Medizin

Glioblastom: Langzeitremission unter CAR-T-Zelltherapie

Dienstag, 3. Januar 2017

Duarte/Kalifornien – Die CAR-T-Zelltherapie, eine experimentelle Krebsbehandlung, die zunächst für Leukämien und Lymphome entwickelt wurde, hat erstmals bei einem Patienten mit einem soliden Tumor einen beachtlichen Erfolg erzielt. Laut einem Bericht im New England Journal of Medicine (2016; 375: 2561-2569) befindet sich ein Patient mit rezidiviertem und multifokalem Glioblastom seit 298 Tagen in Remission, was bei dem rasch progredienten Tumor ungewöhnlich ist.

Bei der CAR-T-Zelltherapie werden Abwehrzellen des Patienten außerhalb des Körpers „umprogrammiert“, so dass sie nach der Rückgabe gezielt den Tumor angreifen können. Die „Umprogammierung“ erfolgt im Labor mithilfe von Viren, die einzelne T-Zellen infizieren und in ihnen ein Gen abladen. 

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Dieses Gen enthält die Information für einen chimärischen Antigen-Rezeptor (CAR). Er wird nach der Behandlung auf der Oberfläche der T-Zellen gebildet und erleichtert ihnen die Erkennung von Krebszellen. Die Identifizierung erfolgt mit einem Antikörper, der Teil des CAR ist und der an einem bestimmten Antigen auf der Oberfläche der Krebszellen bindet. Für jede Krebsart müssen andere CAR konstruiert werden.

Die T-Zellen, die den krebsspezifischen CAR bilden, werden zunächst in Kulturen vermehrt und dann dem Patienten verabreicht. Die Therapie hat bei Lymphomen und Leukämien teilweise spektakuläre Ergebnisse erzielt und die Firma Kite Pharma aus Santa Monica hat zusammen mit Novartis bereits die Zulassung bei der US-Arznei­behörde FDA beantragt.

Die CAR-T-Zelltherapie setzt voraus, dass die umprogrammierten T-Zellen in größerer Zahl die Tumorzellen erreichen. Dies ist bei Leukämien und Lymphomen relativ einfach, da sich die Krebszellen im Blut oder in den Lymphdrüsen, der „Heimat“ der T-Zellen, befinden. Bei soliden Tumoren sind die Vorraussetzungen schwieriger, da die T-Zellen sich erst den Weg in den Tumor bahnen müssen. Bei einigen Tumoren, die auf eine Immuntherapie ansprechen, gibt es zwar solche Tumor-infiltrierenden T-Zellen. Es war jedoch unklar, ob auch die CAR-T-Zellen diese Rolle übernehmen können.

Die jetzt von Behnam Badie vom Beckman Research Institute and Medical Center in Duarte/Kalifornien vorgestellten Behandlungsergebnisse eines Patienten zeigen jetzt erstmals, dass die CAR-T-Zelltherapie bei einem äußerst aggressiven Hirntumor erfolgreich sein kann. Der 50-jährige Patient litt an einem Glioblastom im rechten Tem­po­ral­lappen. Er hatte nach der Resektion bereits eine Strahlenbehandlung und eine Chemotherapie mit Temozolomid erhalten, die erwartungsgemäß das Tumorwachstum nur für kurze Zeit stoppen konnten.

Für den Patienten wurde ein CAR konstruiert, der den Interleukin-13-Rezeptor Alpha 2 (IL13Ralpha2) erkennt. Dieses Antigen ist beim Glioblastom häufig. Die Untersuchung von Tumorzellen ergab, dass auch die Krebszellen des Patienten dieses Antigen tragen.

Zu Beginn der CAR-T-Zelltherapie war es bereits zu einem multifokalen Rezidiv mit Befall der weichen Hirnhäute (Leptomeninx) gekommen. Die Prognose war infaust. Zunächst wurden drei von fünf Tumoren chirurgisch entfernt. Dann wurden die CAR-T-Zellen einmal wöchentlich in den Hohlraum eines der entfernten Tumore infundiert. Hier konnte das Tumorwachstum gestoppt werden, doch an anderen Orten bildeten sich neue Metastasen.

Die Mediziner entschlossen sich deshalb, die CAR-T-Zellen über einen zweiten Katheter in den rechten Seitenventrikel zu infundieren. Dies geschah in der Hoffnung, dass die T-Zellen über die Liquorwege die Metastasen erreichen. Dies scheint gelungen zu sein, denn nach den ersten Infusionen bildeten sich alle Tumore zurück.

Der Patient hat inzwischen zehn Infusionen in den Liquorraum erhalten. Bei Manuskript­erstellung befand er sich seit siebeneinhalb Monaten in Remission. Ohne Behandlung hätte er wahrscheinlich nicht so lange überlebt. Der Patient hat die Behandlungen laut Badie bisher gut vertragen. Nach den Infusionen kam es jeweils vorübergehend zu Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit (Fatigue) oder Myalgien. Die Nebenwirkungen waren milde und sie haben die Lebensqualität des Patienten nicht beeinträchtigt, versichert Badie.

Der Patient war Teilnehmer einer Phase-1-Studie, an der bis Ende 2018 insgesamt hundert Patienten teilnehmen sollen. Erst dann wird sich herausstellen, ob es sich um einen glücklichen Einzelfall oder um einen deutlichen Fortschritt in der Behandlung einer der bösartigsten Krebserkrankungen des Menschen handelt. © rme/aerzteblatt.de

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