NewsÄrzteschaftÄrztliche Zweitmeinung reduziert Bandscheiben­operationen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Ärztliche Zweitmeinung reduziert Bandscheiben­operationen

Montag, 9. Januar 2017

Ligamenta Wirbelsaeulenzentrum / pixelio.de

Stuttgart – Das Angebot einer kostenlosen ärztlichen Zweitmeinung für Operationen an der Wirbelsäule reduziert die Anzahl von Bandscheibenoperationen. Darauf hat die Tech­­niker Krankenkasse (TK) Baden-Württemberg hingewiesen. Demnach wurde 90 Pro­zent der Patienten, die das entsprechende TK-Angebot in Baden-Württemberg nutz­ten, von einer Rücken-OP abgeraten. Die Zweitmeinungen erfolgten von Ärzten an schmerz­therapeutischen Zentren. Sie empfahlen statt der Operation unterschiedliche Schmerz-, Verhaltens- und Physiotherapien.

„Gerade bei Rückenleiden besteht ein erhebliches Potenzial, auch ohne Operation er­folgreich zu behandeln", sagte Gerhard Müller-Schwefe, Leiter des Schmerz- und Pallia­tivzentrums Göppingen, einem von bundesweit 33 spezialisierten Schmerzzentren, die dem TK-Netzwerk angehören. Dies setze allerdings ein individuell auf den Patienten zu­geschnittenes fachübergreifendes Behandlungskonzept für eine schnelle Aktivierung und Schmerzreduktion voraus.

Anzeige

Die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) betrachtet die Zahlen hingegen mit Skep­sis. DGNC-Se­kretär Veit Braun äußerte im Gespräch mit dem Deutschen Ärz­te­blatt Zweifel an der Unabhängigkeit der Gutachten, so­lange es nicht ein klares Rege­lungs­werk für Zweit­mei­nun­gen gebe, das sicherstelle, dass diese wirklich von unab­hängi­gen Gutachtern er­stellt werden. Erst kürzlich hatten DGNC und der Berufsverband Deut­scher Neurochi­rur­­gen (BDNC) Anfor­derungen an eine sogenannte qualifizierte ärztliche Zweitmeinung zu Rü­cken­opera­tionen definiert.

Braun verdeutlichte, weder der Medizini­sche Dienst der Krankenkassen (MDK), noch Kol­le­­gen, die theoretisch mit einer Zweitmeinung Geld verdie­nen könn­ten, seien für ihn unab­hängig. „Der Schmerztherapeut wird ja kaum eine OP empfehlen, wenn er selber mit Schmerzmedikamenten tätig werden kann. Wenn man umgekehrt fragen würde, sähe es ähnlich aus“, erklärte Braun.

Darüber hinaus ist dem DGNC-Se­kretär zufolge immer noch die grundsätzliche Frage zu klären, wie die Folgen einer Zweitmeinung aussähen, wenn diese zu einem anderen Er­gebnis komme als die Erstdiagnose. „Wird die Operation dann nicht mehr bezahlt, auch wenn der Pa­tient diese wünscht“, fragte Braun.

Angesichts der positiven Erfahrungen will die TK ihr Zweitmeinungsangebot ausweiten: Künftig können Versicherte sich auch vor geplanten operativen Eingriffen an Hüfte, Schul­ter oder Knie kostenlos durch ein Team aus Physio-, Schmerz- und Psychothera­peuten beraten lassen.

© hil/sb/may/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #648603
normalerdoktor
am Mittwoch, 11. Januar 2017, 22:30

Von sich auf andere

Die hier wiedergegeben Positionen des Sekretärs und Internetbeauftragten der DGCN sind in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:
1. ist er sich als Neurochirurg offenbar sicher, dass ein Neurochirurg einem Patienten eine OP selbst dann vorschlagen würde, wenn es zwar Behandlungsalternativen gäbe, er (der Neurochirurg) mit der OP aber Geld verdienen könne. Und dies unterstellt er auch den Schmerztherapeuten. Dass er dadurch allerdings nicht die Schmerztherapeuten sondern vielmehr die Neurochirurgen in Misskredit bringt, scheint ihm nicht ganz klar zu sein. Diese dürfte das wenig freuen, lässt aber tief blicken. (Dass sich im Übrigen die Schmerztherapeuten trotz – oder gerade wegen? – der Operationsfreudigkeit der Kollegen über einen Mangel an Patienten mit Postnukleotomiesyndrom nicht beklagen können, sei hier nur am Rande bemerkt.)
2. scheint Herrn Braun auch wenig präsent zu sein, dass bei der leitliniengerechten Therapie chronisch unspezifischer Rückenschmerzen vor allem multimodale Behandlungsansätze eine Rolle spielen und keineswegs ausschließlich die von ihm genannten „Schmerzmedikamente“. Und
3. kann man sich schließlich des Eindrucks nicht erwehren, dass es zur Indikationsstellung für eine Operation an der Wirbelsäule inzwischen offenbar ausreichend sein soll, dass der Patient die OP nun eben einfach „wünscht“. Herzlich willkommen in der Ära der postfaktischen Entscheidungsfindung!
Avatar #13413
WFunk
am Dienstag, 10. Januar 2017, 09:10

Zweite Chance

Statt Polemik sollte die DGNC eine seriöse Aufarbeitung von Erfolgen und Schäden (gibt's!)durch BS-Operationen vorlegen. Dann könnten Neurochirurgen schon im Erstgespräch realistisch statt optimistisch aufklären.
LNS

Nachrichten zum Thema

7. August 2019
Berlin/Hamburg – Vor gut einem Jahrzehnt startete das Zweitmeinungsprojekt Hodentumor auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Im Jahre 2018 wurde jeder dritte Patient mit neu
Zweitmeinung beim Hodentumor verbessert jede fünfte Therapieplanung
4. Juli 2019
Berlin – Bei planbaren medizinischen Eingriffen zweifelt die Hälfte der Patienten am Sinn der Operation. Allerdings holt sich nur ein Viertel der Menschen wirklich die zweite Meinung eines Arztes ein.
Hälfte der Patienten zweifelt am Sinn planbarer Eingriffe
28. März 2019
Berlin – Das Gesamtüberleben von Darmkrebspatienten an zertifizierten Darmkrebszentren ist deutlich höher als an nicht zertifizierten Zentren. Dies hat Thomas Seufferlein, Vizepräsident der Deutschen
Krebspatienten werden in zertifizierten Zentren besser versorgt
2. Januar 2019
Köln – Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) unterstützt Patienten bei der Entscheidung über bestimmte, nicht eilige Operationen mit sechs neuen
Ärzte können im Zweitmeinungsverfahren auf neue Entscheidungshilfen zurückgreifen
19. Dezember 2018
Berlin – Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Deutsche Krankenhausgesellschaft und GKV-Spitzenverband haben sich im ergänzten Bewertungsausschuss darauf verständigt, welche Leistungen Ärzte beim
Höhe der Vergütung für Zweitmeinungsverfahren steht fest
10. Dezember 2018
Berlin – Zu ärztlichen Zweitmeinungen im Vorfeld von empfohlenen Operation sind die Verfahrensregeln des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) in Kraft getreten. Darauf hat der G-BA jetzt hingewiesen.
Regelungen für ärztliche Zweitmeinungen in Kraft getreten
2. November 2018
Berlin – Anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens haben die Mitglieder der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) angekündigt, die Qualitätssicherung in ihren Krankenhäusern weiterentwickeln zu wollen, zum
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER