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Politik

Bundestag erinnert an „Euthanasie“-Ver­brechen

Donnerstag, 26. Januar 2017

Hamburg – Die Ermordung von Behinderten, Kranken und Pflegebedürftigen war das erste vom NS-Regime in Gang gesetzte systematische Massenmordprogramm – und bis heute werden dessen Ausmaße häufig unterschätzt. Schätzungsweise 300.000 wehrlose Männer, Frauen und Kinder töteten Ärzte, Krankenpfleger und SS-Mord­kommandos in den deutsch-kontrollierten Gebieten von 1939 bis 1945. Zum jährlichen Tag des Geden­kens an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert der Bundestag in Berlin morgen nun erstmals speziell an diese „Euthanasie“-Verbrechen.

Die geistigen Wurzeln des Mordprogramms fanden sich in einer Weltanschauung, wo­nach die Bevölkerung durch eine notfalls radikale „Auslese“ von „Ballastexistenzen“ be­freit und für einen ständigen Überlebenskampf gegen andere Völker und „Rassen“ ge­stärkt werden sollte. Daraus entwickelten sich verschiedene, miteinander verzahnte Massenmordprogramme.

Am bekanntesten ist die sogenannte Aktion T4, bei der etwa ab Kriegsbeginn 1939 Kran­ke und Behinderte zentral erfasst und deutschlandweit in sechs Tötungsanstalten in Gas­kammern mit Kohlenmonoxid erstickt wurden. 70.000 Menschen starben. Nachdem diese Morde zunehmend für Unruhe sorgten und der damalige Bischof von Münster sie öffentlich kritisierte, stellte die NS-Führung sie nach rund zwei Jahren vordergründig ein. Sie waren allerdings nur die Spitze.

Die Tötungsanstalten im hessischen Hadamar und anderswo blieben weiterhin in Betrieb, etwa um erkrankte Häftlinge aus Konzentrationslagern zu töten. Parallel gingen Patien­ten­morde in unorganisierterer Weise dezentral weiter. In Heimen und Kranken­häusern töteten Ärzte und Pfleger bis Kriegsende schätzungsweise weitere 90.000 Menschen durch Medikamenteninjektionen oder ließen sie verhungern. Einer separaten „Kinder­euthanasie“ fielen 5.000 Kinder zum Opfer.

In den von Deutschland besetzten Gebieten Osteuropas ermordeten umherfahrende To­deskommandos massenhaft Kranke und Behinderte in bis heute nicht einmal genau be­kannter Zahl. Kliniken in Polen und in der Sowjetunion wurden beim deutschen Vor­marsch systematisch „leergemordet“. Dabei kamen SS-Kommandos zum Einsatz, die Massenerschießungen ebenso nutzten wie Lastwagen, in denen Patienten mit Autoab­gasen getötet wurden.

Nicht zufällig gab es engste Verbindungen zwischen „Euthanasie“ und Holocaust. Die bei den Patientenvergasungen gemachten Erfahrungen spielten eine wichtige Rolle beim Aufbau der großen Vernichtungslager, in denen Millionen Juden fließbandartig ermordet wurden. Die verantwortlichen Täter waren teils dieselben. Zu den „Euthana­sie“-Verbre­chen gehört auch die Verstümmelung von rund 360.000 Menschen durch Zwangssteri­li­satio­nen. Nach 1945 wurde das Leiden der Opfer und ihrer Angehörigen lange kaum beach­tet.

Die Ärzteschaft hat dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte vielfach aufgearbeitet. Der Deutsche Ärztetag befasste sich bereits 2012 intensiv mit der Aufarbeitung der Ge­schich­te. Die Delegierten hatten in Form einer „Nürnberger Erklärung“ ein­stim­mig zu den Menschenrechtsverletzungen und Untaten der Medizin zu Zeiten des Natio­nal­sozialismus Stellung genommen. Die Erklärung enthält den Hinweis, dass medizi­ni­sche Fachgesellschaften ebenso wie Vertreter der universitären Medizin und renom­mierte biomedizinische Forschungs­einrichtungen beteiligt waren.

„Wir bekunden unser tiefstes Bedauern darüber, dass Ärzte sich entgegen ihrem Heil­auftrag durch vielfache Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben, geden­ken der noch lebenden und der bereits verstorbenen Opfer sowie ihrer Nachkommen und bitten sie um Verzeihung“, heißt es.

Der Deutsche Ärztetag verpflichte sich, darauf hinzuwirken, dass die weitere historische Forschung und Aufarbeitung finanziell wie institutionell von den Gremien der Ärzteschaft gefördert werde, auch in Form eines unbeschränkten Zugangs zu den Archiven. © afp/aerzteblatt.de

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