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Mediziner plädieren für Ausstattung von Rettungswagen mit Tourniquets

Mittwoch, 18. Januar 2017

/dpa

Berlin – Rettungswagen sollten bundesweit mit sogenannten Tourniquets ausgestattet werden. Das haben heute erneut die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) gefor­dert. Das Tourniquet ist ein Abbindesystem, mit dem eine lebensbedrohliche Blutung an Ar­men oder Beinen unterbrochen und gestoppt werden soll – beispielsweise nach Explo­si­ons- oder Schussverletzungen bei einem Terroranschlag.

Auf diese Forderung verständigt hatten sich die Unfallchirurgen und Rettungsmediziner auf der DGU-Veranstaltung „Terroranschläge – eine neue traumatologische Herausfor­derung“ in München. „Wir müssen uns weiterhin gut für den Fall terroristischer Anschlä­ge vorbereiten – daher ist es sinnvoll, die Ausstattung mit Tourniquets für die Schwer­ver­letzten­versorgung nachzuholen“, erklärte DGU-Präsident Ingo Marzi.

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Der Sprecher der DGAI-Arbeitsgemeinschaft Taktische Medizin, Matthias Helm, wies da­rauf hin, dass etwa 90 Prozent der Opfer von Terroranschlägen sterben würden, weil sie verbluteten. „Die Stillung der Blutung steht nach einer Explosion an erster Stelle“, beton­te DGU-Generalsekretär Reinhard Hoffmann. Die Erfahrung von Medizinern, die die Op­fer der Anschläge von Paris vor Ort versorgten, zeige, dass die Tourniquets, die auf den Rettungswagen waren, nicht ausreichten – die Rettungskräfte und Ärzte griffen auf ihre Hosengürtel zurück und banden damit die verletzten Extremitäten ab. „Das Tourniquet ist eine einfache Maßnahme, um eine Blutung zu stoppen und somit Leben zu retten. Wir müssen es nur parat haben“, sind sich Hoffmann und Helm einig.

Das Tourniquet stammt ursprünglich aus der militärischen Einsatzmedizin. Angesichts der aktuellen Terrorgefahr erfährt es nun nach Ansicht von DGU und DGAI auch in der Zivil­me­dizin große Bedeutung. Während in Frankreich alle Rettungsfahrzeuge damit ausge­stattet sind, ist das in Deutschland noch nicht flächendeckend der Fall: Die Rettungswa­gen in Bayern haben bereits militärische Sanitätsausrüstung an Bord. „Schuss- und Ex­plosionsverletzungen sind hierzulande seit 60 Jahren ein seltenes Verletzungsmuster. Daher müssen wir uns neu darauf einstellen, um optimal vorbereitet zu sein – sowohl in den Krankenhäusern als auch am Unfallort“, sagte Oberstarzt Benedikt Friemert, Leiter der DGU-AG Einsatz-, Katastrophen- und Taktische Chirurgie.

Die Unfallchirurgen denken auch laut darüber nach, die Bevölkerung in die Versorgung stark blutender Schuss- und Explosionsverletzungen einzubeziehen. In einem nächsten Schritt wäre es denkbar, öffentliche Plätze mit Tourniquets auszustatten – analog zu Defi­brillatoren, hieß es. Da die Tourniquets, die einer Blutdruckmanschette ähnelten, leicht zu handhaben seien, könne jeder Bürger im Ernstfall dazu beitragen, dass bei einer le­bensbedrohlichen Blutung schnell gehandelt werden könne, erklärten DGU und DGAI. Die Schulung darin könnte ein Punkt bei Erste-Hilfe-Kursen sein.

Die Fachgesellschaften weisen auf die Kampagne „Stop the bleeding“ aus den USA hin. Gemein­nütz­i­ge Organisationen werben in gemeinsamer Verantwortung mit der Regie­rung dafür, dass jeder Bürger in die Lage versetzt werden kann, eine lebensgefährliche Blutung zu stoppen. „Diese politische Unterstützung wünschen wir uns auch in Deutsch­land“, sagte Hoffmann. Bisher gingen alle Aktivitäten, um die medizinische Versorgung von Opfern von Terroranschlägen zu optimieren, auf gemeinnützige Initiativen zurück. „Hier vermissen wir ein politisches Signal“, so Hoffmann weiter. © EB/may/aerzteblatt.de

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Avatar #110206
kairoprax
am Mittwoch, 18. Januar 2017, 21:46

Tourniquets sind ein falsches Signal


Der Begriff des Katastrophenschutz wurde umgewandelt in den des Bevölkerungsschutzes. Das hatte Sinn, denn es ging darum, den zivilen Charakter des Bevölkerungsschutzes herauszustellen.

Tourniquets wurden für Kriegseinsätze erfunden. Es ist schon klar, daß auch in Friedenszeiten Instrumente nützlich sein können, die im Irak oder in Vietnam verwendet wurden. Aber sie sollten nicht zur Regelausstattung gemacht werden.

So ernsthaft und traurig Anschäge wie der in Berlin auch sind, es sind nicht die Regelfälle der Notarztarbeit. Mir ist es in 35 Jahren Notarzttätigkeit genau viermal passiert, daß eine Hand oder ein Fuß abgetrennt wurden. In allen vier Fällen war es möglich, mit einer Quengelbinde, mit einer Blutdruckmanschette oder sogar nur mit einem Stauschlauch die Blutung zu stoppen.

Wenn es tatsächlich zu einem Sprenstoffanschlag kommt, bei dem viele oder sehr viele Menschen Glieder verlieren, sind es gewiß nicht die fehlenden Tourniquets, um die wir uns Sorgen machen müßten. Es sind in solchen Fällen immer zu wenig Helfer vor Ort. Wir können hochrüstennund uns verrückt machen, an dieser Erkenntnis geht nichts vorbei.
LNS

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