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Medizin

Gesundheits­kompetenz: Jeder Zweite weiß zu wenig

Donnerstag, 26. Januar 2017

Jeder Zweite kann Gesundheitsinformationen nur schwer einordnen. Vor allem Aussagen von Politikern, Medien und Lebensmitteletiketten scheinen zu überfordern. / Andreas Hermsdorf_pixelio.de

Bielefeld – Das Wissen über Gesundheit lässt bei vielen zu wünschen übrig. Eine repräsentative Umfrage bescheinigt mehr als 50 Prozent der Menschen in Deutschland eine zu niedrige Gesundheitskompetenz (health literacy). Am schwersten fällt es den Deutschen demnach, die Konsequenzen politischer Entscheidungen auf die Gesundheit zu verstehen. Welche Bevölkerungsgruppen vorwiegend mit leicht verständlichen Infor­mationen aufgeklärt werden sollten, haben die Forscher ebenfalls evaluiert. Erschienen ist die Studie im Deutschen Ärzteblatt (Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 53–60).

Forscher der Universität Bielefeld haben das Verständnis für Gesundheit von 2.000 Per­so­nen, die mindestens 15 Jahre alt waren, überprüft. Einschränkend muss ange­merkt werden, dass es sich bei den 47 Fragen nicht um einen Wissenstest handelte. Die Teil­nehmer wurden aufgefordert, ihre Kompetenz selbst auf einer fünfstufigen Skala von sehr schwierig bis sehr einfach einzuschätzen.

Top 5: Diese Fragen wurden am häufigsten mit „sehr schwierig“ oder „schwierig“ beantwortet (in Prozent)

Wie einfach/schwierig ist es, …

  • etwas über politische Veränderungen herauszu­finden, die Auswirkungen auf die Gesundheit haben könnten? (54,8 %)
  • zu beurteilen, ob Informationen über eine Krank­heit in den Medien vertrauenswürdig sind? (47,8 %)
  • Angaben auf Lebensmittelverpackungen zu verstehen? (44,6 %)
  • zu beurteilen, ob die Informationen über Gesund­heitsrisiken in den Medien vertrauenswürdig sind? (44,3 %)
  • Informationen zu finden, wie Ihre Wohnumgebung gesundheitsförderlicher werden könnte? (43,1 %)

Das Ergebnis der Health-Literacy-Studie (HLS-GER) fällt nicht gut aus: Etwa sieben Prozent glänzten mit einem exzel­len­ten Wissen, weitere 38,4 Pro­zent konnten immerhin mit ausrei­chen­den Kenntnissen aufwarten. Eine ein­geschränkte Gesundheitskompetenz wiesen 54,3 Prozent der Befragten auf; bei 9,7 Prozent wurde die Gesund­heits­kompetenz als inadäquat eingestuft. Sie erreichten im Test-Fragebogen weniger als 25 Punkte. Wer als exzellent einge­stuft wurde, musste hingegen mindes­tens 42 Punkte von insgesamt 50 Punk­ten erzielen. Am schwierigsten war es für die Teilnehmer, Fragen nach den politi­schen Auswirkungen auf die Gesundheit zu verstehen. Hier antworteten 12,8 Prozent mit „sehr schwierig“ (siehe Kasten).

Im klinischen Alltag könne das mangelnde Wissen die Kommunikation erschweren und zudem gesundheitspolitische Probleme verstärken, heißt es in der Originalarbeit. Denn Personen mit inadäquatem Wissen hatten große Schwierigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen, einzuordnen sowie zu nutzen.

Sozialdemografische Faktoren, die mit einem Kompetenzmangel einhergingen, haben die Autoren ebenfalls untersucht. Meist waren wenig informierte Menschen in einem fortgeschrittenen Alter, hatten einen Migrationshintergrund, nach eigenen Angaben einen niedrigen Sozialstatus und waren wenig belesen. Europäische Studien konnten genau diese Zusammenhänge bereits zeigen. Die Autoren fordern daher einen natio­nalen Aktionsplan, um eine Strategie zu erarbeiten, die zum einen die Gesundheits­kompetenz verbessert und zum anderen Qualität und Verständlichkeit von Informatio­nen erhöht.

Für Deutschland lagen bis dato nur wenige Befunde vor, die die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung beziffern. Die Studie knüpft an die europäische Health-Literacy-Studie (HLS-EU) an und nutzt denselben Fragebogen. An dieser europaweiten Studie hatte seinerzeit jedoch nur ein Bundesland, Nordrhein-Westfalen, teilgenommen. Zwei weitere Studien aus dem Jahr 2013 bescheinigten zuvor 42 Prozent beziehungsweise knapp 60 Prozent eine problematische Gesundheitskompetenz. Die erste Zahl stammt aus einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts und basiert auf fast 5.000 Teilnehmern. Die zweite Umfrage wurde vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) durchgeführt und basiert auf Versichertendaten von 2.010 Teilnehmern. © gie/aerzteblatt.de

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