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Medizin

Kontaktsportarten: Bluttest zeigt Schädigung nach Gehirn­erschütterungen an

Montag, 9. Januar 2017

dpa

Bethesda – Leichte Gehirnerschütterungen, die bei vielen Kontaktsportarten von Fußball bis zum Eishockey auftreten können, führen zur Freisetzung von Tau-Proteinen, die mit einem neuen ultrasensiblen Test im Blut nachweisbar sind. Er könnte laut einer Studie in Neurology (2017; doi: 10.1212/WNL.0000000000003587) genutzt werden, um zu entscheiden, wann die Sportler wieder an einem Wettkampf teilnehmen dürfen. 

Tau-Proteine stabilisieren die Mikrotubuli, die das innere Zellgerüst von Nervenzellen bilden. Bei einer traumatischen Zerstörung von Nervenzellen – aber auch bei dege­nerativen Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Parkinson, die deshalb als Tauopathien bezeichnet werden – werden Tau-Proteine freigesetzt. Sie gelangen in geringsten Spuren ins Blut, wo sie mit einem neuen Test bestimmt werden können, die eine US-Firma entwickelt hat.

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Der sogenannte „Single Molecule Array“ (SiMoA) besteht aus magnetischen Perlen. Sie sind mit Antikörpern besetzt, die die Tau-Proteine binden. Der SiMoA auf Tau-Proteine hat eine Nachweisgrenze von nur 0,019 pg/ml. Zum Vergleich: Beim hochsensitiven Troponin-T-Test, der ein Eiweiß nachweist, das bei Myokardschäden ins Blut gelangt, liegt die Nachweisgrenze bei 0,003 µg/ml oder 3.000 pg/ml.

Ein Team um Jessica Gill vom National Institute of Nursing Research in Bethesda (Maryland) hat in einer Pilotstudie untersucht, ob der Test erkennen kann, ob es nach einem Zusammenprall auf dem Spielfeld zu einer Schädigung gekommen ist, die eine längere Wettkampfpause ratsam erscheinen lässt.

Hintergrund der Studie ist die Erkenntnis, nach der wiederholte leichte Gehirner­schütterungen zu einer kumulativen Schädigung des Gehirns führen können, die als chronische traumatische Enzephalopathie bezeichnet wird. Sie wurde zunächst nur als Gesundheitsrisiko von Boxern diskutiert, inzwischen gelten aber auch Eishockey und American Football als riskante Sportarten. Sportmediziner raten den Athleten nach einer Hirnerschütterung zu längeren Erholungsphasen. Ein Bluttest könnte hier hilfreich sein, um die Dauer der Wettkampfpause zu bestimmen.

Für die Studie wurden bei 632 College-Studenten, die Kontaktsportarten wie Fußball, American Football, Basketball, Hockey und Lacrosse (ein kanadischer Nationalsport) betrieben, vor der Saison Blutproben entnommen und archiviert. Bei 43 Sportlern kam es in der Saison zu einer Gehirnerschütterung. Bei ihnen wurde die Tau-Konzentration 6, 24 und 72 Stunden nach dem Hirntrauma bestimmt und mit dem Wert vor Saisonbeginn verglichen. Die Vergleichsgruppe bildeten 37 Mitspieler ohne Trauma sowie 21 gesunde Studenten, die an keinen Kontaktsportarten teilnahmen.

Wie Gill berichtet, hatten die Kontaktsportler bereits vor Saison deutlich höhere Tau-Konzentrationen im Blut als die Nicht-Sportler. Auch das Training könnte deshalb zu minimalen Hirnschäden führen. Frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass bereits ein einstündiges Eishockey-Training zu einem Anstieg der Tau-Proteine führt.

In der aktuellen Studie waren die Ergebnisse uneinheitlich. Bei einigen Sportlern kam es nach dem Trauma sogar zu einem Rückgang der Tau-Proteine – was mit der er­zwungenen Ruhepause bis zur ersten Blutprobe nach dem Trauma zusammen­hängen könnte. Bei anderen Sportlern kam es jedoch zu einem teilweise deutlichen Anstieg. Dieser Anstieg korrelierte mit der Zeit, die später bis zur klinischen Erholung der Sportler verging. Der Test hatte laut Gill eine recht gute Vorhersagekraft. Bei einer Messung nach sechs Stunden betrug der ROC-Wert 0,81 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,62-0,97). Ein ROC-Wert von 1,0 entspricht einer 100-prozentigen Vorhersage, ein Wert von 0,5 kommt dem Werfen einer Münze gleich.

Trotz der guten Vorhersage ist der klinische Nutzen des Tests unklar. Es könnte sein, dass die derzeitige klinische Untersuchung durch einen Neurologen ausreicht, um die nötige Dauer der Wettkampfpause nach einer Gehirnerschütterung festzulegen. Für die Forschung liefert der Test erstmals einen Marker, mit dem sich die Hirnschädigung objektiv messen lässt und die Gesundheitsrisiken der einzelnen Sportarten feststellen lassen. Dies könnte zu Vorsichtsmaßnahmen führen oder sogar die Regeln der Sportarten beeinflussen. Beim Fußball werden Kopfbälle als potenzielle Ursache für Hirnschäden diskutiert.

© rme/aerzteblatt.de

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