Medizin

New York: „Zombie“-Epidemie durch synthetisches Cannabinoid mit 85-facher Potenz

Donnerstag, 15. Dezember 2016

New York – US-Toxikologen haben die Ursache für eine rätselhafte „Zombie“-Epidemie gefunden, zu der es in diesem Sommer in einem New Yorker Stadtteil gekommen war. Die jungen Männer, die völlig orientierungslos auf den Straßen herumgeirrt waren, hatten laut einer Studie im New England Journal of Medicine (2016; doi: 10.1056/NEJMoa1610300) ein synthetisches Cannabinoid konsumiert, das 85 Mal stärker an den endogenen Cannabis-Rezeptoren bindet als Tetrahydrocannabinol (THC) aus der Hanfpflanze.

Die jungen Männer, deren Verhalten von Augenzeugen (und den lokalen Medien) als „Zombie“-artig beschrieben wurde, hatten, wie spätere Befragungen ergaben, „AK-47 24 Karat Gold“ geraucht. Es handelt sich um ein pflanzliches Produkt, das mit dem synthetischen Cannabinoid MMB-FUBINACA versetzt wurde. MMB-FUBINACA gehört zu einer Reihe von Substanzen, die an Hochschulen oder von der Industrie zur Erforschung des Endocannabinoid-Systems entwickelt wurden. Die Erfinder lassen sich die Substanzen in der Regel patentieren. Die Einträge bei den Patentämtern liefern dann Chemikern, die in illegalen Labors in China und Südasien vermutet werden, die Anleitung zur Herstellung der Substanz, so auch bei MMB-FUBINACA. 

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MMB-FUBINACA wurde in den Labors von Pfizer entwickelt und im Februar 2009 zum Patent eingereicht. Auf dem Schwarzmarkt tauchte die Droge zuerst 2012 in Japan auf. In der europäischen Raver-Szene war sie spätestens 2015 ein Thema. In den USA wurde MMB-FUBINACA im Juli 2014 erstmals nachgewiesen. Ein sofortiges Verbot verhinderte allerdings nicht, dass die Droge im Juli 2015 in einem Straßenzug in Brooklyn von mindestens 18 Männern im Alter zwischen 25 und 59 Jahren konsumiert wurde.

Sie nahmen gewissermaßen an einer ersten klinischen Studie teil, in der die Dosis allerdings viel zu hoch gewählt wurde. Die Hauptnebenwirkung war eine schwere Störung des Bewusstseins. Die Konsumenten fielen in einen Trance-ähnlichen Zustand, der sie dazu motivierte, ihre Wohnungen zu verlassen. Auf der Straße fielen sie durch ihre langsamen und scheinbar mechanischen Bewegungen auf. Das Grummeln und Stöhnen der mit leblosen Augen herumstreifenden Konsumenten hat dann andere Passanten bewegt, die Polizei zu alarmieren, die wiederum die Drogenaufsicht einschaltete.

Am Ende landeten Blut- und Urinproben dann im Labor des Toxikologen Roy Gerona von der Universität von Kalifornien in San Francisco. Dort wurden auch einige Tüten von „AK-47 24 Karat Gold“ untersucht. In allen Proben wiesen die Forscher MMB-FUBINACA oder einen seiner Metaboliten nach.

Wie sich herausstellte, hatten die Hersteller (oder die Zwischenhändler) die Wirkung der Droge unterschätzt und die Dosis viel zu hoch gewählt. MMB-FUBINACA ist laut Gerona 85 Mal stärker als THC und 50 Mal stärker als WH-018, das eine Zeitlang als „K2“ im Schwarzhandel angeboten wurde.

Für die Pharmakologen ist MMB-FUBINACA nicht ganz uninteressant. Anders als andere synthetische Cannabinoide scheint die dämpfende Wirkung von MMB-FUBINACA auf das Zentralnervensystem nicht von Tachykardien, Arrhythmien, Krampfanfällen oder einer Hyperthermie begleitet zu werden.

Das Mittel hat auch kein akutes Nierenversagen ausgelöst und Hinweise auf eine Kardiotoxizität wurden bei den Probanden der unfreiwilligen Phase 1-Studie nicht gefunden. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der Konsum der Droge ungefährlich ist – selbst wenn sie niemanden angreifen, sind „Zombies“ extrem verletzungs- und unfallgefährdet – oder dass eine medizinische Anwendung für MMB-FUBINACA erkennbar wäre. © rme/aerzteblatt.de

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