Medizin

Geringe psychische Morbidität nach Schwangerschafts­abbruch

Montag, 19. Dezember 2016

San Francisco – Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen lassen, leiden in den folgenden Jahren nicht häufiger unter Depressionen oder Angstzuständen. Auch Selbst­wertgefühl oder die allgemeine Zufriedenheit mit dem Leben waren in einer Langzeit­studie in JAMA Psychiatry (2016; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2016.3478) nicht geringer als bei Frauen, denen ein Schwangerschaftsabbruch verweigert wurde.

In den USA stehen sich Befürworter und Gegner der Abtreibung feindlicher gegenüber als in anderen Ländern. Zu den Folgen gehört, dass neun Staaten Frauen nach einem in den USA legalen Schwangerschaftsabbruch zu einer psychologischen Beratung verpflichten. Die Frauen sollen dort auf die befürchteten psychischen Folgen der Abtreibung aufmerksam gemacht werden, die nach Ansicht der Gegner in lebenslangen Schuldgefühlen bestehen. Die Befürworter des Schwangerschaftsabbruchs sehen darin eine Gängelung und Morbidisierung. 

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Im Jahr 1989 hatte sich der US Surgeon General, oberste moralische Institution in Sachen Gesundheit, der Sache angenommen und festgestellt, dass es keine wissen­schaftlichen Untersuchungen zu den möglichen psychischen Folgen eines legalen Schwangerschaftsabbruchs gebe. Seit 2008 geht die sogenannte „Turnaway Study“ dieser Frage nach.

Das Team um Antonia Biggs von der Universität von Kalifornien in San Francisco interviewte für die Studie insgesamt 959 Frauen. Darunter waren 413 Frauen, die die Schwangerschaft in zeitlicher Nähe zur Zwölf-Wochen-Frist abbrechen ließen, sowie 210 Frauen, die wegen Übertretung der Frist abgelehnt („turned away“) wurden. Von diesen Frauen gebaren 160 ihr Kind, die anderen 50 Frauen fanden eine andere Klinik, die den Schwangerschaftsabbruch vornahm. Eine weitere Gruppe bestand aus 254 Frauen, die die Schwangerschaft im ersten Trimenon beenden ließen.

Die Frauen wurden über einen Zeitraum von fünf Jahren zweimal jährlich angerufen. Mit dem „Brief Symptom Inventory" wurden sie gezielt nach depressiven Verstimmungen und nach Ängsten befragt. Weitere Fragen betrafen Selbstwertgefühl und die allgemei­ne Zufriedenheit mit dem Leben.

Die erste Befragung fand eine Woche nach dem Schwangerschaftsabbruch oder nach der Abweisung durch die Klinik statt. Wie zu erwarten, waren die Ängste und depressi­ven Verstimmungen unter den abgewiesenen Frauen am größten. Selbstwertgefühl und die allgemeine Zufriedenheit mit dem Leben waren niedriger als in den anderen Grup­pen.

Im Verlauf der Zeit näherten sich jedoch alle Gruppen an. Langfristig scheint die Entscheidung zu einem Schwangerschaftsabbruch bei den Frauen keine psychischen Folgen hinterlassen zu haben, die nach Ansicht von Biggs eine verpflichtende psycholo­gische Beratung rechtfertigen würden. Auf der anderen Seite hatte allerdings auch die Verweigerung einer Abtreibung langfristig keine negativen Auswirkungen. Die betroffe­nen Frauen scheinen sich wenigstens gefühlsmäßig auf ihre neue Lebenslage einge­stellt zu haben. © rme/aerzteblatt.de

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