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Älteste Pockenviren entdeckt: Erreger jünger als gedacht?

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Hamilton – Bisher galten Pocken als eine der ältesten Seuchen der Menschheit. Jetzt wur­den in einer Kindermumie aus dem 17. Jahrhundert unter einer Kirche in Litauen Vi­rus­reste entdeckt, die auf anderes hindeuten: Möglicherweise ist die Seuche, die bis zu ihrer Ausrottung um 1980 Jahrhunderte lang in Europa wütete, gar nicht so alt wie bisher gedacht.

Die genetische Untersuchung der DNA-Relikte aus Litauen und ihr Abgleich mit moder­ner Pocken-DNA ergab, dass die Stränge evolutionär nur bis zu einem gemeinsamen Vorgänger zurückreichen, der zwischen 1588 und 1645 entstanden ist. Das berichtet ein internationales Forscherteam im Fachjournal Current Biology (DOI: 10.1016/j.cub.2016.10.061). Damals habe es eine Pe­ri­ode der Erkundungen, Migration und Kolonisierung gegeben, die eine Verbreitung der Pocken begünstigt haben könnte.

Bisher glaubte man, dass schon vor tausenden Jahren Menschen in China, Indien und Ägypten – etwa Pharao Ramses im Jahr 1145 vor Christus – den Pocken zum Opfer fie­len. Das müsse nun hinterfragt werden, meint Seniorautor Hendrik Poinar, Direktor des Zentrums für alte DNA an der McMaster University in Hamilton (Kanada). So könnten ver­meintliche Pockennarben, wie an Ramses' Mumie beschrieben, auch durch Masern oder Windpocken hervorgerufen werden. Das Kind in Litauen starb zwischen 1643 und 1665 – einer Zeit, in der die Seuche mehrmals in Europa ausbrach.

Bevor das Team die DNA der Pocken (Variola) aus der Mumie extrahieren durfte, muss­ten die Forscher die Genehmigung der Weltgesundheitsorganisation WHO einholen. Se­niorautor Poinar, betonte jedoch, die Proben seien stark fragmentiert und deshalb nicht gefährlich gewesen. „Sie waren auch nicht ansteckend für diejenigen, die in den vergan­ge­nen Dekaden mit der Mumie gearbeitet haben“, teilte er mit.

Trotz der evolutionsgenetischen Aufschlüsselung bleibt jedoch offen, wo das Virus tat­säch­lich herkommt. „Die Studie setzt den Beginn der Pocken-Evolution auf einen sehr viel späteren Zeitpunkt. Dennoch bleibt unklar, welches Tier das eigentliche Reservoir für das Pockenvirus ist und wann dieses erstmals auf den Menschen übersprang“, ergänzte Evolutionsbiologe Eddie Holmes, University of Sydney.

Die beiden Hauptstränge des Virus, das meist tödliche Variola major und das etwas we­niger aggressive Variola minor, bildeten sich der Untersuchung zufolge erst heraus, nach­dem der englische Arzt Edward Jenner 1796 einen Impfstoff entwickelt hatte. Solan­ge man die Ursprünge des Erregers nicht kenne, müsse man auch seine Wandlungs­fähig­keit bei der Konfrontation mit Impfstoffen im Blick behalten, sagen die Forscher.

Pocken gelten seit 1980 offiziell als ausgerottet. Es gibt jedoch noch lebende Viren, die in Labors höchster Sicherheitsstufe in den USA und Russland aufbewahrt werden. Sie la­gern in der Nähe von Nowosibirsk und in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. Eine ur­sprüng­lich für 1999 beschlossene Vernichtung der Proben wurde mehrfach aufge­scho­ben. 2014 tauchten zudem in der US-Gesundheitsbehörde NIH Reagenzgläser mit Po­cken­viren auf, die in einem Abstellraum vergessen worden waren. © dpa/aerzteblatt.de

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