Medizin

Ebola: Impfstoff bietet vermutlich 100-prozentigen Schutz

Freitag, 23. Dezember 2016

Genf – Der Impfstoff rVSV-ZEBOV, der ursprünglich zur Abwehr von bioterroristischen Angriffen in Nordamerika entwickelt wurde, hat sich gegen Ende der Ebola-Epidemie in Westafrika als effektiv erwiesen. Laut den im Lancet (2016; doi: 10.1016/ S0140-6736(16)32621-6) publizierten Ergebnissen ist die Vakzine bis zu 100 Prozent effektiv.

Seit der Entdeckung des Ebola-Virus im Jahr 1976 ist es immer wieder zu Epidemien gekommen. Die meisten konnten innerhalb kürzester Zeit beendet werden, weil sie in abgelegenen Regionen auftraten und die Quarantäne-Maßnahmen griffen. Auch die hohe Letalität des Ebola-Virus trug dazu bei, dass die Epidemien lokal begrenzt blieben. Viele Patienten starben, bevor sie andere anstecken konnten. Es wurden deshalb nur halbherzige Versuche unternommen, einen Impfstoff zu entwickeln.

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Dies änderte sich nach dem 11. September 2001. Die Virusforscher wiesen darauf hin, dass die Viren als Biowaffe eingesetzt werden könnten. Ob dies angesichts der Risiken im Umgang mit den Viren ein realistisches Szenario war, ist unklar. Die Angst vor weiteren Anschlägen förderte jedoch die Forschung. Die kanadischen Gesundheits­behörden und die US-Defense Threat Reduction Agency (die 1998 gegründet worden war, um frühere Ostblockländer bei der geordneten Vernichtung von Massen­vernichtungswaffen aus der Sowjetzeit zu unterstützen), finanzierten jetzt ein Forschungsprojekt von kanadischen Mikrobiologen, die ein Hüllprotein des Ebola-Virus in das Vesicular Stomatitis Virus VSV) eingebaut hatten. VSV kann sich im menschlichen Körper vermehren, löst jedoch anders als bei Huftieren keine Erkrankung aus.

Als Ende 2013 eine Epidemie in Westafrika ausbrach, an der bis zu ihrem Ende 2016 mehr als 11.300 Menschen sterben sollten, befand sich der Impfstoff noch in einem tierexperimentellen Stadium. Aus der Not heraus wurde er 2015 vorzeitig in Guinea eingesetzt. Im Rahmen der Studie „Ebola ça Suffit“ wurden 5.837 Personen geimpft. Es handelt sich um die Kontakte von Ebola-Kranken sowie um Kontakte der Kontakte. Diese Ring-Impfung hatte sich bei der Eradikation der Pockenviren in den 1970er Jahren bewährt. 

Um die Effektivität zu beurteilen, wurde nur ein Teil der Teilnehmer sofort geimpft, die anderen erhielten den Impfstoff erst mit einer Verzögerung von zehn Tagen. In der ersten Gruppe kam es zu keiner einzigen Erkrankung, in der zweiten Gruppe traten 16 Ebola-Fälle auf. Ana Maria Henao-Restrepo von der Weltgesundheitsorganisation in Genf und Mitarbeiter gehen aufgrund dieser Ergebnisse von einer 100-prozentigen Effektivität des Impfstoffs aus.

Die untere Grenze des 95-Prozent-Konfidenzintervalls reicht allerdings bis 68,9 Prozent. Wie zuverlässig der Impfstoff bei zukünftigen Epidemien sein wird, lässt sich deshalb nicht vorhersagen. Die Aussagekraft der Ringstudie ist begrenzt, da die Randomisierung nach den ersten Erfolgen aus ethischen Gründen aufgehoben werden musste und alle Kontakte sofort geimpft wurden.

Wichtig ist jedoch, dass der Impfstoff einigermaßen verträglich ist. Davon war nicht unbedingt auszugehen, da es sich bei dem Träger um ein replikationsfähiges Virus handelt, das möglicherweise nach einer intramuskulären Injektion doch Schaden anrichten könnte. Es blieb jedoch meistens bei Kopfschmerzen, die bei 25,4 Prozent der Patienten auftraten, sowie einer Abgeschlagenheit bei 18,9 Prozent und Muskel­schmerzen bei 13,1 Prozent der Geimpften.

Von den 80 schweren Komplikationen waren nach Einschätzung von Henao-Restrepo nur zwei – eine fiebrige Reaktion und eine Anaphylaxie – auf die Impfung zurückzuführen. In einem dritten Fall – eine grippeartige Erkrankung – waren sich die Forscher nicht sicher. Alle drei Patienten erholten sich ohne Spätfolgen von den möglichen Impfkomplikationen.

Der Hersteller Merck (in Deutschland MSD) hat aufgrund der Ergebnisse bereits im Sommer in den USA und in Europa die Zulassung des Impfstoffes beantragt. Nach einem positiven Bescheid, mit dem gerechnet wird, und der dann sicheren Empfehlung der WHO könnten sich einzelne Länder bevorraten. Die Impfallianz GAVI hat bereits 5 Millionen US-Dollar für die Produktion von 300.000 Impfdosen zur Verfügung gestellt. Sie könnten im Fall einer erneuten Epidemie als Sofortmaßnahme eingesetzt werden. 

Für eine präventive Impfung der Bevölkerung dürfte die Vakzine nicht zugelassen werden. Die Standards sind hier höher und die Hersteller müssten die Sicherheit des Impfstoffes zunächst in größeren Feldstudien testen. Der Impfstoff „cAd3-EBO Z“, den der Hersteller GSK zusammen mit dem US-National Institute of Allergy and Infectious Diseases entwickelt hat, gilt unter Experten als aussichtsreichere Variante für eine allgemeine Impfung. Das Oberflächenprotein ist hier an ein Adenovirus von Schimpansen gebunden, die sich im menschlichen Körper nicht vermehren können.

© rme/aerzteblatt.de

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