Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Glioblastom: Langzeitremission unter CAR-T-Zelltherapie

Dienstag, 3. Januar 2017

Glioblastom (histologisches Präparat mit typischen strichförmigen Nekrosen und palisadenartiger Anordnung pleomorpher Tumorzellen um die Nekrosen) /KGM/wikipedia

Duarte/Kalifornien – Die CAR-T-Zelltherapie, eine experimentelle Krebsbehandlung, die zunächst für Leukämien und Lymphome entwickelt wurde, hat erstmals bei einem Patienten mit einem soliden Tumor einen beachtlichen Erfolg erzielt. Laut einem Bericht im New England Journal of Medicine (2016; 375: 2561-2569) befindet sich ein Patient mit rezidiviertem und multifokalem Glioblastom seit 298 Tagen in Remission, was bei dem rasch progredienten Tumor ungewöhnlich ist.

Bei der CAR-T-Zelltherapie werden Abwehrzellen des Patienten außerhalb des Körpers „umprogrammiert“, so dass sie nach der Rückgabe gezielt den Tumor angreifen können. Die „Umprogammierung“ erfolgt im Labor mithilfe von Viren, die einzelne T-Zellen infizieren und in ihnen ein Gen abladen. 

Dieses Gen enthält die Information für einen chimärischen Antigen-Rezeptor (CAR). Er wird nach der Behandlung auf der Oberfläche der T-Zellen gebildet und erleichtert ihnen die Erkennung von Krebszellen. Die Identifizierung erfolgt mit einem Antikörper, der Teil des CAR ist und der an einem bestimmten Antigen auf der Oberfläche der Krebszellen bindet. Für jede Krebsart müssen andere CAR konstruiert werden.

Die T-Zellen, die den krebsspezifischen CAR bilden, werden zunächst in Kulturen vermehrt und dann dem Patienten verabreicht. Die Therapie hat bei Lymphomen und Leukämien teilweise spektakuläre Ergebnisse erzielt und die Firma Kite Pharma aus Santa Monica hat zusammen mit Novartis bereits die Zulassung bei der US-Arznei­behörde FDA beantragt.

Die CAR-T-Zelltherapie setzt voraus, dass die umprogrammierten T-Zellen in größerer Zahl die Tumorzellen erreichen. Dies ist bei Leukämien und Lymphomen relativ einfach, da sich die Krebszellen im Blut oder in den Lymphdrüsen, der „Heimat“ der T-Zellen, befinden. Bei soliden Tumoren sind die Vorraussetzungen schwieriger, da die T-Zellen sich erst den Weg in den Tumor bahnen müssen. Bei einigen Tumoren, die auf eine Immuntherapie ansprechen, gibt es zwar solche Tumor-infiltrierenden T-Zellen. Es war jedoch unklar, ob auch die CAR-T-Zellen diese Rolle übernehmen können.

Die jetzt von Behnam Badie vom Beckman Research Institute and Medical Center in Duarte/Kalifornien vorgestellten Behandlungsergebnisse eines Patienten zeigen jetzt erstmals, dass die CAR-T-Zelltherapie bei einem äußerst aggressiven Hirntumor erfolgreich sein kann. Der 50-jährige Patient litt an einem Glioblastom im rechten Tem­po­ral­lappen. Er hatte nach der Resektion bereits eine Strahlenbehandlung und eine Chemotherapie mit Temozolomid erhalten, die erwartungsgemäß das Tumorwachstum nur für kurze Zeit stoppen konnten.

Für den Patienten wurde ein CAR konstruiert, der den Interleukin-13-Rezeptor Alpha 2 (IL13Ralpha2) erkennt. Dieses Antigen ist beim Glioblastom häufig. Die Untersuchung von Tumorzellen ergab, dass auch die Krebszellen des Patienten dieses Antigen tragen.

Zu Beginn der CAR-T-Zelltherapie war es bereits zu einem multifokalen Rezidiv mit Befall der weichen Hirnhäute (Leptomeninx) gekommen. Die Prognose war infaust. Zunächst wurden drei von fünf Tumoren chirurgisch entfernt. Dann wurden die CAR-T-Zellen einmal wöchentlich in den Hohlraum eines der entfernten Tumore infundiert. Hier konnte das Tumorwachstum gestoppt werden, doch an anderen Orten bildeten sich neue Metastasen.

Die Mediziner entschlossen sich deshalb, die CAR-T-Zellen über einen zweiten Katheter in den rechten Seitenventrikel zu infundieren. Dies geschah in der Hoffnung, dass die T-Zellen über die Liquorwege die Metastasen erreichen. Dies scheint gelungen zu sein, denn nach den ersten Infusionen bildeten sich alle Tumore zurück.

Der Patient hat inzwischen zehn Infusionen in den Liquorraum erhalten. Bei Manuskript­erstellung befand er sich seit siebeneinhalb Monaten in Remission. Ohne Behandlung hätte er wahrscheinlich nicht so lange überlebt. Der Patient hat die Behandlungen laut Badie bisher gut vertragen. Nach den Infusionen kam es jeweils vorübergehend zu Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit (Fatigue) oder Myalgien. Die Nebenwirkungen waren milde und sie haben die Lebensqualität des Patienten nicht beeinträchtigt, versichert Badie.

Der Patient war Teilnehmer einer Phase-1-Studie, an der bis Ende 2018 insgesamt hundert Patienten teilnehmen sollen. Erst dann wird sich herausstellen, ob es sich um einen glücklichen Einzelfall oder um einen deutlichen Fortschritt in der Behandlung einer der bösartigsten Krebserkrankungen des Menschen handelt. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

17. April 2018
New York/Baltimore – Der Checkpoint-Inhibitor Pembrolizumab, der den Angriff des Immunsystems auf Tumore verstärkt, kann in Kombination mit einer Chemotherapie die Überlebenszeiten von Patienten mit
Immuntherapie verlängert Leben bei nichtkleinzelligem Lungenkarzinom
6. April 2018
Boston – Die systematische Suche nach Medikamenten, die das Wachstum von Schwannomen hemmen, dem häufigsten gutartigen intrakraniellen Tumor, hat zu einem überraschenden Ergebnis geführt. Laut der
Schwannom: Abortivum Mifepriston könnte Tumore im Schädel stoppen
3. April 2018
Rochester – Eine Verkürzung der adjuvanten Chemotherapie von 6 auf 3 Monate hat in 6 randomisierten klinischen Studien vielen Patienten im Stadium 3 eines Kolonkarzinoms die Neurotoxizität von
Darmkrebs: Adjuvante Chemotherapie kann häufig verkürzt werden
3. April 2018
Brüssel – Die belgische Regierung will mehr Patienten mit Kinderwunsch Medienberichten zufolge das Einfrieren von Keimzellen ermöglichen. Junge Krebskranke in Belgien können seit einem Jahr auf Kosten
Belgien will mehr Kranken Einfrieren von Keimzellen ermöglichen
15. März 2018
Tübingen – Die Kombination von Bilddaten aus der Positronen­emissions­tomo­graphie (PET) und Computertomographie (CT) mit Protein- und Stoffwechseldaten ermöglicht ein präziseres Bild von den Abläufen in
Kombination von Bildgebung und Stoffwechselanalyse liefert präzisere Tumorinformationen
14. März 2018
Hamilton/Montana – Der K.-pneumoniae-Stamm ST258, der zunehmend für nosokomiale Infektionen verantwortlich ist, könnte künftig mit einer Immuntherapie bekämpft werden, die US-Forscher jetzt in mBio
Klebsiella pneumoniae: Forscher erproben Immuntherapie als Alternative zu Antibiotika
13. März 2018
Berlin – Die Krankenkassen in Deutschland sollten bei jungen Erwachsenen mit einer Krebserkrankung fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen übernehmen, zum Beispiel die Entnahme und Kryokonservierung von
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige