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Aus dem Krieg geboren: Kinderhilfswerk terre des hommes wird 50

Freitag, 6. Januar 2017

Verletzte Kinder nach einem Napalmangriff in Vietnam 1972 /dpa

Osnabrück – Seit 50 Jahren kümmert sich die deutsche Sektion des Kinderhilfswerks terre des hommes um Kinder in aller Welt. Sie gibt ihnen eine Stimme – und ist an den Aufgaben gewachsen. Am 8. Januar 1967 gründete der gelernte Schriftsetzer Lutz Beisel in einer Stuttgarter Waldorfschule mit 40 Mitstreitern terre des hommes. Am Wochen­en­de feiert das Hilfswerk in Osnabrück, wo es seit 1969 seinen Sitz hat, das Jubiläum. Und von Midlife-Crisis keine Spur: Mit einer Kampagne, die speziell junge Menschen anspre­chen soll, will das Hilfswerk fünf Millionen Euro sammeln – und fragt dazu im Internet: „Wie weit würdest du gehen?“

Wie viele damals verzweifelte Gründer Beisel an Berichten und Bildern, die die Zeitun­gen und das Fernsehen über den Krieg in Vietnam verbreiteten. „Als der Vietnamkrieg in den Medien stattfand, wollte ich irgendwo anpacken, wusste aber nicht, wo“, erinnert sich der heute 79-Jährige. „Man müsste etwas tun, aber was kann ich schon tun?“. Das sei ihm durch den Kopf gegangen.

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Per Zufall hörte er von Schweizern, die mit Air France ausgehandelt hatten, dass kranke und verletzte Kinder in die Schweiz geflogen werden konnten. „Ich dachte, die haben das­selbe Gefühl wie ich, die denken wie ich.“ Beisel fuhr nach Lausanne, zum Journa­lis­ten Edmond Kaiser. „Ich habe die Stafette übernommen und nach Deutschland geholt.“

Die Arbeit des Hilfswerkes hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten stark gewan­delt. Von der ursprüngliche Idee, Kinder aus dem Kriegsgebiet herauszuholen und in Deutschland zu behandeln oder Kriegswaisen zur Adoption zu vermitteln, ist terre des hommes inzwischen abgekommen. „Die letzte Adoption haben wir 1998 vermittelt“, sagt Sprecher Wolf-Christian Ramm. Etwa 2.800 Kinder aus verschiedenen Ländern hatte das Hilfswerk bis dahin mit deutschen Eltern zusammengebracht. „In der damaligen Zeit war das sicherlich richtig, aber die Zeit hat sich geändert.“

Die Welt sei komplexer geworden, sagt Vorstandssprecher Jörg Angerstein. 15 Millionen Kinder aus aller Welt hätten von terre des hommes profitiert. Heute setze das Hilfswerk darauf, dass die Lage der Kinder in Asien, Afrika, Südamerika und auch Europa verbes­sert werde. „Wir wissen, dass Bildung der beste Weg ist, um Kinder aus der Armut und dem Elend herauszuholen.“ Für 60 Euro pro Jahr könne einem Kind in Indien ein Jahr lang die Schule finanziert werden.

Angerstein betont auch: „Wie wir hier leben, hat auch Einfluss auf das Leben in anderen Ländern.“ Die Migration von Menschen sei daher keine „Eintagsfliege“, auch wenn man­che hierzulande es so sähen. Mit Sorge sehe er, wie die Rufe nach einfachen Lösungen weltweit lauter würden.

Der Klimawandel führe dazu, dass viele Menschen in ihren eigenen Ländern nicht mehr in der Lage seien, sich zu ernähren – auch deshalb werde Deutschland ein Einwande­rungsland bleiben: „Wir haben eine humanitäre Verantwortung, auch für unser eigenes Handeln.“ Politische Arbeit in Berlin sei daher für terre des hommes wichtig. Zum 1. Feb­ru­ar werde das Hilfswerk sein Berliner Büro neu besetzen, um seine Positionen gegen­über der Politik klar zu vertreten. „Wir treten aber nicht als Wehklager auf, sondern als Ratgeber.“ Aus den Projektländern bringe terre des hommes gute Ideen mit, wie andern­orts mit Problemen umgegangen werde.

Beisel ist seit 1979 nicht mehr hauptamtlich bei terre des hommes tätig, aber dem Hilfs­werk noch immer verbunden. Heute setzt er sich darüber hinaus mit seiner Frau für Flücht­linge in seinem Wohnort Tuttlingen ein.

„Wir betreuen die größte syrische Flücht­lings­familie in Süddeutschland, zwei Erwachsene und elf Kinder.“ Zum Glück seien er und seine Frau Rentner. „Das ist eine sehr intensive Arbeit, aber der Erfolg ist wunder­schön, wenn man sieht, wie die Leute hier hineinwach­sen“, sagt Beisel. Auch das sei eine Lehre aus der Gründung von terre des hommes: „Wenn man sich für etwas einsetzt in dieser Gesellschaft, kann man auch etwas errei­chen.“

© dpa/aerzteblatt.de

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