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Lepra: Krankheit wird unterschätzt

Freitag, 27. Januar 2017

/dpa

Würzburg – In Europa kommt sie kaum noch vor, die Welt­gesund­heits­organi­sation WHO spricht von „eliminiert“. Doch auch im 21. Jahrhundert erkranken jährlich Tausende welt­weit an Lepra. Für Betroffene kann sie noch immer das gesell­schaftliche Aus bedeuten. „Lepra gehört wohl zu den am meisten unterschätzten Krank­heiten der Welt“, sagte Jo­chen Hövekenmeier, Sprecher der Deutsche Lepra- und Tu­ber­kulosehilfe (DAHW), an­lässlich des Weltlepratags am kommenden Sonntag.

Von der Öffentlichkeit wird Lepra kaum wahrgenommen, die WHO betrachtet sie we­gen der relativ geringen Fallzahlen seit 2000 nicht mehr als Gesundheitsgefahr für die All­ge­meinheit. 2015 steckten sich offiziellen Zahlen zufolge trotzdem noch immer etwa 211.000 Menschen an, Hilfsorganisationen rechnen mit bis zu 250.000 Menschen. Fast die Hälfte davon stammen aus Indien, etwa 27.000 aus Brasilien, mehr als 4.000 aus dem Kongo.

Dabei ist die Krankheit schon seit den 1980er-Jahren behandelbar. Mithilfe der Multi­drug­­therapie aus drei Antibiotika konnten laut WHO 16 Millionen Menschen geheilt wer­den. Die Behandlung kostet DAHW-Angaben zufolge im Durchschnitt lediglich 50 Euro, Erkrankte sind ab der ersten Einnahme nicht mehr ansteckend und gesunden vollstän­dig.

Das Problem für die Hilfsorganisationen: Lepra hat eine Inkubationszeit von durch­schnitt­lich vier bis sechs Jahren, viele Patienten leben in Ländern mit schlechter Versor­gung und lassen die Krankheit zu spät behandeln. Sie beginnt meist mit sichtbaren Flecken auf der Haut, Nerven sterben ab, Betroffene verlieren das Gefühl. Viele verlet­zen sich unbemerkt, infizieren sich mit gefährlichen Krankheiten oder bekommen Ent­zün­dungen. Nach Angaben der DAHW hat jeder zehnte Patient bereits sichtbare körper­liche Schä­den.

Auch deshalb suchen Forscher nach einer Prophylaxe. Vielversprechend scheint laut Hövekenmeier die Einnahme eines Antibiotikums. So sollen enge Bezugspersonen eines Erkrankten immun gegen Lepra werden. Erste Ergebnisse einer Studie in Tansania seien bis 2018 zu erwarten.

Die Lepra wird über Tröpfchen übertragen, wie das genau funktioniert, ist noch immer kaum erforscht. Klar ist aber: Familienangehörige haben ein achtmal höheres Ansteck­ungs­risiko, bei Nachbarn ist es viermal höher. Gerade für sie wäre eine Prophylaxe wich­tig.

Vor Herausforderungen stellt die Helfer zudem das Bild der Lepra. Noch immer stehen viele Erkrankte vor dem gesellschaftlichen Aus. Hövekenmeier hat das in Liberia selbst erlebt. Der Rat eines Dorfes beschloss kurzerhand, einen Leprakranken des Ortes zu verweisen. „Wir sind dann mit dem ganzen Team hingegangen und haben diesen Men­schen in den Arm genommen“, erzählt Hövekenmeier. Ein wichtiges Signal für das Dorf: „Er lebt heute noch da.“

Aus Europa ist die Krankheit hingegen weitgehend verschwunden. Zwischen 2000 und 2015 meldeten Behörden in Deutschland laut Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium jährlich null bis fünf Fälle. International bekannt ist nur mehr ein Krankenhaus im spanischen Fontill­es, in dem eigenen Angaben zufolge noch heute dauerhaft etwa 30 ehemals kranke Men­schen leben, rund 25 Leprapatienten werden ambulant behandelt.

Ein Wiedererstarken der Krankheit durch Globalisierung und Flüchtlingsströme ist laut Hövekenmeier wegen der eingeschränkten Übertragungswege unwahrscheinlich. „Lepra ist eine sehr ländliche Krankheit.“ Die Ziele der WHO bis zum Jahr 2020 hält er aller­dings für ebenso unrealistisch.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation legte im vergangenen Herbst eine Strategie zur Be­käm­pfung der Lepra vor. Demnach soll es 2020 keine Neuinfektionen von Kindern und Behinderungen aufgrund der Krankheit geben, auch die Stigmatisierung Erkrankter soll beendet sein. „Das wäre realistisch, wenn die Lepraarbeit das entsprechende Budget dafür bekäme“, sagte Hövekenmeier. Jeder Mensch in den betroffenen Gebieten müsse einmal jährlich untersucht werden. Lepra existiert also vorerst weiter. © dpa/aerzteblatt.de

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