines Schlaftagebuchs beginnt und nach einer Analyse die einzelnen Probleme „abarbeitet“. Dies erfordert in der Regel den persönlichen Kontakt mit einem Therapeuten.

Das Programm SHUTi (für „Sleep Healthy Using the Internet“) versucht, den Thera­peuten durch ein Internetmodul zu ersetzen. Vor Beginn der Beratung beantwortet der Patient über zehn Tage Fragen zu seinem Schlafverhalten. Seine Angaben bilden die Grundlage für eine Beratung über einen Zeitraum von neun Wochen, die dem Patienten langfristig zu einem besseren Schlaf verhelfen soll.

Das Team um Lee Ritterband von der University of Virginia School of Medicine in Charlottesville hat SHUTi jetzt in einer randomisierten Studie mit einer einfachen Patienten-Schulung verglichen. Dort erhielten die Patienten im Prinzip dieselben Strategien für einen besseren Schlaf vermittelt. Es fehlt aber der persönliche Bezug und die individuelle Beratung.

An der Studie nahmen 303 Patienten im mittleren Alter von 43 Jahren teil, die seit mindestens sechs Monaten über Einschlaf- oder Durchschlafstörungen an mindestens drei Tagen in der Woche litten, deren nächtliche Schlafdauer weniger als 6,5 Stunden betrug und die sich in ihrer Tagesaktivität durch die Schlafstörung beeinträchtigt fühlten. Primäre Endpunkte waren die Einschlaflatenz, die Dauer der nächtlichen Wachphasen und ein Insomnia Severity Index (ISI).

Wie Ritterband berichtet, waren beide Therapien erfolgreich. Auch die Patienten­schulung erzielte einen gewissen Effekt. Am Ende der Intervention hatten hier 11,3 Prozent eine Remission erreicht, definiert als weniger als 8 Punkte im ISI-Score. Nach einem Jahr stieg der Anteil auf 27,3 Prozent. Die Online-Beratung war effektiver. Am Ende der Intervention waren 40,6 Prozent in Remission, nach einem Jahr war der Anteil auf 56,6 Prozent gestiegen.

Diese zusätzliche Wirkung lässt sich das Team gut bezahlen. Für einen 16-wöchigen Zugriff auf die Internetseite werden 135 US-Dollar verlangt, wer ein Jahr Hilfe in Anspruch nimmt, zahlt 156 US-Dollar. Ein guter Patientenratgeber aus dem Buchladen dürfte wesentlich günstiger sein. Er bietet aber keine individuelle Beratung. Dass die Entwickler des Programms die Studie leiteten, stellt natürlich einen Interessenkonflikt dar. Lee Ritterband versichert aber, dass die Daten von unabhängiger Seite ausgewertet wurden. 

SHUTi ist nicht die einzige kostenpflichtige Schlafberatung im Internet. Eine weitere Online-Therapie, deren Effektivität in einer randomisierten Studie untersucht wurde, ist Sleepio. Das von einer Firma in London entwickelte Programm kostet umgerechnet 300 US-Dollar für eine einjährige Teilnahme. Ob die beiden Programme in der Realität halten, was die Studienergebnisse versprechen, ist nicht sicher.

In der Studie erhielten die Teilnehmer Geld, wenn sie das Programm beendeten. In der Realität müssen sie dafür zahlen. Der Anreiz, sich tatsächlich ernsthaft mit seinen Problemen auseinanderzusetzen, könnte geringer sein. Die Erfahrung zeigt, dass nicht alle Besitzer einer Jahreskarte für einen Sportverein oder ein Fitnessstudio auch regelmäßig trainieren. Wenn sie Geld für den Besuch bekämen, wäre die Adhärenz vermutlich besser. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

20. Mai 2019
Berlin – Bei einer Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung, wie sie die Politik im Augenblick betreibt, entsteht ein eigener Heilberuf, der nicht mehr in die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen)
Ärzteverbände sehen Psychotherapeuten in eigener KV
16. Mai 2019
Berlin – Sachverständige haben die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung bei einer gestrigen Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags überwiegend positiv beurteilt. Die wichtigsten Forderungen
Sachverständige für Nachbesserungen bei Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung
14. Mai 2019
Berlin – Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat sich erfreut darüber gezeigt, dass die Bundesregierung auf Kritik der Ärzte reagiert und die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung verändert hat. Die
Bundesärztekammer sieht weiter Nachbesserungsbedarf bei Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung
10. Mai 2019
Koblenz – Beihilfe für eine Psychotherapie bekommen Landesbeamte in Rheinland-Pfalz grundsätzlich nur mit vorheriger Anerkennung. Das geht aus einem Urteil des Verwaltungsgerichts Koblenz nach
Keine Beihilfe für Psychotherapie ohne vorherige Anerkennung
8. Mai 2019
Berlin – Die Bundesregierung vertritt die Auffassung, dass psychisch kranken Versicherten jederzeit eine ausreichende Anzahl an Therapieplätzen für die psychotherapeutische Behandlung zur Verfügung
Psychotherapie: Regierung setzt auf Bedarfsplanungsreform zur Reduzierung von Wartezeiten
8. Mai 2019
Tübingen – Die Großhirnrinde kann durch wiederholtes Üben schon innerhalb kurzer Zeit neue Gedächtnisspuren aufbauen. Allerdings sind diese nur dann allein für das Erinnern ausreichend, wenn auf das
Wie Schlaf das Gedächtnis fördert
7. Mai 2019
Berlin – Mit einer neuen Kurzinformation informiert das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) über Krankheitszeichen und Behandlungsmöglichkeiten bei Narkolepsie. Der zweiseitige Flyer
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER