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Politik

Bundestag erinnert in Gedenkstunde an „Euthanasie-Morde“ des NS-Regimes

Freitag, 27. Januar 2017

/dpa

Berlin – Der Bundestag hat am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Au­schwitz der Opfer der sogenannten Euthanasie-Morde gedacht. „Zwischen Euthanasie und dem Völkermord an den europäischen Juden bestand ein enger Zusammenhang“, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) heute in der Gedenkstunde des Par­laments. Dem „Euthanasie-Programm“ der Nationalsozialisten waren schätzungs­weise 300.000 Menschen mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen oder unheil­ba­ren Krankheiten zum Opfer gefallen.

Das Töten durch Gas sei als „Probelauf für den Holocaust“ zuerst bei Euthanasieopfern praktiziert worden, sagte Lammert in seiner Rede. Es wurde damit zum Muster „für den späteren Massenmord in den NS-Vernichtungslagern“. Mehr als hundert Ärzte, Pfleger und sonstige Beteiligte an den Krankenmorden, deren erste Phase 1941 geendet habe, „setzten ihr Tun bruchlos in den Vernichtungslagern für KZ-Häftlinge fort“.

Bundestag erinnert an „Euthanasie“-Ver­brechen

Hamburg – Die Ermordung von Behinderten, Kranken und Pflegebedürftigen war das erste vom NS-Regime in Gang gesetzte systematische Massenmordprogramm – und bis heute werden dessen Ausmaße häufig unterschätzt. Schätzungsweise 300.000 wehrlose Männer, Frauen und Kinder töteten Ärzte, Krankenpfleger und SS-Mordkommandos in den deutsch-kontrollierten Gebieten von 1939 bis 1945 [...]

Die Vorbereitungen begannen schon 1933, als die NS-Diktatur das „Gesetz zur Verhin­de­rung erbkranken Nachwuchses“ erließ. Es erlaubte brutale Eingriffe in die Würde von behinderten Menschen. „In Dutzenden sogenannter Heil- und Pflegeanstalten mordete das medizinische Personal“, sagte Lammert weiter. Aufbegehren gegen die systema­ti­sche Tötung vermeintlich „lebensunwerten“ Lebens habe es wenig gegeben.

Auch „eine Aufarbeitung fand lange Zeit nicht statt“, so der Bundestagspräsident. Erst 2007 habe der Bundestag das Zwangssterilisationsgesetz des NS-Regimes geächtet und erst vor kurzem sei dem Gedenken an die NS-Krankenmorde ein angemessener Rah­men verliehen worden: mit dem 2014 eröffneten „Gedenk- und Informationsort“ am Schau­platz der früheren „Zentraldienststelle“ – der Planungszentrale für die soge­nann­ten Euthanasie-Morde – in Berlin-Tiergarten.

Während der Gedenkstunde las der Schauspieler Sebastian Urbanski den Brief eines damaligen Opfers vor. Urbanski, der unter dem Down-Syndrom leidet, spielt beim Berli­ner Rambazamba-Theaters. Auch Menschen mit dieser Genmutation waren von den Na­tionalsozialisten als „lebensunwert“ eingestuft worden. Gedenkreden hielten zudem Ver­wandte von zwei weiteren „Euthanasie“-Opfern.

Der 27. Januar ist der Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungs­lagers von Auschwitz durch die sowjetische Rote Armee im Jahr 1945. Ein eigenes Ge­denken dazu gibt es seit 21 Jahren, der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte dies initiiert. © afp/aerzteblatt.de

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