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Medizin

Jahresrückblick 2016 aus der Medizin

Montag, 2. Januar 2017

/dpa

Bedrohung für Schwangere: Weltweiter Gesundheitsnotfall durch Zika-Viren
Das Zika-Virus hat 2016 die Schlagzeilen beherrscht. Die Krise hatte sich bereits im Herbst 2015 abgezeichnet, als im Nordosten Brasiliens die Zahl der Kinder anstieg, die mit einer Mikrozephalie geboren wurden. Die Befragungen ergaben rasch, dass viele Mütter während der Schwangerschaft am Zika-Fieber erkrankt waren. 

Das Virus, das 1947 in Uganda entdeckt wurde und zuletzt in Französisch-Polynesien aufgetreten war, hatte 2015 erstmals Südamerika erreicht. Bereits im Dezember 2015 hatten hilflose brasilianische Gesundheitsbehörden den Frauen empfohlen, Schwanger­schaften in diesem Jahr zu vermeiden. Im Januar zogen die US Centers for Disease Control and Prevention mit einer Reisewarnung nach. Dies verhinderte allerdings nicht, dass Reise-assoziierte Infektionen in Nordamerika und auch in Europa auftraten. Auch aus Südostasien wurden Erkrankungen gemeldet.

Viele Experten fürchten allerdings, dass das Virus im Sommer 2017 zurück­kehren wird. Während die Bevölkerung in Südamerika dann möglicherweise „durch­geimpft“ ist, könnte sich die Epidemie nach Nordamerika oder Europa verlagern. Die Suche nach einem effektiven Impfstoff dürfte deshalb fortgesetzt werden. Drei Impfstoffe haben bereits eine gute Schutzwirkung bei Rhesusaffen gezeigt. Auch eine passive Immunisierung, etwa bei Schwangeren nach einer Exposition mit dem Virus, könnte hilfreich sein. In Florida traten im Hochsommer erste autochthone Infektionen auf.

Damit war eingetreten, was Experten befürchtet hatten. Das Virus wurde von einheimi­schen Mücken aufgenommen. Eine weitere Verbreitung ist damit kaum noch zu vermeiden. Inzwischen hat sich die Epidemie abgeschwächt. Dies hat vor allem in Brasilien, wo bis Ende 2016 fast 2.200 Mikrozephalie-Fälle bestätigt wurden, die Situation entspannt. Die Welt­gesund­heits­organi­sation hat im November den Gesund­heits­notstand wieder aufgehoben. Im Februar rief die Weltgesundheits­organisation einen weltweiten Gesundheitsnotfall aus. Gynäkologen in Deutschland rieten Schwangeren zu einer intensivierten Ultraschalldiagnostik.

Bald wurde erkannt, dass die Viren nicht nur durch Mückenstiche, sondern auch sexuell übertragen werden können (auch bei gleichgeschlechtlichen Kontakten). Das Zikavirus überlebt länger als sechs Monate im Ejakulat. Reiserückkehrern wurde deshalb geraten, sechs Monate lang Kondome zu verwenden. Im Juli wurde dann auch in Europa ein erstes Baby mit Schädelfehlbildung geboren.

Die Pathogenese der Zika-Embryopathie ist inzwischen gut untersucht. Die Viren infizie­ren zunächst die Plazenta. Danach greift die Infektion auf den Feten über. Im Gehirn kommt es zu einem Untergang der Vorläuferzellen des Cortex, was die Mikrozephalie plausibel erklärt. Die Embryopathie zeigt Parallelen zu den Röteln, die vor Einführung der Impfung ebenfalls schwere Fehlbildungen bei den Kindern auslöste, die häufig in einem Kontrast zum milden oder asymptomatischen Verlauf der Erkrankung bei den Schwangeren standen.

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Gelbfieber: Epidemie in Angola offenbart Impfstoffmangel
Wesentlich bedrohlicher als Zika, aber von den Medien kaum beachtet, war eine Gelbfieber-Epidemie, zu der es in diesem Jahr in Angola und im benachbarten Kongo kam. Die ersten Erkrankungen wurden als Lebensmittelvergiftung fehlgedeutet. Und obwohl die Erkrankung seit Langem in Angola (wie in allen tropischen und subtropischen Regionen Afrikas) endemisch ist, gab es im ganzen Land kein Labor, das die Viren sicher nachweisen konnte. Noch schlimmer war, dass nicht genügend Impfstoffe zur Verfügung standen, um die Epidemie einzudämmen. Die Welt­gesund­heits­organi­sation war auf Spenden aus anderen Ländern wie Brasilien angewiesen, die seit Langem Erfahrungen mit dem Gelbfieber haben. Selbst der Südsudan, das ärmste Land des Kontinents, verzichtete auf eine Impfkampagne, um die dringend benötigten Impfstoffe zur Verfügung zu stellen. Am Ende musste der Impfstoff sogar gestreckt werden, damit 14 Millionen Menschen geimpft werden konnten.

Die zunehmenden internationalen Verflechtungen führten dazu, dass die Viren auch in andere Länder verschleppt wurden. Selbst in China traten elf Infektionen auf, was nicht verwunderlich ist, da China sich wirtschaftlich stark in Afrika engagiert. Mehr als 10.000 Chinesen sollen in Afrika tätig sein, darunter viele aus dem südlichen China, wo Aedes-Mücken schnell zum Vektor einer Epidemie hätten werden können. Da Südasien bisher vom Gelbfieber verschont wurde, gibt es dort keine Immunität in der Bevölkerung. Eine Epidemie hätte sich vermutlich ungehindert ausgebreitet. Erinnerun­gen an die schweren Gelbfieber-Epidemien des 19. Jahrhunderts wurden wach, die in den Südstaaten der USA mehrfach tausende von Opfern gefordert hatten.

Am Ende gelang es dann doch noch, die Epidemie zu stoppen. Es blieb bei 884 bestätigten Erkrankungen in Angola und 78 bestätigten Erkrankungen in der Demokra­tischen Republik Kongo, wobei diese Zahlen nur die Spitze eines Eisbergs beschreiben, da aufgrund der begrenzten Laborkapazitäten nur wenige Verdachtsfälle (insgesamt etwa 6.000) geprüft werden konnten.

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„Genschere“ CRISPR/Cas9 erstmals beim Menschen eingesetzt
Die „Genschere“ CRISPR/Cas9 wurde vier Jahre nach ihrer Entwicklung erstmals am Menschen eingesetzt – wenn auch nicht direkt im Menschen. Forscher der Sichuan-Universität in Chengdu nutzen die Methode, um im Labor aus T-Zellen das Gen für das PD-1-Protein zu entfernen. Danach wurden die T-Zellen den Patienten wieder infundiert. Die Behandlung hat damit die gleiche Wirkung wie die Antikörper Nivolumab und Pembrolizumab, die am PD-1-Rezeptor binden. Sie verhindern dadurch, dass Krebs­zellen sich vor einem Angriff durch die T-Zellen schützen, indem sie in den T-Zellen einen Mechanismus zur Selbstzerstörung aktivieren.

Die Forscher der Sichuan-Universität in Chengdu haben in einer Phase-1-Studie mit der Behandlung von 15 Patienten mit Lungenkrebs begonnen. Ob sie gleich gute Ergebnisse erzielen wie mit den beiden Checkpoint-Inhibitoren, ist offen. Auch US-Mediziner wollen die Gen­schere beim Menschen einsetzen. Der Ansatz ist ähnlich wie bei den chinesischen Forschern (die die Ideen der US-Forscher nur kopiert haben und wegen der fehlenden rechtlichen Hürden und ethischen Bedenken schneller sind).

Das Team um Carl June von der Universität Pennsylvania will neben dem PD-1-Protein auch den natürlichen T-Zell-Rezeptor aus den Abwehrzellen entfernen (mit dem die Zellen Antigene aufspüren) und durch einen T-Zell-Rezeptor ersetzen, der ein Tumor­antigen auf Melanom­zellen erkennt. Dies könnte die Immunabwehr gegen die Krebszellen noch einmal verstärken, es könnte aber auch die Toxizität erhöhen. 

Andere Einsatzgebiete sind die Behandlung von HIV-Infektionen, wo CRISPR/Cas9 die CD4-Zellen mit einem Resistenz-Gen versehen soll. CRISPR/Cas9 könnte aber auch Erbkrankheiten heilen. Dies ist bei Mäusen mit einer Muskeldystrophie vom Typ Duchenne bereits gelungen. CRISPR/Cas9 entfernte dort Genabschnitte mit einem Stop-Codon, das die komplette Ablesung des Dystrophin-Gens verhindert. Die Mäuse stellen danach das für die Muskelzellen wichtige Protein (in verkürzter Form) wieder her. Die Effizienz ist jedoch vorerst noch zu gering, um klinische Tests zu rechtfertigen.

/dpa

Schwerer Zwischenfall überschattet Phase-1-Studie
Im Januar erinnerte der Hirntod eines gesunden jungen Mannes in Frankreich daran, dass die Prüfung neuer Wirkstoffe trotz aller Vorsichtsmaßnahmen mit Risiken verbun­den ist. Der Proband hatte im Rahmen einer Phase-1-Studie eine Dosis des Fettsäure­amid-Hydrolase-Inhibitors BIA 10-2474 erhalten. Das Mittel hemmt den Abbau des körpereigenen Cannabinoids Anandamid, das an der Regulierung von Schmerz­empfindung und Angstgefühlen beteiligt ist.

BIA 10-2474 war aufgrund der präklinischen Studien als sicher eingestuft worden. Warum es dann bei sechs Probanden zu Einblutungen im Hippocampus und im Pons kam, die einmal zum Tod führten und bei drei weiteren Probanden lebenslange Behin­de­rungen hinterließen, ist nicht restlos geklärt. Am wahrscheinlichsten ist, dass BIA 10-2474 neben der Fettsäureamid-Hydrolase noch weitere Serin-Hydrolasen im Gehirn gehemmt hat.

Es handelt sich um den ersten schweren klinischen Zwischenfall in einer Phase-1-Studie seit 2006, als in London sechs Probanden bei ersten Tests des mono­klonalen Antikörpers TGN1412 der Würzburger Firma Tegenero zu Schaden gekommen waren. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hatte danach die Regeln für klinische Tests verschärft, was die tragischen Zwischenfälle in Rennes jedoch nicht verhinderte. Die EMA kündigte im Mai an, das Design von Phase-1-Studien erneut zu überarbeiten. Ob dies in Zukunft ähnliche Zwischenfälle verhindern kann, bleibt abzuwarten.

Eher glimpflich verlief der „unfreiwillige Test“ eines synthetischen Cannabinoids in diesem Sommer im New Yorker Stadtteil Bronx. Eine Reihe junger Männer hatten nach dem Konsum der Straßendroge „AK-47 24 Karat Gold“ eine schwere Psychose ent­wickelt. Sie irrten orientierungslos auf den Straßen herum und erschreckten durch ihr Zombie-artiges Verhalten andere Passanten. Wie sich später herausstellte, hatte die Droge das Cannabinoid MMB-FUBINACA enthalten, das 85 Mal stärker an den endogenen Cannabis-Rezeptoren bindet als Tetrahydrocannabinol aus der Hanfpflanze. Alle Probanden erholten sich ohne Folgeschäden von ihren Bewusstseinsstörungen. Pharmakologen waren über die große therapeutische Breite des Cannabinoids beeindruckt. Dies gilt allerdings nicht für andere Cannabis-Alternativen, die auch in Europa auf dem Schwarzmarkt angeboten werden und teilweise tödliche Reaktionen ausgelöst haben.

/pa

Krebs-Immuntherapie: Checkpoint-Inhibitoren und Zelltherapie
Die Krebstherapie hat sich in den letzten Jahren langsam von einer konventionellen Chemotherapie mit Zytostatika, die alle Zellen unabhängig von ihrer Herkunft angreift, hin zu einer zielgerichteten Therapie entwickelt, die nur die Krebszellen ins Visier nimmt. Den Anfang machten Antikörper, die bestimmte Strukturen auf der Oberfläche der Krebszellen erkennen, und Tyrosinkinase-Hemmer, die die Signalweiterleitung von äußeren Wachstumsimpulsen auf die Krebszellen hemmen. 

Zu diesen zielgerichteten Therapien gehören die 2016 neu zugelassenen Antikörper Necitumumab, Daratumumab, Dinutuximab und Elotuzumab: Necitumumab heftet sich an Rezeptoren des epidermalen Wachstumsfaktors, die sich auf den Zellen des nicht kleinzelligen Lungenkarzinoms befinden. Daratumumab bindet am Protein CD38 auf der Oberfläche von Myelomzellen. Dinutuximab erkennt das Gangliosid GD2, das sich auf der Oberfläche von Neuroblastom-Zellen befindet. Elotuzumab richtet sich gegen das Glyko­protein SLAMF7 auf Myelomzellen. Zielgerichtet ist auch der Angriff des Tyrosinkinase-Inhibitors Osimertinib. Er hemmt die Weiterleitung von Wachstums­signalen an einer Variante des Rezeptors für den epidermalen Wachstumsfaktor, die häufig bei therapieresistenten Lungenkarzinomen auftritt. 

Gemeinsam ist diesen neuen Krebs­medikamenten, dass sie bei fort­geschrittenen Tumoren das progres­sions­freie Überleben und machmal auch das Gesamtüberleben verlängern. Diese insgesamt begrenzten Vorteile sind allerdings mit hohen Kosten für die Medikamente verbunden, die immer die Frage aufwerfen, wo die Grenze der Finanzierbarkeit liegt. Der Hersteller von Osimertinib hat sein Medikament nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen, nachdem er sich mit den Krankenkassen nicht auf einen Erstattungspreis einigen konnte.

Diese Einwände gelten auch für die Checkpoint-Inhibitoren Ipilimumab, Nivolumab und Pembrolizumab, die die natürliche Immunabwehr verstärken. Ipilimumab wurde bereits 2011 eingeführt, Nivolumab und Pembrolizumab kamen 2015 hinzu. Besonders attraktiv erschien die Kombination aus Ipilimumab und Nivolumab, da beide an unterschiedlichen Rezeptoren (CTLA-4 durch Ipilimumab und PD1 durch Nivolumab) binden. Doch die doppelte Checkpoint-Blockade kann die Grenzen der Verträglichkeit überschreiten. US-Mediziner berichteten 2016 über eine fulminante Myokarditis, die bei zwei Patienten innerhalb kurzer Zeit zum Tode führte.

Auch die CAR-T-Zelltherapie, die neueste Variante der Immuntherapie, ist riskant. Bei der CAR-T-Zelltherapie werden T-Zellen des Krebspatienten außerhalb des Körpers mit einem chimärischen Antigen-Rezeptor (CAR) versehen, der die Aggressivität der T-Zellen erhöht. Die Behandlung erzielt vor allem bei Leukämien und Lymphomen gute Ergebnisse. Doch auch hier gibt es keine Garantie, dass diese Zellen nur den Tumor angreifen. Im Juli musste in den USA eine klinische Studie abgebrochen werden, nachdem es zu drei Todesfällen gekommen war.

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Transplantation von Penis und Gebärmutter
Die ersten Organtransplantationen wurden durchgeführt, um das Leben der Patienten zu retten. Nach Niere, Herz, Lunge, Leber, Pankreas und Dünndarm sind in den letzten Jahren zunehmend nicht lebensnotwendige Organe oder Körperteile transplantiert worden. Dazu gehören etwa Arme oder Gesichter. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Sexual- und Reproduktionsorgane in den Focus gelangten. Bereits 2012 kam in Schweden ein Kind zur Welt, das in einer transplantierten Gebärmutter ausgetragen wurde. 

Demnächst könnte dies auch in Deutschland geschehen. Am 14. Oktober gelang es einem Tübinger Ärzteteam erstmals, eine Gebärmutter erfolgreich zu transplantieren. Eine 23 Jahre alte Frau erhielt in einem simultanen Eingriff den Uterus ihrer Mutter implantiert. Die Ärzte hoffen jetzt, dass das Organ sich im neuen Organismus so weit integriert, dass eine Schwangerschaft möglich wird. Ein erster Versuch ist für 2017 geplant. Dass die Operation nicht einfach ist, mussten Chirurgen der Cleveland Clinic erfahren. Die erste Uterus-Transplantation in den USA, die am 7. Februar erfolgte, scheiterte wenige Wochen später. Nach einer stärkeren Blutung musste der Uterus explantiert werden. Inzwischen wurden am Baylor University Medical Center in Dallas vier weitere Uterus-Transplantationen durchgeführt, von denen eine erfolgreich war.

Am Mai war Chirurgen des Massa­chusetts General Hospital in Boston eine Penis-Transplantation gelungen: Ein 64 Jahre alter Mann, dessen Penis auf­grund einer Krebserkrankung entfernt werden musste, erhielt ein neues Zeugungs­organ. Es ist weltweit die zweite Transplantation dieser Art. Die erste führten Chirurgen der Universität Stellenbosch in Südafrika bereits im Dezember 2014 an einem jungen Patienten durch, dessen Penis nach einer missglückten Beschnei­dung im Alter von 18 Jahren entfernt werden musste.

Nierentransplantationen sind dagegen seit Jahrzehnten eine Standardoperation. Urologen am Universitätsklinikum des Saarlandes lassen sich bei der Arbeit inzwischen von einem Roboter unterstützen. Die beiden ersten roboter-assistierten Nierentrans­plantationen in Deutschland wurden in Homburg im Juni 2016 durchgeführt.

Die Gesamtzahl aller Organtransplantationen stagniert seit Jahren. Im Eurotransplant­gebiet konnten 2015 insgesamt 7.145 Spenderorgane von 2.063 Verstorbenen vermittelt werden. 2014 waren es 7.183 Spenderorgane von 2.041 Verstorbenen. Für die Patienten ist die Organtransplantation noch immer mit einer längeren Wartezeit verbunden. Eine Lösung könnte die Verwendung von Organen von Tieren sein. 

Diese Xenotransplantation ist derzeit noch keine klinische Perspektive, wenn auch sich die Organüberlebenszeiten deutlich verlängert haben. Der Rekord liegt bei 945 Tagen. So lange überlebte ein Schweineherz in der Bauchhöhle eines Pavians. Die Spender stammten aus einer genetisch modifizierten Schweine-Rasse namens „GTKO.hCD46.hTBM“. Diesen Tieren fehlen gleich mehrere Merkmale auf den Zellen, die nach einer Xenotransplantation normalerweise eine hyperakute Abstoßung auslösen.

/dpa

Arzneimittelforschung: Erstmals wieder neue Antibiotika
Krebsmedikamente bilden seit Jahren den Schwerpunkt der Arzneimittelhersteller. Von den 31 neuen Medikamenten (ohne Biosimilars), die 2016 eingeführt wurden, entfielen zehn auf den onkologischen Sektor. Dies dürfte daran liegen, dass Krebs eine der häufigsten Erkrankungen ist. Außerdem haben Antikörper und Tyrosinkinase-Inhibitoren in den letzten Jahren neue Perspektiven der zielgerichteten Therapie eröffnet. Die zielgerichtete Therapie bringt es mit sich, dass die Therapie nur bei einer begrenzten Zahl von Patienten eingesetzt werden kann. So kann ein Krebsmedikament zu einem Orphan Drug werden (was den Herstellern entgegenkommt, da es das Zulassungs­verfahren verkürzt).

Neben den bereits genannten Krebsmedikamenten Daratumumab und Dinutuximab zählen auch Olaratumab (Weichteilsarkom) und Venetoclax (chronische lymphatische Leukämie) zu den Orphan Drugs. Weitere Neueinführungen aus dieser Gruppe sind Albutrepenonacog alfa, das 2016 zur Behandlung der Hämophilie B zugelassen wurde und Afamelanotid, das die Symptome der erythropoetischen Protoporphyrie lindert, sowie Migalastat zur Behandlung des Morbus Fabry mit bestimmten Mutationen.

Zu den erfreulichen Neueinführungen gehören zwei Antibiotika: Dalbavancin und Oritavancin könnten vielen Patienten mit Haut- und Weichteilinfektionen zugute kommen, die immer häufiger nicht mehr auf konventionelle Antibiotika ansprechen. Zur Behandlung der Hepa­titis C wurden zwei neue Wirkstoff­kom­bi­nationen (Grazoprevir/Vel­pa­tasvir/El­basvir und Velpatasvir/Sofos­buvir) einge­führt, die eine effektive Viruselimi­nie­rung innerhalb weniger Wochen ver­sprechen. Experten halten mittler­weile eine Ausrottung der Hepatitis C in Deutschland für möglich. Allerdings wissen die wenigsten von den geschätzten 250.000 Patienten von ihrer Infektion, die nach Jahr­zehn­ten zur Leberzirrhose und zum hepatozellulären Karzinom führen kann.

Die Innovation mit der größten Breitenwirkung ist zweifellos der Neprilysin-Inhibitor Sacubitril, der 2016 in einer fixen Kombination mit dem AT1-Antagonisten Valsartan eingeführt wurde. Sacubitril ist seit längerer Zeit das erste neue Medikament gegen Herzinsuffizienz mit neuem Wirkmechanismus. Es hat in der Zulassungsstudie die Überlebenszeiten von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz um ein bis zwei Jahre verlängert. Das Mittel wird bereits in der aktuellen Leitlinie der European Society of Cardiology empfohlen und der Gemeinsame Bundes­aus­schuss hat der Fixkombination bereits einen beträchtlichen Zusatznutzen bescheinigt.

Von einer Kombination des Renin-Inhibitors Aliskiren mit einem ACE-Hemmer wird bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz dagegen abgeraten. In der größten Studie, die jemals zur Behandlung dieser Erkrankung durchgeführt wurde, konnte die Prognose der Patienten nicht sicher verbessert werden. Es kam zu einem Anstieg von Komplika­tionen.

Noch nicht in Europa zugelassen ist die „Libido-Pille“ Flibanserin, die im März in den USA zur Behandlung von sexuellen Appetenzstörungen von Frauen zugelassen wurde. Vorausgegangen war dort eine geschickte Öffentlichkeitsarbeit des Herstellers Addyi, der die FDA überzeugen konnte, dass Frauen ein Pendant zu „Viagra“ benötigen, auch wenn Meta-Analysen dem Wirkstoff eine Placebo-nahe Wirkung bescheinigten.

/dpa

Genforscher überschreiten Grenzen der Bioethik
Im April 2016 wurde erstmals ein Kind mit drei genetischen Eltern geboren. Es besitzt neben den Erbanlagen seiner Mutter und seines Vaters die mitochondrialen Gene einer „geliehenen“ Eizelle. US-Repromediziner hatten aus der Eizelle einer anonymen Spen­de­rin den Zellkern entfernt und durch die Erbanlagen der Mutter ersetzt. Danach wurde die Eizelle mit der DNA des Vaters befruchtet. Das Ziel dieser IVF-Akrobatik war die Vermeidung eines Leigh-Syndroms beim Kind. Das Leigh-Syndrom gehört zu den Mitochondriopathien, die durch Genfehler in den Kraftwerken der Zelle entstehen. Die Mitochondrien, die wahrscheinlich in der Evolution durch Einfangen von Bakterien entstanden sind, besitzen ihr eigenes Erbgut, das stets von der Mutter auf die Kinder übertragen wird.

Die Methode ist ethisch höchst umstritten und die US-Repromediziner mussten die Behand­lung deshalb in Mexiko durchführen, um dem Paar aus Jordanien mithilfe briti­scher Forscher zum Kinderwunsch zu verhelfen. Dies zeigt, wie leicht ethische Beden­ken einzelner Länder oder Kulturen im Zeitalter der Globalisierung umgangen werden können. 

An eine weitere Grenze sind Forscher aus Großbritannien und den USA gestoßen. Im Mai berichteten sie über eine Methode, mit der menschliche Embryonen über die Phase der Implan­tation hinaus im Labor am Leben erhal­ten werden können. Nach 13 Tagen mussten die Forscher die Experimente abbrechen, da in den USA und in England Embry­onen nur bis zum 14. Tag im Labor angezüchtet werden dürfen. Die Forscher möchten diese Grenzen gerne verschieben – nicht um am Ende Kinder außerhalb des Körpers zu produzieren (was technisch kaum möglich wäre). Die Experimente sollen vielmehr der Grundlagenforschung dienen und langfristig die Erfolgschance der In-vitro-Fertilisation (IVF) verbessern, die häufig in den ersten Tagen nach der Implantation scheitert.

Ein weiteres Licht auf die künftigen Möglichkeiten der embryologischen Stammzell­forschung werfen die Experimente chinesischer und US-amerikanischer Forscher. Ihnen ist es gelungen, nach der Katarakt-Operation die Augenlinse aus den in der Linsenhülle verbliebenen Stammzellen zu regenerieren. In China wird die Methode derzeit in einer ersten klinischen Studie an Kindern getestet. Einer anderen Forschergruppe aus Japan ist es gelungen, induzierte pluripotente Stammzellen im Labor zur Bildung eines primiti­ven Auges zu bewegen. Aus einer Schicht wurden Zellen für eine Hornhaut­transplan­tation gewonnen.

Servus-RGS-Exoskelett /Fraunhofer IPA, Rainer Bez

Künstliche Intelligenz erweitert Möglichkeiten der Rehabilitation
Querschnittlähmungen und Amputationen setzen der Medizin enge Grenzen. Die Durch­trennung des Rückenmarks lässt sich nicht reparieren und der Verlust von Gliedmaßen nicht ersetzen. Computertechnologie und Miniaturisierung der Technik schaffen jedoch neue Perspektiven, die die Rehabilitation der Betroffenen künftig verbessern könnten. 

So berichten US-Mediziner im April über einen 24-jährigen auf der Ebene von C4/C5 querschnittgelähmten Mann, der dank eines Hirnimplantats und einem neuromuskulären elektrischen Stimulator seine rechte Hand wieder bewegen kann. Ein Rechner setzt die abgeleiteten Hirnsignale in elektrische Impulse um, die dann die Muskeln des Unterarms bewegen. Die Reha war mühsam. Doch nach 15 Monaten hat der Patient leichte Tätig­keiten erlernt, die seine Bewegungsfreiheit erweitert haben.

In einem Schweizer Labor lernte ein querschnittgelähmter Rhesusaffe sogar, sich selbständig fortzubewegen. Ein Sensor im präfrontalen Cortex regis­trierte seine Absichten, ein Computer errechnete die notwendigen Signale, mit denen Elektroden im unteren Rücken­mark dann komplexe Bewegungen gene­­rierten. Die Kommunikation zwi­schen Hirnsensor, Computer und Rückenmarkstimulator erfolgte dabei drahtlos per WLAN.

Querschnittgelähmte Menschen könnten in Zukunft mithilfe von Exoskeletten ihren Bewegungshorizont erweitern. Einigen Patienten mit inkompletter Verletzung des Rücken­marks könnte das Training mit Exoskeletten sogar helfen, die verbliebenen Verbindungen besser auszunutzen und verlorengegangene Fähigkeiten zurückzuge­winnen. Einige Querschnittgelähmte eines Forschungsprojekts in Brasilien, die mithilfe eines Brain-Computer-Interface lernten, Exoskelette zu bewegen, bemerkten nach einiger Zeit, dass die Berührungsempfindlichkeit und leichte motorische Fähigkeiten in den gelähmten Extremitäten zurückkehrten.

Auch in die andere Richtung können Signale übertragen werden. Schweizer Ingenieure haben die Finger einer Unterarmprothese mit piezoelektrischen Drucksensoren ausge­stattet. Die elektrischen Signale wurden von einem Computer in Nervenimpulse umge­setzt, mit denen der Medianusnerv im Oberarmstumpf stimuliert wurde. Der Patient konnte nach einem Reha-Training zuverlässig Glätte und Rauheit von Ober­flächen ertasten.

Darmbakterien /dpa

Darmflora: Ein Garant für lebenslange Gesundheit
Die Bakterien, die in den ersten Wochen nach der Geburt den Darm besiedeln und danach eine lebenslange Gemeinschaft mit dem menschlichen Organismus bilden, haben einen wichtigen Einfluss auf die Gesundheit, wie 2016 erneut in einer Reihe von Studien gezeigt werden konnte.

Als erstes bekommen dies Frühgeborene zu spüren. Eine Dysbiose, also die Besiedlung des Darms mit den falschen Bakterien, könnte nach den Ergebnissen einer Kohorten­studie eine wichtige Ursache der nekrotisierenden Enterokolitis sein, einer häufigen Todesursache nach zu früher Geburt. 

Im Kleinkindalter scheint eine Dysbiose dann die Entwicklung von Allergien zu fördern. Um Kinder nach einem Kaiser­schnitt davor zu schützen, wird ein „vaginaler Mikrobentransfer“ diskutiert. Das Kind wird dazu nach der Geburt mit einer Kompresse eingerieben, die während des Kaiserschnitts die vagina­len Bakterien aufgenommen hat. 

Im Kindesalter sollte dann eine (zu) häufige Antibiotikabehandlung vermie­den werden, da sie langfristig die Arten­vielfalt der Darmflora vermindert. Eine 2016 veröffentlichte Studie zeigt, dass die Spuren einer einmaligen Antibiotikabehandlung in den ersten beiden Lebensjahren noch im Alter von sieben Jahren im Darm nachweisbar waren. Auch die protektive Wirkung des Stillens, das Kinder später vor einer Mittelohrentzündung schützen kann, dürfte auf die Darmflora zurückzuführen sein, die durch die Muttermilch in eine günstige Richtung gelenkt wird. Zu häufige Antibiotikabehandlungen in der Kindheit verhindern auch, dass das Stillen die Kinder später vor Infektionen und Übergewicht schützt.

Eine gesunde Darmflora könnte sogar vor Krebserkrankungen schützen. Jedenfalls erkranken junge Frauen, die sich während der Schulzeit und im frühen Erwachsenen­alter ballaststoffreich ernähren, später seltener an Brustkrebs. Und im Fall einer Leukä­mie kann eine gesunde Darmflora sogar verhindern, dass es nach einer allogenen Stammzelltransplantation zu Darmschäden kommt.

/dpa

HIV: Propylaxe-Medikament und Selbsttests könnten Epidemie beenden
Dank einer Fülle antiretroviraler Medikamente, die die Replikation des HI-Virus effektiv unterdrücken, muss in Deutschland niemand mehr an Aids sterben (wenn er sich recht­zeitig behandeln lässt). Die Behandlung senkt zudem das Infektionsrisiko für Sexual­partner. Dennoch kommt die Bekämpfung der HIV-Epidemie nicht voran. 

Ein Grund dürfte die Zunahme von riskan­tem Sexualverhalten sein, die sich nicht zuletzt in steigenden Prävalenzen anderer sexuell übertragbarer Erkran­kun­gen wie Gonorrhoe und Syphilis zeigt. Es gibt deshalb gute Gründe, den Betroffenen – in Deutschland sind dies in erster Linie Männer, die Sex mit Männern haben – zu einer Präexposi­tions­­prophylaxe zu raten. Die Kosten sind allerdings hoch, und solange das 2016 europaweit zugelassene Truvada nur auf Privatrezept zu haben ist, dürfte die HIV-Epidemie nicht abebben. Die Selbst­tests, zu denen die Welt­gesund­heits­organi­sation am Weltaidstag geraten hat, sind in Deutschland sogar illegal. © rme/aerzteblatt.de

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Dr.Bayerl
am Dienstag, 3. Januar 2017, 16:28

@kairoprax welche "Strahlenembryopathie"?

Die kenne ich nicht, jedenfalls nicht in Deutschland,
Rötelnembryopathien soll es in Deutschland bis zur Ursachenentdeckung ca. 4000 gegeben haben.
Deshalb die Impfung. Ich hoffe, die ist damit ausgestorben.
Konnte man ganz am Anfang gar nicht von Masern unterscheiden.
Sind Sie ein "Grüner"?
Auch nach Tschernobyl gab es KEINE Embryopathien!
kairoprax
am Dienstag, 3. Januar 2017, 13:12

"Die Embryopathie zeigt Parallelen zu den Röteln" - ist das so?

Da steht zu lesen, daß die theoretische oder gemutmaßte Zika-Embryopathie Parallelen zu den Röteln aufweise.
Was allerdings nicht zutrifft.

Die Rötelnfetopathie / Rötelnembryopathie (ICD P35.0)ist bestens belegt. Mikrozepkalien gehören nicht zum typischen Krankheitsbild.

Unter der Seite des Paul-Ehrlich-Instituts (www.pei.de) findet man den folgenden Eintrag: "Eine Rötelninfektion einer nicht immunen Schwangeren kann zur Infektion und zu schweren Schäden
(Rötelnembryopathie oder konnatale Rötelnembryopathie, CRS) beim Fetus führen. Dabei sind die Häufigkeit und der Schweregrad der Infektion des Ungeborenen vom Infektionszeitpunkt während der Schwangerschaft abhängig: Bei Infektionen in den ersten acht Schwangerschaftswochen lag der Anteil der ungeborenen Kinder mit Schäden bei ca. 90 Prozent. Bei Infektionen im zweiten Trimester lag der Anteil bei ca. 25 bis 35 Prozent. Eine Rötelnprimärinfektion in der frühen Schwangerschaft kann zu
Spontanabort, Frühgeburt oder CRS führen, das sich im Stadium der Organogenese mit der klassischen Trias aus offenem Ductus arteriosus, Katarakt und Innenohrtaubheit zeigt. Weitere mögliche Komplikationen sind geringes Geburtsgewicht, thrombozytopenische Purpura, Hepatosplenomegalie, Enzephalitis,
Hepatitis, Myokarditis oder Mikrozephalie".

Bei den Krankheitsfällen in Brasilien steht die Mikrozephalie nicht an letzter Stelle, sondern ist prädominant.

Eine solche Prädominanz zeigt Parallelen weniger zu Röteln-Infektionen als zu
a) Chromosomendefekten, hier namentlich das Cri Du Chat- und das Angelman-Syndrom, oder
b)zu Umwelteinflüssen.

Hier kennen wir die Alkohol-Embryopathie und die Strahlenembryopathie. Bilder wie die aus Brasilien, insbesondere in dieser Häufigkeit, haben wir nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl gesehen, wir kennen sie seit Hiroshima, und wir kennen sie von vielen xenobiotischen Stoffen wie Pflanzenschutzmitteln, Medikamenten und Giften. Siehe hierzu den Glyphosat-Beitrag in Zeit -online http://www.zeit.de/2015/30/glyphosat-herbizid-landwirtschaft-krebs-erreger - und man erinnere sich an Seveso und an den Einsatz von Napalm im Vietnamkrieg.

Die Satzkombination, Zika erinnere an Röteln "bevor geimpft wurde" ist geradezu kriegsgewinnlerisch-parasitär.
Noch bevor feststeht, wer wirklich für die vielen hundert Mikroenzaphalien in einem der am meisten mit Pflanzenschutzmitteln verseuchten Gebiet der Erde zuständig ist, scheint die Pharmaindustrie in erster Linie Interesse daran zu haben, wieder einen neuen Impfstoff an die Frau zu bringen, diesmal wieder nicht dort, wo Bedarf bestehen könnte, sondern selbstredend bei uns in Europa ...

Hier muß endlich mehr wissenschaftliches Engagement den Vorrang bekommen vor hohlen journalistischen Phrasen.
VG Wort

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