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Mangel an Substitutionsärzten: Experten sorgen sich

Donnerstag, 26. Januar 2017

Karlsruhe – Die Versorgung von Drogenabhängigen in Baden-Württemberg mit Ersatz­stoffen wie Methadon ist nach Einschätzung von Experten in Gefahr. „Wir sind akut in Not und eine Lösung ist nicht in Sicht“, warnte die Drogenbeauftragte der Stadt Karlsruhe, Cordula Sailer. Es fehle an Ärzten, die die Versorgung der Süchtigen mit Methadon oder Diamorphin übernehmen wollten. „Nachwuchs fehlt“, sagte auch Frank Matschinski, der in Ravensburg eine Schwerpunktpraxis führt und sich um rund 180 Schwerstabhängige kümmert. Er sei mit seinen 55 Jahren ein „Junior“ unter den Ärzten. Fast alle anderen steuerten auf die Rente zu.

Den Mangel an Substitutionsärzten begründen die Experten unter anderem mit hohen juristischen Hürden. „Sie müssen nur ein Rezept falsch ausfüllen und schon ist ein Buß­geld fällig“, sagte Matschinski. Die Suchtmediziner haben eine besondere Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg (KVBW), die ihnen die Ver­sorgung der rund 9.500 Dro­gen­patienten im Land erlaubt. Landesweit gibt es rund 300 Substi­tu­tionsärzte.

Auch Hausärzte können solche Patienten versorgen, allerdings nur bis zu drei pro Quar­tal und mit Beratung durch einen Substitutionsarzt. Jüngere Kollegen hätten meist aber wenig Interesse daran, Drogenpatienten neben den „normalen“ Patienten zu betreuen. Viele Suchpatienten seien nicht mehr „praxisfähig“, erklärte eine Sprecherin des Ar­bei­terwohlfahrtsverbands AWO in Karlsruhe, wo rund 100 Süchtige mit Methadon oder Dia­morphin versorgt werden. Das schrecke so manchen Hausarzt ab.

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Die Ärztin Gerda Sibler, die in Karlsruhe Süchtige betreut, fordert, jeder Hausarzt solle die­se Patienten in seiner Praxis behandeln können wie andere Kranke, die Hilfe suchten. Nach Sailers Erfahrung wollen aber viele Ärzte Drogensüchtige gar nicht in ihrer Praxis haben. Die Sucht stehe immer noch in der Schmuddelecke.

Das Sozialministerium in Baden-Württemberg nennt die engen bundesrechtlichen Vorga­ben als einen Hauptgrund für die schwierige Versorgungslage. Zur Abhilfe schlägt es et­wa alternative Abgabestellen vor: Suchtkranke sollen den Ersatzstoff demnach auch in Altenpflegeeinrichtungen oder bei ambulanten Pflegediensten beziehen können. Damit könnten auch die Bedürfnisse der immer älter werdenden Patienten berücksichtigt wer­den. Dies sei auch Gegenstand einer Bundesratsinitiative, die das Ministerium in der ver­gangenen Legislaturperiode gestartet habe.

„Wir brauchen eine Vereinfachung der formalen Hürden und eine Verringerung des Ri­si­kos für die Ärzte“, erklärte auch die KVBW. Außerdem sei die Honorierung der Behandlungen durch die Kassen nicht at­trak­tiv genug.

„Wenn nichts passiert, werden alte Zeiten wieder auftauchen“, warnte Matschinski, der seit 1995 Drogenkranke versorgt und seit zwei Jahren in Ravensburg auch mit einem Wohnmobil zu seinen Patienten fährt. Es werde wieder mehr Verelendung und eine grö­ße­re Drogenszene geben.

Eine Patientin aus Bruchsal erlebt gerade die Folgen von Praxisschließungen. Nachdem ihr Arzt im vergangenen Sommer seine Praxis geschlossen habe, habe sie versucht, oh­ne Substitution auszukommen. „Alles ist schlimmer geworden, als es je war“, sagte sie heute. Sie würde gerne ohne Methadon leben, aber es gehe nicht. Nun sei sie in Karls­ruhe in Behandlung.

Der stärkere Andrang von Patienten in Karlsruhe führe bereits zu Problemen in bestimm­ten Teilen der Stadt, sagte Sailer. „Wir haben die Auswirkungen zu spüren bekommen. Wir wollen kein Szene, die sich hier bildet.“ In Bruchsal seien rund 160 von 200 Behand­lungsplätzen verlorengegangen.

© dpa/aerzteblatt.de

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