Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Wiederholt Lieferengpässe bei Antibiotika: Patientensicherheit ist in Gefahr

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Lieferengpässe bei Arzneimitteln treten immer wieder auf und dauern teils Monate.  /Tim Reckmann pixelio.de

Köln/Berlin – Derzeit kommt es auf dem deutschen und internationalen Arzneimittel­markt erneut zu Lieferengpässen bei Antibiotika. Betroffen ist die Wirkstoffkombination Piperacillin/Tazobactam. In der Liste des Bundesinstituts für Arzneimittelsicherheit und Medizinprodukte (BfArM) taucht der Engpass jedoch nicht auf. Denn eine Meldepflicht gibt es in Deutschland nicht. Experten der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) und des Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) fordern, Strategien zu entwickeln, um die Bereitstellung lebenswichtiger Medikamente zu garantieren und Resistenzentwicklung entgegenzuwirken.

Eine Explosion in einer Produktionsstätte in China, in der ein großer Teil des weltweit verfügbaren Wirkstoffs verarbeitet wird, ist nach dem aktuellen Erkenntnisstand des BfArM der Hauptgrund für den derzeitigen Lieferengpass bei Piperacillin/Tazobactam. Das Breitband-Antibiotikum wirkt gegen unterschiedliche Arten von Bakterien. Anders als viele Antibiotika kann Piperacillin/Tazobactam auch gegen gramnegative Bakterien eingesetzt werden.

„Diese Wirkstoffkombination wird wegen ihres breiten Wirkspektrums bei verschiedenen schweren Infektionen – auch Krankenhausinfektionen – eingesetzt und ist ein hoch­wirksames und unentbehrliches Medikament“, sagt Winfried Kern, Vorstandsmitglied der DGI und Leiter der Infektiologie an der Universitätsklinik Freiburg. Auch bei anderen Antiinfektiva kommt es regelmäßig zu Lieferschwierigkeiten, zuletzt unter anderem bei Präparaten mit dem Wirkstoff Daptomycin oder Ampicillin/Sulbactam.

Ursachen für Lieferengpässe:

  • Preiswettbewerb, vor allem bei generisch verfügbaren Wirkstoffen
  • Pharmazeutische Unternehmen verlagern die Produktion oft in Schwellenländer, die nicht über die hiesigen Sicherheitsstandards verfügen und deshalb anfälliger sind für Produktionsprobleme.
  • Konzentration der Roh- und Wirkstoffproduktion in den Händen von immer weniger Anbietern
  • weltweit steigende Nachfrage nach bestimmten Antibiotika

Quelle: Martin Hug, Direktor der Apotheke der Universitätsklinik Freiburg und Mitglied des Ausschusses Antiinfektive Therapie des ADKA

„Oftmals müssen wir auf Antibiotika mit unnötig breitem Wirkspektrum zurück­greifen“, sagt Katja de With, Sprecherin der Sektion Antibiotic Stewardship der DGI und Leiterin der Klinischen Infektiologie am Universitätsklinikum Dresden. Die Bemühungen um eine rationale Antibiotikaverordnung und die Eindämmung von Resistenzen drohen an den immer wieder auftretenden Lieferengpässen zu scheitern. „Es entstehen Nachteile in der Behandlung bis hin zur Gefährdung des Patienten“, warnt de With.

Was passieren muss
„Auf der Ebene der Patientenversorgung muss es originäre Aufgabe von Infektiologen sein, gemeinsam mit Klinikapothekern Strategien zu entwickeln, um bei Antibiotika-Lieferengpässen eine sichere und wirksame Behandlung von Infektions-Patienten sicherzustellen“, sagt Kern. Darüber hinaus benötige man dringend einen Masterplan, um der Problematik als solcher zu begegnen – hier seien vor allem Politik und Industrie gefragt, ergänzt Matthias Fellhauer, Direktor der Apotheke des Schwarzwald-Baar Klinikums und Vorsitzender des Ausschusses Antiinfektive Therapie der ADKA. „Ein erster wichtiger Schritt wäre eine verbindliche Meldepflicht bei Lieferengpässen für die Industrie.“ Der jetzige Lieferengpass wurde nur auf Hinweis der ADKA in einer Pressemitteilung öffentlich bekannt gemacht und besteht schon seit mindestens Mitte November.

Des Weiteren fordern DGI und ADKA Politik und Industrie dazu auf, Strategien zu erarbeiten, die die Produktions- und Lieferfähigkeit von Arzneimittel verbessern, auch wenn deren Patentschutz abgelaufen ist. Die Versorgung mit lebensnotwendigen Medikamenten müsse gewährleistet sein, sonst gerate die Patientensicherheit ernsthaft in Gefahr, so die Experten von DGI und ADKA. © gie/EB/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

14.09.17
Weniger Antibiotika in der Tiermedizin eingesetzt
Berlin – Der Antibiotikaverbrauch in der Tiermedizin ist gesunken. Von 2011 bis 2016 ist die abgegebene Menge an Antibiotika für Tiere von 1.706 auf 742 Tonnen zurückgegangen, wie das Bundesamt für......
12.09.17
Apothekerverband für Konsequenzen aus Krebsmittelskandal
Düsseldorf – Als Konsequenz aus dem Bottroper Skandal um gefälschte Krebsmedikamente fordern die Apothekerverbände ein neues Vergütungsmodell für die hoch spezialisierten Apotheken. Künftig dürfe nur......
07.09.17
Science-O-Mat: Positionen der Parteien bei Antibiotika, Impfpflicht und Gentechnik
Berlin – Der Science-O-Mat bietet eine ergänzende Entscheidungshilfe zum Wahl-O-Mat. Im Nachgang des „March for Science“ haben einige Teilnehmer 15 Thesen mit Wissenschaftsbezug formuliert und diese......
04.09.17
Mehr als 56 Millionen Euro für die Antibiotikaforschung
Berlin – 56,5 Millionen Euro sollen die Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika voranbringen. Diese Mittel wurden heute der Globalen Partnerschaft für Antibiotikaforschung und Entwicklung GARDP......
04.09.17
EMA: Paracetamol mit verzögerter Freisetzung soll verboten werden
London – Die Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA möchte Paracetamol-Präparate mit verzögerter Freisetzung verbieten lassen. Anlass sind Überdosierungen, zu denen es jüngst in Schweden gekommen ist.......
31.08.17
Giftinformations­zentrum warnt vor Vergiftungen mit Methotrexat
Göttingen – Die Experten des Giftinformationszentrums (GIZ) Nord sind im vergangenen Jahr von Ärzten und Bürgern stark nachgefragt worden. 38.623 Anfragen haben die ärztlichen Berater 2016......
29.08.17
Methadon als Krebsmittel: Bundesregierung äußert sich zurückhaltend
Berlin – Über die Frage, ob Methadon als Krebsmedikament zum Einsatz kommen sollte, wird derzeit heftig gestritten. Die Bundesregierung äußert sich nun sehr zurückhaltend. „Die Annahme zur positiven......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige