Medizin

Fetales Alkoholsyndrom: Weltweit trinkt jede zehnte Frau während der Schwangerschaft

Montag, 16. Januar 2017

Toronto – Weltweit trinkt jede zehnte Frau während der Schwangerschaft alkoholhaltige Getränke. In Europa ist es einer Meta-Analyse in Lancet Global Health (2017; doi: 10.1016/S2214-109X(17)30021-9) sogar jede vierte Schwangere. Eines von 67 Kindern alkohol-trinkender Mütter wird mit einem fetalen Alkoholsyndrom geboren, und das ist nur die Spitze eines Eisbergs.

Alkohol passiert die Plazentaschranke uneingeschränkt. Nach jedem Glas Bier oder Wein, von Spirituosen ganz zu schweigen, steigt der Alkoholspiegel im Nabelschnurblut auf die gleiche Konzentration wie im Blut der Mutter. Ein Alkoholkonsum der Mutter erhöht das Risiko auf spontane Aborte und Frühgeburten.

Anzeige

Das intrauterine Wachstum ist vermindert und die Kinder sind bei der Geburt häufig zu klein. Schwerwiegender sind die permanenten Schäden im Gehirn, die zu strukturellen, neurologischen und funktionellen Defiziten führen. Die Kinder zeigen Verhaltens­auf­fälligkeiten und Lernstörungen, die die spätere schulische und berufliche Laufbahn behindern, und nicht wenige geraten später mit dem Gesetz in Konflikt.

Diese Folgen sind bei der Geburt noch nicht absehbar. Die Diagnose eines fetalen Alkoholsyndroms ist schwierig. Auffällig sind jedoch typische Gesichtsveränderungen, zu denen geschrägte Lidachsen, ein schmales Lippenrot, und ein hypoplastisches Philtrum gehören. Zusammen mit Wachstumsstörungen und einer verlangsamten Entwicklung des Kindes könnten geübte Pädiater die Diagnose rasch stellen.

Der Alkoholkonsum von Schwangeren und seine Folgen waren in den letzten Jahrzehn­ten Gegenstand zahlreicher Studien. Svetlana Popova vom Centre for Addiction and Mental Health in Toronto und Mitarbeiter fanden in der Literatur 23.470 Studien, von denen sie 328 für ihre systematische Übersicht und Meta-Analyse verwendeten. Hinzu kamen noch einmal 11.110 Studien zur Prävalenz des fetalen Alkoholsyndroms, von denen sich 62 für die Auswertung eigneten. Die Analysen ergeben folgendes Bild:

Die globale Prävalenz des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft liegt bei 9,8 Prozent, wobei diese Schätzung mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 8,9 bis 11,1 Prozent relativ genau zu sein scheint. Die fünf Länder mit dem höchsten Anteil von Frauen, die während einer Schwangerschaft Alkohol trinken, waren Russland (36,5 Prozent), Großbritannien (41,3 Prozent), Dänemark (45,8 Prozent), Weißrussland (46,6 Prozent, basierend auf einer Schätzung) und Irland (60,4 Prozent). Alle gehören zur WHO-Region Europa, wo die durchschnittliche Prävalenz laut Popova bei 25,2 Prozent liegt. Für Deutschland werden keine Zahlen genannt.

Am seltensten trinken Frauen auf der arabischen Halbinsel. Die Prävalenz im Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi Arabien und Katar liegt bei 0 Prozent. In der WHO-Region östlicher Mittelmeerraum liegt die Prävalenz bei 0,2 Prozent. Auch in Südostasien, wo viele Menschen wegen einer verminderten Detoxikation in der Leber Alkohol schlecht vertragen, ist die Prävalenz mit 1,8 Prozent eher niedrig.

Nicht jeder Alkoholkonsum führt zu einer diagnostisch fassbaren Schädigung. Popova schätzt, dass eines von 67 Kindern ein fetales Alkoholsyndrom erleidet. Fetale Alkoholspektrumstörungen, die auch leichtere Schäden umfassen, sind laut Popova neun- bis zehnmal häufiger. Ihre Prävalenz wurde in der Studie nicht erfasst.

Für das fetale Alkoholsyndrom ermittelten Popova und Mitarbeiter eine Prävalenz von 14,4 Erkrankungen auf 10.000 Personen. Diese Schätzung ist mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 9,4 bis 23,3 pro 10.000 weniger genau als die Prävalenz des Alkoholkonsums. Am häufigsten ist das fetale Alkoholsyndrom in Südafrika (585,3), Kroatien (115,2), Irland (89,7, basierend auf der Vorhersage), Italien (82,1) und Weißrussland (69,1/10.000, basierend auf einer Schätzung). Dass Südafrika die Liste anführt, könnte laut Popova an der Neigung zu hohen Alkoholdosierungen liegen.

In einzelnen Ländern gibt es Gruppen mit einem extrem hohen Alkoholkonsum. Er ist bei den Inuit zehnmal höher als bei der übrigen kanadischen Bevölkerung. Bei den Aborigines ist das fetale Alkoholsyndrom 39 mal häufiger als bei anderen Bevöl­kerungsgruppen in Australien. In Brasilien sind Waisenhauskinder mehr als 14 mal häufiger betroffen als andere Kinder. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

23.03.17
Schwangere meist unzureichend gegen Grippe geschützt
Berlin – In Deutschland sind schwangere Frauen meist nur unzureichend durch eine Impfung vor Grippe geschützt. Im Jahr 2014 waren im Bundesdurchschnitt nur elf Prozent der Schwangeren effektiv gegen......
23.03.17
Babyblues: Nahrungsergänzungs­mittel könnten die Gefühlslage junger Mütter verbessern
Toronto – Eine Dreierkombination aus Nahrungsergänzungsmitteln könnte vor einer Vorstufe der Wochenbettdepression, der postpartalen Stimmungskrise (PPB), schützen. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher......
03.03.17
Dallas – Eine Hormonsubstitution während der Schwangerschaft, die bei einer manifesten Hypothyreose eine Retardierung der Kinder verhindert, hat in zwei klinischen Studien an Schwangeren mit......
02.03.17
Methadon­substitution: Abhängige steigen zunehmend auf Alkohol um
Zürich – Die Methadonprogramme im Schweizer Kanton Zürich haben sich auch langfristig als erfolgreich erwiesen. Der Anteil der Abhängigen, die zusätzlich Heroin oder Kokain konsumieren, ist laut einer......
02.03.17
Lebensstil-Ände­rung erste Maßnahme bei Schwangerschafts­diabetes
Berlin – Die Änderung des Lebensstils sollte die erste Maßnahme bei Diagnose eines Schwangerschaftsdiabetes sein. Das haben die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Bundesverband......
28.02.17
Berlin/Köln – Mit einer Online-Fastenaktion will die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Menschen unterstützen, die bis Ostern ihren Alkoholkonsum reduzieren oder ganz auf Alkohol......
27.02.17
Graz – In Österreich hat ein Mann nach einer Geschlechtsumwandlung laut einem Zeitungsbericht ein Kind zur Welt gebracht. Die frühere Frau hatte beim Wechsel des Geschlechts ihre Gebärmutter behalten,......
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige