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Medizin

Medizinstudium: Depressionen und Suizidgedanken häufiger als in Allgemeinbevölkerung

Donnerstag, 8. Dezember 2016

dpa

Boston – Jeder vierte Medizinstudierende leidet einer Meta-Analyse im US-ameri­kanischen Ärzteblatt (2016; 316: 2214-2236) zufolge unter Depressionen, jeder zehnte hatte sich sogar mit dem Gedanken an einen Selbstmord beschäftigt. Nur die wenigsten begaben sich jedoch in Behandlung.

Das Medizinstudium gehört zu den akademischen Ausbildungen mit dem umfang­reichsten Lehrstoff. Das Curriculum ist durchsetzt von zahlreichen Prüfungen, die alle bestanden werden müssen. Hinzu kommen zahlreiche Praktika und erste klinische Tätigkeiten, die die zukünftigen Ärzte mental und auch körperlich herausfordern. Dass der ständige Leistungsdruck krank machen kann, ist seit längerem bekannt und auch in zahlreichen Studien untersucht worden.

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Das Team um Douglas Mata vom Brigham and Women's Hospital, Boston, konnte für seine systematische Übersicht und Meta-Analyse 167 Querschnittstudien mit 116.628 Teilnehmern sowie 16 Längsschnittstudien mit 5.728 Teilnehmern aus 43 Ländern recherchieren, darunter auch mehrere Studien aus Deutschland. Die Ergebnisse lassen sich nur bedingt vergleichen, da sich die Ausbildung in den einzelnen Ländern stark unterscheidet und auch verschiedene Messinstrumente verwendet wurden. 

Dennoch scheint es eine Übereinstimmung zu geben. Danach stellt das Studium für viele Aspiranten eine extreme Herausforderung dar. 27 Prozent aller Studierenden litten nach den Ergebnissen der einzelnen Studien unter Depressionen oder depressiven Symptomen. Die Bandbreite der Prävalenz reichte dabei von 9 bis 56 Prozent.

Für viele Betroffene waren die Depressionen kein zeitlich begrenztes Problem. Die Langzeituntersuchungen ergaben, dass die Depressionen bei vielen Studierenden über die gesamte Dauer des Studiums anhielten. Dass das Studium einen Anteil an den Depressionen hatte, zeigt sich darin, dass die Prävalenz in den neun Langzeitstudien, die depressive Symptome vor und während des Studiums beurteilten, median um 14 Prozent zunahm. 

Die Prävalenzen unterschieden sich nicht signifikant zwischen der Vorklinik und den klinischen Semestern (23,7 gegenüber 22,4 Prozent). Auch Alter und Geschlecht hatten keinen Einfluss auf die Häufigkeit.

11 Prozent der befragten Studenten gaben Suizidgedanken an. Die Prävalenz schwankte in den 24 Querschnittstudien zwischen 7 und 24 Prozent. Obwohl Depressionen eine anerkannte Erkrankung sind, für die es Behandlungen gibt, was den Medizinstudierenden bekannt sein müsste, suchten nur 15,7 Prozent einen Arzt der Psychologen auf. 

Depressionen sind laut Mata bei Medizinstudierenden deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Dort leiden in der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen 9,3 Prozent und in der Altersgruppe der 26- bis 49-Jährigen 7,2 Prozent unter Depressionen oder depressiven Symptomen.

Die Gründe für die hohe Prävalenz von Depressionen unter Medizinstudierenden und Ärzten in der Ausbildung (wo andere Untersuchungen eine Prävalenz von 28,8 Prozent ermittelt hatten), sind laut Stuart Slavin, Saint Louis University School of Medicine, in der „medizinischen Kultur“ zu suchen.

Mentale Überforderung werde von vielen Ärzten als eine Art notwendige Auslese betrachtet, nach der nur die wirklich „starken“ Persönlichkeiten für den ärztlichen Beruf geeignet seien. Mentale Gesundheitsprobleme würden nicht als Krankheit, sondern als Charakterschwäche angesehen. Die strenge Hierarchie in den Ausbildungsstätten und die Indifferenz der Verwaltung gegenüber den mentalen Problemen von Studierenden sind nach Ansicht des Editorialisten weitere Gründe für die anhaltend hohe Prävalenz von Depressionen unter Studierenden und Nachwuchsärzten. Auch das Lernumfeld an den Universitäten trage zu dem Problem bei.

Zur letzten Frage hat ein Team um Karina Davidson vom Columbia University Medical Center 28 Studien ausgewertet, die den Einfluss verschiedener Reformen auf die mentale Gesundheit untersucht haben. Sechs Veränderungen könnten laut der Publikation (JAMA 2016; 316: 2237-2252) hilfreich sein.

Die erste Reform, die in den USA 87 von 144 Hochschulen bereits umgesetzt haben, ist die Abschaffung von Noten in der Vorklinik. Studierende können zwar noch durchfallen, aber der Stress, der durch das Streben nach möglichst guten Noten entsteht, entfällt. Zweitens kann laut Davidson die Verfügbarkeit von Behandlungsangebotn und die Entstigmatisierung von mentalen Erkrankungen einen Beitrag leisten, um die mentale Gesundheit der Studenten zu erhalten.

Der dritte Ratschlag ist die Einführung von Kurzem zur Stressreduktion, die die Entstehung von mentalen Störungen vorliegen könnten. Viertens könnten Mentoren, die den Studenten als individuelle Berater zur Verfügung stehen, hilfreich sein. Fünftens hat laut Davidson die Stärkung der klinischen gegenüber der vorklinischen Ausbildung in Studien einem Burnout der Studenten vorgebeugt. Die sechs Maßnahme sollte eine umfassenden Integration der Einzelmaßnahmen in ein Gesamtkonzept sein, fordert Davidson. © rme/aerzteblatt.de

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