Politik

Cyber-Angriffe auf Krankenhäuser: Erst der Anfang?

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Nürnberg – Im digitalen Zeitalter tun sich immer mehr Wege für Cyber-Kriminelle auf, an Geld zu kommen. Man nehme etwa E-Mails, eine Schadsoftware, einen Klick des Em­pfän­gers und ein Krankenhaus, das zu zahlen bereit ist. Etliche Kliniken in Deutschland haben das bereits erlebt, einige haben sich von sogenannter Ransomware freikaufen müssen. Doch manche IT-Experten warnen, Gesundheitseinrichtungen würden das Prob­lem noch nicht ausreichend ernst nehmen. Dabei sind diese Angriffe aus ihrer Sicht erst der Anfang – und Cyber-Erpressungen nur die Spitze des Eisbergs.

„Cyber-Kriminelle haben den Gesundheitssektor als lukrative Industrie entdeckt“, sagte der europäische Technikchef von Intel Security, Raj Samani. „Wir sehen, dass diese Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen zunehmen.“ Die meisten Cyber-Angriffe derzeit auf deutsche Kliniken sind Erpressungsversuche: Eine E-Mail, infiziert mit Software, wird verschickt, ein Angestellter macht sie auf und klickt einen Link an. Die Software macht sich im System breit und verschlüsselt die Daten. Um sie zu entschlüsseln, soll die Klinik zahlen.

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Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stuft die Gefährdungs­lage durch Ransomware als hoch ein. Im Frühjahr wurden mehrere Fälle solcher Attacken in Deutschland bekannt. Eine Klinik in Neuss etwa fuhr das gesamte IT-System herunter, um ein Ausbreiten der Software zu verhindern. Einige planbare und besonders große Operationstermine wurden verschoben. Doch in der Öffentlichkeit und in Kranken­häu­sern sei das Ausmaß der Bedrohung noch nicht wirklich realisiert worden, meint IT-Ex­perte Mark Semmler bei einem Seminar der Beratungsfirma RS Medical Consult in Nürn­berg.

Das liegt wohl auch daran, das bislang nur wenig Fälle bekannt sind und es kaum offizi­elle Zahlen zu Angriffen gibt. Dennoch gelte für Krankenhäuser gemäß IT-Sicherheits­ge­setz keine Meldepflicht, sagt das BSI. Allerdings haben demnach in einer Umfrage 78 von 89 befragten Gesundheitseinrichtungen in diesem Jahr Angriffe mit Ransomware ver­zeichnet. Allein in Bayern sind laut Landeskriminalamt in diesem Jahr bislang 13 An­zei­gen mit Bezug auf Hacking oder Ransomware eingegangen – im Jahr zuvor waren es zwei.

Aus Sicht von Semmler sind die meisten Krankenhäuser für Cyber-Angriffe nicht ge­wapp­net. Zum einem komme die Medizintechnik oft nicht mit ausreichendem IT-Schutz von den Herstellern. Zum anderen sieht er eins der größten Probleme im Personal, das nicht ausreichend geschult werde. Bei einigen Kliniken fehle es aber auch an einfachen Basisschutzmaßnahmen: Firewalls, gute Antiviren-Systeme, regelmäßige Kontrollen der Datensicherung, ein segmentiertes Netz.

Der Bundesverband der Krankenhaus-IT-Leiterinnen und -Leiter sieht die Lage weniger problematisch. „Natürlich gibt es einige Baustellen“, sagte Vorstandsmitglied Michael Thoss, etwa im Bereich der Personalschulung und der Medizintechnik. „Die Kranken­häu­s­er haben aber im Rahmen des Machbaren eine ausreichende IT-Sicherheit.“ Bereits wegen der Verwaltung großer Mengen an personenbezogenen Daten hätten Kranken­häuser schon immer einen hohen Schutz gewährleisten müssen.

Zudem hätte die Welle an Cyber-Attacken im Frühjahr das Thema IT-Sicherheit mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, meint Thoss – und somit auch in das der Krankenhausleitungen. Das sei gut. Denn aus seiner Sicht hakt der Ausbau der IT-Sicherheit auch oft am Geld. „Es gibt sicher Häuser, wo an Sicherheit gespart wird.“

Doch Experten warnen, dies sei erst der Anfang. Samani zufolge werden Angriffe immer gezielter. Und: „Es entwickelt sich ein Markt für gestohlene Gesundheitsdaten.“ Intel Se­cu­rity hat recherchiert, dass in den USA medizinische Datensätze für Preise zwischen drei US-Cent und 2,40 US-Dollar verkauft werden. Das ist Samani zufolge zwar noch nicht so lukrativ wie Finanzdaten, aber für die Geschädigten verheerender. Denn Kredit­karten kann man sperren und ersetzten lassen, Gesundheitsdaten – Namen, Adress­his­to­rien, Sozial- und Rentenversicherung – nicht.

Das könnte zunehmend ein Problem werden, je stärker Patienten und Krankenhäuser vernetzt werden. „Jeder neue Kommunikationsweg gibt neue Angriffsmöglichkeiten“, sagte Kurt Marquardt beim Expertenforum in Nürnberg. Er ist Bereichsleiter für Kon­zern-IT bei der Rhön-Klinikum AG. In den Krankenhäusern dieses Konzerns würden teil­weise Gesundheitsdaten eines Patienten durch einen Sensor an die Klinik übermittelt – auch von Zuhause aus. Dort, wo die Gefahr des Abgreifens dieser Daten am größten ist, versuche der Konzern aber so gut es geht, Informationen über den Patienten zu schüt­zen.

Derzeit kommt es in Deutschland noch nicht zum Diebstahl von Patientendaten, schät­zen Experten. Dafür gibt es laut Semmler hierzulande noch keinen Markt. „Aber zu sagen, dass das nicht in Deutschland passieren kann, ist gefährlich“, sagt Samani. © dpa/aerzteblatt.de

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