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Medizin

Biologe: Kaiserschnitt verändert die Evolution der Menschen

Mittwoch, 7. Dezember 2016

dpa

Wien – Der Kaiserschnitt, der heute in vielen Fällen ein Luxus ist, könnte in Zukunft immer häufiger zu einer Notwendigkeit werden. Diese Ansicht vertritt ein Evolutions­biologe in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2016; doi: 10.1073/pnas.1612410113). Denn die vaginale Geburt steht der Weiterentwicklung der Menschheit eigentlich im Wege.

Von allen Primaten haben Menschen die schwerste Geburt. In drei bis fünf Prozent aller Schwangerschaften besteht zum Zeitpunkt der Geburt ein „Becken-Kopf-Missverhältnis“. Entweder ist das knöcherne Becken der Mutter zu eng oder der Kopf des Kindes zu groß oder beides. Früher starben Mutter und/oder Kind häufig unter der Geburt. Die erhöhte Mortalität hätte eigentlich dazu führen müssen, dass ein „Becken-Kopf-Miss­verhältnis“ im Verlauf der Evolution immer seltener wird, argumentiert der Biologe Philipp Mitteröcker von der Universität Wien. Denn beim Tod von Mutter und Kind würden die Gene für ein kleines Becken und/oder einen großen Kopf nicht weiter vererbt. 

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Das fortbestehende „Becken-Kopf-Missverhältnis“ spricht jedoch dafür, dass ein kleines Becken und ein großer Kopf einen Selektionsvorteil in der Evolution haben. Die Biologen sprechen auch von einer erhöhten Fitness. Bei Kindern mit einem großen Kopf ist dies leicht nachvollziehbar. Klügeren Menschen fällt es leichter, sich in einer Gesellschaft durchzusetzen und sich erfolgreich zu vermehren. Frauen mit einem kleinen Becken haben laut Mitteröcker ebenfalls einen Selektionsvorteil. Zum einen erleichtere ein enges Becken die Fortbewegung auf zwei Beinen, zum anderen verhindere das enge Becken, dass es nach der Geburt zu einem Prolaps der Gebärmutter kommt. 

Die widerstrebenden evolutionären Tendenzen führen dazu, dass ein Teil der mensch­lichen Geburten mit einem tödlichen Risiko verbunden sind. Dies ist das „Fitness-Dilemma“ der Menschheit. Mitteröcker spricht auch von einer „Fitness-Klippe“: Denn kleineres Becken und größerer Kopf erhöhen die „evolutionäre Fitness“ nur bis zu dem Punkt, an dem eine Geburt nicht mehr möglich ist. Jenseits davon kommt es zum Absturz. Die „Fitness“ ist dann gleich Null.

Die Einführung des Kaiserschnitts hat die „Fitness-Klippe“ abgeschafft: In westlichen Ländern muss keine Mutter mehr sterben, weil ihr Becken zu eng ist, und die Kinder überleben, auch wenn ihr Kopf zu groß für den Geburtskanal ist. Dies wird laut Mitteröcker zwangsläufig dazu führen, dass das „Becken-Kopf-Missverhältnis“ häufiger wird. Laut Mitteröcker ist der Anteil seit den 1950er-Jahren bereits (relativ) um zehn bis 20 Prozent angestiegen. Diese Zahl beruht allerdings auf theoretischen Überlegungen. Mitteröcker leitet sie unter anderem aus der Erblichkeit von Kopfumfang und Becken­durchmesser ab. Empirische Zahlen kann er nicht vorlegen. 

Nicht alle Gynäkologen dürften seine Ansicht teilen. Im klinischen Alltag haben eher die Zunahme von Diabetes und Übergewicht zu einer Zunahme von Risikogeburten geführt, die nur durch einen Kaiserschnitt zu einem lebenden Kind führen. Frauen ohne Risiko­schwangerschaft können heute in der Regel vaginal entbinden. Ein zu enger Geburts­kanal ist in der Regel kein Problem, da sich die Schädelknochen unter der Geburt gegeneinander verschieben können. © rme/aerzteblatt.de

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