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Politik

NRW: Weit weg vom Gesundheitssystem der Zukunft

Donnerstag, 12. Januar 2017

Düsseldorf – Nordrhein-Westfalen ist nach Ansicht von Ge­sund­heits­mi­nis­terin Barbara Steffens (Bündnis 90/Die Grünen) weit entfernt von einem zukunftsfesten Gesundheits­system. „Das kann kein System sein, bei dem ambulant und stationär noch nebenein­an­der­stehen“, sagte Steffens gestern Abend beim Neujahrsempfang der Techniker Kran­kenkasse in NRW.

Das habe ihrer Meinung nach inzwischen auch der Bund erkannt. Daher werde 2017 ein spannendes Jahr werden, weil Strukturprozesse für eine sektorenüber­grei­fende Versor­gung auf den Weg gebracht werden müssten. „Wenn wir diese Strukturen nicht auf den Weg bringen, werden wir im Gesundheitssystem verloren haben“, ist sich Steffens sicher. NRW solle dabei eine Vorreiterrolle übernehmen und dem Bund bis zur Bundes­tagswahl Ideen liefern. Dass das Land das könne, belegten beispielsweise die Projekte zur Ver­bess­erung der Sicherheit in der Arzneimitteltherapie. Denn von bundesweit sieben Pro­jekten stammten sechs aus NRW.

Um gute Ideen in die Regelversorgung zu bekommen und das System dadurch zukunfts­­fest zu machen, müssen sich nach Ansicht von Steffens auch die Rahmen­bedingungen für die Krankenkassen ändern. Die Ministerin nennt als Beispiel das Projekt „Telematik in der Intensivmedizin“ (TIM). Dabei arbeitet das Universitätsklinikum Aachen mit anderen Krankenhäusern via Telemedizin zusammen, um Sepsis-Patienten optimal zu versorgen.

Inzwischen sind rund 500 Patienten mit Hilfe von TIM behandelt worden – mit Erfolg: Die Sterblichkeit konnte um mehr als 25 Prozent gesenkt werden. „Wir kriegen das Projekt aber nicht in die Regelversorgung, weil es Geld kostet“, sagte Steffens. Aus Angst vor Zusatzbeiträgen und dadurch Mitglieder zu verlieren, seien die Kassen nicht mehr bereit zu experimentieren. „Die Kassen müssen wieder mehr finanzielle Spielräume haben“, for­derte sie.

Das sahen die gesundheitspolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen von SPD, FPD und CDU in der anschließenden Podiumsdiskussion genauso. Michael Scheffler (SPD) forderte, mehr finanzielle Spielräume für die Kassen notfalls über eine Bundesrats­initi­a­tive auf den Weg zu bringen.

Auf dem Weg in ein zukunftsfestes Gesundheitssystem will Steffens auch die Menschen im Land stärker als bisher mitnehmen. So sei vielen nicht klar, dass ein Krankenhaus, das sich auf wenige Fachrichtungen spezialisiert anstatt ein breites Versorgungsan­ge­bot vorzuhalten, ein Gewinn an medizinischer Behandlungsqualität sein könne. „Wenn ein Krankenhaus nicht mehr wirtschaftlich zu führen ist und die Träger, die das Haus schlie­ßen wollen, angegriffen werden, weil die Menschen sagen ‚Lieber ein Krankenhaus mit schlechter Qualität als gar keins‘, dann läuft da was falsch“, räumte sie ein.

Einig waren sich alle Beteiligten, dass das Gesundheitswesen in NRW ein wichtiger Wirt­schaftsfaktor ist und noch viel Wachstumspotenzial birgt. „Wir erzielen einen Umsatz von 70 Milliarden Euro im Jahr. Mehr als eine Million Menschen arbeiten im Gesundheits­we­sen“, betonte Günter van Aalst. Gesundheit, Wirtschaft und Wissenschaft spielten nach Ansicht des Leiters der Techniker Krankenkasse in NRW schon zusammen, das Spiel sei aber noch ausbaufähig.

Dem schloss sich auch Michael Scheffler an. „Ich wünsche mir, dass die Fachhochschu­len noch mehr mit der Industrie zusammenarbeiten, um noch mehr neue Produkte zu ent­wickeln und auf den Markt zu bringen“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion. Susanne Schneider (FPD) mahnte, die Pharmaindustrie nicht zu vernach­lässigen. „Erst kürzlich ist ein großes Unternehmen von Aachen nach Berlin gegangen. Die müssen wir in NRW halten“, forderte sie.

Außerdem sollten Selbstständige und Start-ups stärker in den Blick genommen werden, weil sie sehr viel innovatives Potenzial für das Gesundheitswesen bergen. Bürokratische Hürden würden sie allerdings oft bremsen. „Da wünsche ich mir deutlich weniger Büro­kra­tie und auch, dass sie einfacher an Kredite kommen.“ Was davon künftig in NRW Re­a­lität werden wird, werden die Wähler am 14. Mai 2017 mit ihrer Stimme entscheiden. © ts/aerzteblatt.de

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