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Medizin

Impfstoff­herstellung: Bestrahlung mit Elektronen ersetzt Chemikalien

Mittwoch, 4. Januar 2017

Durch die Bestrahlung mit Elektronen werden die Viren inaktiviert. / Fraunhofer IZI

Leipzig – In vielen Totimpfstoffen werden Viren durch Chemikalien abgetötet. Eine schonendere Methode, die keine giftigen Abfälle hinterlässt, haben Forscher verschiedener Fraunhofer-Institute entwickelt. Sie bestrahlen die Erreger mit Elektronen. Zudem geht die Inaktivierung der Erreger schneller vonstatten.

Üblicherweise tötet man die Erreger mit giftigem Formaldehyd. Um die Risiken für Mensch und Umwelt gering zu halten, kommen die Substanzen nur stark verdünnt zum Einsatz. Die Viren oder Bakterien müssen daher lange in der Chemikalie lagern, bis sie abgetötet sind. So braucht Formaldehyd etwa zwei Wochen, um Polio-Viren unschädlich zu machen. Dieser Zeitaufwand ist für die Industrie ein Nachteil. Zudem greift Formaldehyd auch die Proteine der Viren an, gegen die das Immunsystem Antikörper bildet. Die Wirksamkeit des Impfstoffs sinkt.

Eine vielversprechende Alternative haben Forscher der Fraunhofer-Institute für Zelltherapie und Immunologie IZI, für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB, für Organische Elektronik, Elektronenstrahl- und Plasmatechnik FEP und für Produktions­technik und Automatisierung IPA entwickelt.

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„Wir bestrahlen die Erreger mit nieder-energetischen Elektronen“, erklärt Sebastian Ulbert, Arbeitsgruppenleiter am IZI. Statt mehreren Tagen oder gar Wochen reichen einige Millisekunden aus, um die Viren oder Bakterien abzutöten. Das bedeutet einerseits einen wesentlich geringen Zeitaufwand für die Impfstoffherstellung. Andererseits zerstören die Elektronen nur die Nukleinsäuren der Viren und Bakterien, während deren Proteine intakt bleiben, auf die das Immunsystem mit der gewünschten Immunantwort reagiert. Ein weiterer Vorteil: Es fallen keine giftigen Chemikalien an.

Zwar gibt es schon lange Zeit Versuche, die Erreger mittels Strahlung abzutöten – allerdings war der experimentelle Aufwand bislang kaum zu stemmen. So konnte beispielsweise die radioaktive Bestrahlung aus Sicherheitsgründen nur hinter dicken Mauern stattfinden, keinesfalls in den Produktionshallen der pharmazeutischen Industrie. „Die Bestrahlung mit den niederenergetischen Elektronen ist dagegen in einem normalen Labor möglich“, so Ulbert. Im Labormaßstab, also mit etwa 10 bis 15 Millilitern, belegten die Forscher bereits, dass das Verfahren funktioniert: Die Viren sind nachweislich abgetötet, und in ersten Tests im Tiermodell bewies der Impfstoff einen umfassenden Schutz.

Erreger automatisch und in großen Mengen abtöten
In einem nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler die Viren nun auch in großen Mengen inaktivieren. Das ist jedoch nicht so leicht: Denn die Elektronen dringen weniger als einen Millimeter tief in die Flüssigkeit ein, in der die Viren schwimmen. Die bestrahlte Flüssigkeit muss also in dünnen Schichten vorliegen, damit die Elektronen alle Erreger erreichen.

Die Forscher entwickeln nun zwei Prototypen für die automatische Inaktivierung der Erreger, finanziert von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Der erste Prototyp ist fast fertig: Bei ihm wird die Lösung für die Bestrahlung in Beutel abgefüllt – die Beutel sorgen dafür, dass die Flüssigkeitsschicht dünn genug bleibt. Bei einem zweiten Ansatz erzeugen die Wissenschaftler den dünnen Flüssigkeitsfilm, indem sie die Lösung über Rollen laufen lassen. In etwa fünf Jahren, so hoffen sie, könnten die klinischen Studien für die Herstellung von Impfstoffen beginnen.

Die neue Technik beschränkt sich jedoch nicht allein auf Impfsubstanzen. „Über die Elektronenbestrahlung können wir auch Hochsicherheitsmaterial inaktivieren, ohne es zu zerstören“, erläutert Ulbert. Dann könnten beispielsweise Blutproben von Ebola infizierten Patienten so behandelt werden, dass sie sich gefahrlos in normalen Laboren untersuchen lassen. © EB/gie/aerzteblatt.de

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Avatar #106651
Gromer
am Freitag, 6. Januar 2017, 11:25

Interessant aber

Der Gehalt an Formaldehyd in Impfstoffen die noch solches enthalten ist so gering, dass es in der Regel die körpereigene Formaldehydkonzentation (aus dem C1-Stoffwechsel) lokal sogar noch verdünnt. Ein Gesundheitsproblem durch Formaldehyd in Impfstoffen existiert so also nicht.
Auch ist Formaldehyd biologisch abbaubar, so dass auch die Produktionsrückstände in dieser Hinsicht kein wirkliches Problem sind.

Zudem wird bei biologisch hergestellten Arzneimitteln nicht der Wirkstoff sondern der Produktionsprozess zugelassen. Es würde also eine komplett neue Zulassung für die Impfstoffe bedeuten die auf eine auf diese Weise hergestellten Impfstoffkomponente aufbauen wollten. Das ist sehr aufwendig und teuer.

Die Impfstoffe gegen ib Tetanus, Diphtherie Tollwut und Polio sind wirksam. Eine bessere Wirksamkeit durch die Nichtveränderung der Proteine durch das neue Verfahren müsste erst noch klinisch belegt werden.

Noch ist das Verfahren nicht großtechnisch einsetzbar. Ob das klappen wird und dann wirtschaftlich ist wird man sehen.

Zudem muss sichergestellt sein, das es dann wirklich so effektiv in der Inaktivierung ist wie jetzt im Reagenzglas - überlebende infektiöse Viren oder Bakterien wären der GAU.
Das Problem gab es in der Anfangszeit der Formaldehydinaktivierung des Polioimpfstoffes auch einmal (Kosteneinsparung war auch ier die treibende Kraft ...) und hat den Salk-Impfstoff geschadet und den Sabin-Impfstoff wieder hoffähig gemacht. ....

(Und ja, ich habe früher für einen Impfstoffhersteller gearbeitet. Dies ist aber meine private fachliche Meinung)
LNS

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