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Vorschnelle Bandscheiben­operation aus Angst vor Karriereknick

Donnerstag, 15. Dezember 2016

/ Ligamenta Wirbelsaeulenzentrum, pixelio.de

Hamburg – Männlich, mittlere Altersgruppe, im Beruf stehend – wer zu dieser Gruppe gehört, wird sich bei einem Bandscheibenvorfall eher einer Operation unterziehen, als konservative Behandlungsmethoden auszuschöpfen. Und damit zugleich häufiger ent­gegen den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (Version von 2005) handeln, wie eine Studie am Hamburg Center for Health Economics (HCHE) ergab, die auf Daten des Gesundheitsmonitors der Barmer GEK beruht. Die Deutschen Gesellschaft für Ortho­pädie und Unfallchirurgie (DGOU) und die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) kritisieren die Interpretation der Daten.

Zu den konservativen Mitteln gehören etwa Krankengymnastik, Massagen und Schmerztherapie wie Injektionsbehandlungen, die über einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen erfolgen sollen.

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Über die Erfahrungen der Patienten mit Bandscheibenoperationen wisse man in Deutschland nur wenig, heißt es in der Pressemeldung des HCHE. Diese Lücke soll die Studie schließen. Insgesamt wurden mehr als 6.000 Versicherte der Barmer GEK befragt, die 2014 und 2015 an der Bandscheibe operiert wurden. Die Rück­laufquote betrug 47 Prozent.

Bei einem Drittel der Befragten wurden konservative Therapieverfahren nicht konse­quent verfolgt und operiert, lautet die Schlussfolgerung des HCHE. Auch wenn vielfach ohne akute Indikatoren operiert wurde, hielten die Patienten die Operation für den richtigen Weg. Insbesondere Berufstätige sorgten sich, ohne Operation ihren Beruf nicht mehr ausüben zu können. Außerdem waren sie der Überzeugung, dass ein Eingriff die bessere Möglichkeit sei, um die Schmerzen zu beheben. Zwar kommt es im Falle einer Bandscheibenoperation oftmals zu einer Linde­rung der Beschwerden, doch immerhin zehn Prozent der Operierten leiden nachhaltig unter Komplikationen.

Zweitmeinung führt eher zu einer konservativen Therapie
Diejenigen, die sich vor einem Eingriff eine Zweitmeinung eingeholt hatten, wurden häufiger konservativ therapiert. „Dies zeigt, wie wichtig es ist, entsprechende Beratungs­angebote auszubauen“, erklärte HCHE-Forscher Mathias Kifmann und regte an, konserva­ti­ve Therapiemöglichkeiten insbesondere für Berufstätige besser verfügbar zu machen. In Anbetracht der oft zeitintensiven konservativen Therapien können spezialisierte Angebote für bestimmte Berufsgruppen von Nutzen sein.

Nicht zuletzt sind auch die volkswirtschaftlichen Kosten interessant: Frühere Studien zeigen, dass die konservative Behandlung mittelfristig vergleichbare Ergebnisse erzielt, jedoch weniger Kosten verursacht und keinerlei Operationsrisiken birgt. Eine Bandschei­ben­operation kostet im Schnitt etwa 4.350 Euro. Überträgt man die Befunde, sind im Jahr 2014 durch womöglich vorschnelle Operationen Kosten im deutlich zweistelligen Millionenbereich entstanden, erläutern die Experten des HCHE.

Was die vom HCHE erhobenen Fakten darüber hinaus zeigen, erläutert Frank Kandzio­ra, Leiter der Sektion Wirbelsäule der DGOU und Vizepräsident der Eurospine: 65 Prozent der Patienten hatten präoperativ unerträgliche Schmerzen. Fast 90 Prozent waren in den letzten drei Monaten vor der Operation bereits im Krankenhaus behandelt worden. Trotzdem war nur bei sechs Prozent der Patienten eine Besserung unter kon­ser­vativer Therapie eingetreten, und präoperativ gaben nur fünf Prozent der Patienten an, dass sie noch eine weitere Woche konservativer Therapie aushalten würden. Fakt sei außerdem, dass bei 96 Prozent sowohl Arzt als auch Patient von der Notwendig­keit einer Operation überzeugt waren.

Deutsche Fachgesellschaften kritisieren Auswertungsmängel
Dennoch äußert die DGOU scharfe Kritik an der Auswertung der Studie. „Die Ergebnisse basieren auf einem niedrigen Evidenzlevel und widersprechen Studien wie SPORT oder Spine Patient Outcome Research Trial, die unter Aufsicht des amerikanischen Gesund­heits­ministeriums über Jahrzehnte erarbeitet wurden.“

Auf methodische Einschränkungen der HCHE-Studie weist auch die DGNC hin: Selbst die Autoren würden anmerken, dass randomisierte Studien zu dem Ergebnis kommen, dass frühzeitige Operationen die Beschwerden schneller lindern als konservative Thera­pien; mittelfristig seien die Ergebnisse ähnlich wie bei konservativen Therapien oder es bestünden nur geringe Unterschiede

. „Die Indikation zur Operation wurde zudem weit­gehend aus der subjektiven Meinung der Patienten abgeleitet statt aus einer fachärzt­lichen Einschätzung und durch die Brille der Gesundheitsökonomie bewertet“, sagt Walter Stummer, Präsident der DGNC gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Noch deutlicher äußerte sich Kandziora: „Diese Investition in die Lebensqualität ihrer Ver­sicherten ist der Barmer GEK aber offen­sichtlich zu teuer.“

Die erwähnten Leitlinien stammen aus dem Jahr 2005, ergänzte der Experte der DGOU. Dabei gebe es aktuellere Versionen. Nach Ansicht der DGNC sind die konsentierten Leitlinien weiterhin gültig – insbesondere bei den mengenanfälligen Prozeduren, sagte Stummer und führt weiter aus: „Ob die hier dargestellten Daten prinzipielle Missachtung gegenüber den Standards belegen, sei dahingestellt.“ © gie/aerzteblatt.de

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