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Medizin

Leukämie: Wissensdatenbank könnte Therapieplanung verbessern

Dienstag, 17. Januar 2017

Blutausstrich eines Patienten mit ALL mit Blasten (Leukämiezellen), Pappenheim-Färbung.Christaras A/wikipedia

Hinxton/Ulm – Eine Wissensdatenbank, die die genetischen Merkmale von Krebszellen mit den Behandlungsergebnissen früherer Patienten kombiniert, könnte die Therapie­entscheidungen bei künftigen Krebspatienten optimieren. Bei der akuten myeloischen Leukämie (AML) würde laut Berechnungen in Nature Genetics (2017; doi: 10.1038/ng.3756) jeder dritte Patient eine andere Behandlung erhalten. Vielen Patienten könnte eine lebensgefährliche Stammzelltransplantation erspart werden, glauben die Autoren.

Unbehandelt führt die AML binnen weniger Wochen zum Tod. Heute überleben die meisten Patienten drei Jahre oder länger. Die Behandlung besteht zunächst in einer hochdosierten Chemotherapie, die bei vielen Patienten eine Vollremission erreicht. In dieser Situation kann eine Stammzelltransplantation die Überlebenszeiten der Patienten deutlich verlängern.

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Die Stammzelltransplantation ist jedoch mit einer Mortalität von 20 bis 25 Prozent in den ersten drei Monaten verbunden. Nach einer konventionellen Chemotherapie sterben dagegen nur 5 Prozent der Patienten (haben aber langfristig die schlechtere Prognose). Die Hämatologen versuchen deshalb, die Stammzelltransplantation nur jenen Patienten anzubieten, die unter einer konventionellen Chemotherapie ein hohes Rezidivrisiko haben und deshalb am ehesten von einer Stammzelltransplantation profitieren würden.

Wie hoch das Rezidivrisiko ist, hängt in hohem Maße von den genetischen Eigen­schaften der Leukämiezellen ab. Das Krebswachstum wird vor allem von sogenannten Treiber-Mutationen bestimmt. Bei der AML sind wenigstens 111 Treiber-Mutationen bekannt.

Ein Forscherteam um Peter Campbell vom Wellcome Trust Sanger Institute in Hinxton bei Cambridge in England und Hartmut Döhner von der Universität Ulm hat den Einfluss der Treibermutationen bei 1.540 Patienten aus klinischen Studien der deutsch-österreichischen AML-Studiengruppe untersucht. Kürzlich schlugen sie vor, die AML aufgrund des Einflusses der Treiber-Mutationen auf die Behandlungsergebnisse in elf Untergruppen aufzuteilen. Das European Leukemia Net (ELN) unterscheidet derzeitig dagegen nur vier Kategorien.

Jetzt gehen die Forscher noch einen Schritt weiter. Sie schlagen vor, Therapieent­scheidungen künftig nicht mehr von einer mehr oder weniger groben Einteilung in vorgegebene Risikogruppen abhängig zu machen. Kliniken sollen in Zukunft bei jedem Patienten eine Wissensdatenbank befragen, die die genetischen Profile mit den Behandlungsergebnissen früherer Patienten kombiniert. Die Analyse der 1.540 Patienten ergab, dass diese Wissensdatenbank bei etwa einem Drittel der Patienten zu einer anderen Behandlungsentscheidung gekommen wäre.

Der Anteil der Patienten, die eine allogene Stammzelltherapie erhalten, hätte um 20 bis 25 Prozent gesenkt werden können, ohne dass sich die Prognose der Patienten verschlechtert hätte, berichten die Forscher. Der Verzicht auf die Stammzelltherapie wäre außerdem mit einer deutlichen Kostenersparnis verbunden.

Das Konzept könnte nach Ansicht von Campbell und Döhner auch auf andere Krebstypen mit schwierigen Therapieentscheidungen übertragen werden. Wie viele Patienten eine Datenbank benötigt, hängt dabei davon ab, wie häufig die einzelnen Mutationen sind und wie stark sie das Sterberisiko beeinflussen. In der Praxis würden Datenbanken mit mehr als 10.000 Patienten benötigt, um im Routinebetrieb einer Klinik wichtige Entscheidungen präzise fällen zu können. © rme/aerzteblatt.de

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