NewsMedizinArteriosklerose: Neue Theorie entlastet Fette als Verursacher
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Arteriosklerose: Neue Theorie entlastet Fette als Verursacher

Mittwoch, 18. Januar 2017

/Christoph Burgstedt, Fotolia

Hannover – Nicht Fette aus dem Blut, sondern Versorgungsstörungen der Arterienwand führen zu Ablagerungen in der Gefäßinnenwand und lösen Arterienverkalkung aus. Diese Theorie vertritt der Herzchirurg Axel Haverich von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in einem Beitrag, der in Circulation veröffentlicht wurde (2017; doi: ).  

Damit widerspricht der Direktor der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie der seit Jahrzehnten vertretenen Lehrmeinung. Die geht davon aus, dass Arteriosklerose auf eine „Verkalkung“ der Arterien zurückführbar ist, die entsteht, wenn sich Fette aus dem Blut an der Innenwand der Blutgefäße anlagern. Als Reaktion des Immunsystems bilden sich dort Plaques, die mit der Zeit das Gefäß verstopfen können. Herzinfarkt und Schlaganfall sind die häufigsten Folgen. Hingegen besagt die neue Therapie von Haverich: Die Fettablagerungen kommen nicht aus dem Blut, sondern sind Überreste abgestorbener Zellen der Gefäßwand. Seine These basiert unter anderem auf jahrelangen Beobachtungen während Herz- und Gefäßoperationen.

Anzeige

Ein Infarkt der Arterienwand
Auch Arterien benötigen eine eigene Versorgung ihrer Gefäßwand mit Sauerstoff und Nährstoffen. Hierzu bilden sich bei Kindern im Laufe des Körperwachstums eigene, winzige Versorgungsblutgefäße in der Außenwand der Arterie, die Vasa vasorum. Verschließen sich diese Vasa vasorum, sterben Zellen vor allem in der mittleren Wand­schicht ab: Es kommt zu einem Infarkt der Arterienwand. Häufigster Auslöser solcher Verschlüsse der Vasa vasorum sind Entzündungsreaktionen, die durch Viren, Bakterien und Feinstaub entstehen, aber auch durch schädliche Fettpartikel (oxidiertes LDL-Cholesterin).

Seltener kommen nervale oder traumatische Ursachen vor. Die abgestor­benen Zellen einschließlich der Fettreste baut das Immunsystem ab. Durch die Repara­turprozesse des Immunsystems entstehen dort „Zellabfälle“, die sogenannten Plaques, die zu einer Verdickung der Arterieninnenwand führen und schließlich einen Verschluss des Muttergefäßes herbeiführen können.

Beobachtungen im Operationssaal weckten Zweifel an Lehrmeinung
„Während hunderter Bypassoperationen konnten wir feststellen, dass immer nur bestimmte Abschnitte der Herzkranzgefäße verkalkt waren, während dasselbe Gefäß an anderen Stellen niemals krankhaft verändert ist“, berichtet Haverich. „Diese Beobach­tung machten wir auch in anderen Stromgebieten, beispielsweise im Oberschenkel. Gemeinsam war den arteriosklerosefreien Stellen, dass sie außen von Muskel umgeben waren. Da alle kleineren Arterien des Menschen ohnehin nur selten betroffen sind, muss bezweifelt werden, dass der Prozess a) eine generalisierte Erkrankung darstellt, die b) an der Innenwand beginnt.“

Die Zweifel wurden genährt von der Entdeckung neuer Risikofaktoren für die Arterioskle­rose: Zum Beispiel wurde in Untersuchungen der vergangenen Jahre ein Zusammen­hang zwischen einer erhöhten Herzinfarktrate und dem Auftreten von Grippeepidemien mit Lungenentzündungen nachgewiesen, aber auch durch Feinstaub-Exposition. Und Forscher isolierten mehr als 30 verschiedene Mikroben anhand ihrer DNA in arterio­sklerotischen Plaques. Diese Zusammenhänge sind mit der bisherigen Theorie der erhöhten Blutfette allein nicht zu erklären.

Historische Studien neu erklärt
Während seiner Recherchen stieß Haverich auf Veröffentlichungen, die zum Teil mehr als 100 Jahre alt waren und die über aktuelle Literaturdatenbanken nicht mehr auf­findbar sind. In diesen häufig in deutscher Sprache publizierten Schriften finden sich Erklärungsansätze für die jüngsten, im Operationssaal gemachten Beobachtungen. Sie untermauern seine Theorie der Versorgungsstörung der Arterienwand als Ursache für die Arteriosklerose: 1924, in Zeiten, in denen es noch keine Antibiotika gab, konnte der Pathologe Zinserling in St. Petersburg bei mehr als 300 Kindern, die an Infektions­krank­heiten verstorben waren, regelmäßig arteriosklerotische Veränderungen beobachten. Für die Syphilis zeigte sich in Gewebeschnitten von massiv verkalkten und aneurysmati­schen Aorten sogar unmittelbar der Zusammenhang zwischen entzündlichem Ver­schluss der Mikrozirkulation der Wand und noch darin befindlichen Krankheitserregern (Sprochäten).

In älteren tierexperimentellen Versuchsreihen an Kaninchen und Schweinen konnte durch Kompression der Arterienwand von außen und der damit verbundenen Unter­bindung der Blutversorgung der Wand regelhaft eine Arteriosklerose ausgelöst werden. Führte man eine Wiederdurchblutung der Vasa vasorum herbei, bildete sich die Arteriosklerose wieder zurück. In weiteren Versuchen bei Hunden führte eine Entfernung der äußeren Wandschicht, der Tunica adventitia, selbst bei Venen bereits nach Wochen zu Arteriosklerose, wie sie auch nach Bypassoperationen zu beobachten ist.

Neue Theorie wirkt sich auf Behandlung und Prävention aus
Noch gibt es keine regenerativen Therapien, die die Arteriosklerose rückgängig machen. Nach wie vor werden daher die bekannten Verfahren genutzt – Ballonkatheter, Stents oder ein Bypass. Allerdings bietet die neue Theorie zur Entstehung von Arteriosklerose erweiterte Ansatzpunkte. Bis diese allerdings den Patienten zur Verfügung stehen, empfiehlt Haverich zur Prävention der Arteriosklerose: „Neben den bekannten, günsti­gen Lebensgewohnheiten wie gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Bewegung sollte die Verhinderung und Bekämpfung von Infektionen als Prävention der gefährlichen Arterienverkalkung Beachtung finden. Zu nennen sind hier zum Beispiel die regelmäßige Grippeschutzimpfung, die Sanierung von chronischen Entzündungen und – vor allem – körperliche Aktivität.“ © gie/EB/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

15. Oktober 2019
Mannheim – Patienten, die an einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) leiden, haben ein vier- bis sechsfach erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Dies werde jedoch
Periphere arterielle Verschlusskrankheit oft unterschätzt
5. August 2019
Bethesda/Maryland – Eine einjährige Behandlung mit unterschiedlichen Biologika hat in einer Beobachtungsstudie in JAMA Cardiology (2019; doi: 10.1001/jamacardio.2019.2589) die entzündlichen Reaktionen
Biologika vermindern Entzündung der Koronararterien bei Psoriasis
31. Juli 2019
Paris – Lohnt es sich für einen über 75-jährigen Patienten noch, den Cholesterinwert mit Statinen zu senken, um sich vor dem Fortschreiten der Atherosklerose zu schützen, deren Folgen er ohnehin nicht
Absetzen von Statinen könnte Herz-Kreislauf-Risiko von über 75-Jährigen erhöhen
23. Juli 2019
San Diego – Der Verlust eines einzigen Gens vor etwa zwei bis drei Millionen Jahren könnte dafür verantwortlich sein, dass Menschen grundsätzlich ein höheres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen
Evolutionärer Verlust eines einzigen Genes könnte für Herzinfarkte verantwortlich sein
12. Juli 2019
Salerno/Italien – Eine Variante im BPIFB4-Gen, die bei Hundertjährigen entdeckt wurde, hat in einer experimentellen Studie bei Mäusen die Entwicklung einer Atherosklerose hinausgezögert. Die im
Hundertjährigen-Gen vermindert Atherosklerose bei Mäusen
10. Juli 2019
Nashville/Tennessee – Die Mikroangiopathie, eine klinisch nur schwer zu erfassende Komplikation des Diabetes mellitus, erhöht nach Ergebnissen einer prospektiven Beobachtungsstudie in Circulation
Mikroangiopathie erhöht Amputationsrisiko
24. Januar 2019
Madrid – Wer ständig nachts zu wenig schläft, könnte damit sein Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen deutlich steigern. Das berichten spanische und amerikanische Wissenschaftler im Journal of the
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER