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Medizin

Lepra „lebt“ – Importe nach Deutschland selten

Dienstag, 31. Januar 2017

Genf und Berlin – Weltweit wurde 2015 bei 212.000 Menschen Lepra diagnostiziert. Dies gab die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) anlässlich des Weltlepratages 2017 bekannt. Die Erkrankung ist entgegen einer verbreiteten Ansicht keineswegs ausgestor­ben, und hin und wieder werden auch in Deutschland Ärzte mit importierten Erkrankun­gen konfrontiert, die laut einem Beitrag im Epidemiologischen Bulletin (2017; doi: 10.17886/EpiBull-2017-004) häufig schwer zu behandeln sind. 

Lepra kann heute geheilt werden. Bereits in den 1940er-Jahren wurde mit Dapson ein wirksames Antibiotikum eingeführt, das Mycobacterium leprae abtöten kann. Nachdem der Erreger in den 1960er-Jahren Resistenzen entwickelte, wurde 1981 die MDT (multi-drug-therapy) eingeführt, die Dapson mit Rifampicin kombiniert. Bei multibazillärer Lepra kommt als dritte Komponente Clofazimin hinzu. Die Behandlung senkt bereits nach einem Monat die Ansteckungsfähigkeit, nach einem Jahr sind die Patienten in der Regel geheilt – sofern sie regelmäßig ihre Tabletten einnehmen.

Im Jahr 1995 begann die WHO, die MDT-Medikamente für alle Patienten kostenlos zur Verfügung zu stellen. Seither wurden mehr als 16 Millionen Leprakranke behandelt, und die Zahl der Neuerkrankungen verminderte sich drastisch von 800.000 auf unter 300.000 pro Jahr. Im Jahr 2000 war die Prävalenz auf unter 1 pro 10.000 Einwohner gefallen. Dies ist für die WHO die Grenze, ab der eine Erkrankung ein öffentliches Gesund­heitsproblem darstellt. 

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Eine völlige Eliminierung gelang jedoch nicht. Sie ist auch kaum möglich, da M. leprae neben dem Menschen andere Primaten und Gürteltiere (und vermutlich auch Eichhörn­chen infiziert) und eine Übertragung aus diesem Reservoir auf den Menschen möglich ist. Die WHO strebt in ihrer neuen globalen Lepra-Strategie 2016–2020 dennoch weiter eine leprafreie Welt an. Die Eliminierung soll die Erkrankungszahlen, die sich in den letzten Jahren auf einem Niveau von etwas über 200.000 Neuerkrankungen stabilisiert haben, weiter senken.

Betroffen sind derzeit neben Indien, auf das 2015 etwa 60 Prozent der Neuerkrankun­gen fiel, auch Brasilien und Indonesien. Von den neuen Fällen wurden 8,9 Prozent bei Kindern diagnostiziert. Insgesamt 6,7 Prozent der Patienten hatten bei der Diagnose bereits Deformitäten, die auch nach der Ausheilung der Infektion bestehen bleiben. Ein Ziel der WHO ist die Früherkennung in einem Stadium, in dem es noch nicht zu bleiben­den Schäden gekommen ist. Vor allem Kinder sollen geschützt werden. Die WHO ver­sucht auch, diskriminierende Gesetze in den betroffenen Ländern zu verhindern.

Auch in Deutschland werden hin und wieder Lepra-Erkrankungen diagnostiziert. Zwi­schen 2001 und 2015 wurden laut dem Robert-Koch-Institut jährlich bis zu fünf Lepra-Erkrankungen übermittelt. Der Durchschnitt lag bei zwei Lepra-Erkrankungen pro Jahr. In der Regel handelt es sich um Migranten. Infektionen bei Touristen sind sehr unge­wöhn­lich, da sie in der Regel keinen Kontakt zu Leprakranken haben. Da die Lepra sehr langsam fortschreitet, können Neuerkrankungen bei Menschen auftreten, die bereits viele Jahre in Deutschland leben. In der Ambulanz des Bernhard-Nocht-Instituts in Hamburg wurde vor Jahren eine Lepra bei einem Thailänder gesehen, der bereits seit 18 Jahren in Deutschland lebte und zwischenzeitlich keine Reisen in die Heimat unter­nommen hatte.

Eva-Maria Schwienhorst-Stich von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe in Würzburg rät den Ärzten, die Diagnose auch bei Migranten und Flüchtlingen in Erwä­gung zu ziehen. Ihr seien mehrere Fälle bekannt, in denen erst ein „langer und holpriger Weg“ zur Diagnose geführt habe, schreibt die Medizinerin im Epidemiologischen Bulle­tin. Sie verweist darauf, dass die Therapie nicht immer einfach sei.

Die MDT, die die Erkrankung bei konsequenter Behandlung zwar in den meisten Fällen kuriert, könne immunologische Typ-1- und Typ-2-Lepra-Reaktionen auslösen, unter denen die Nerven­läsionen zunehmen. Patienten mit einem Erythema nodosum leprosum (Typ-2-Reak­tion) könnten häufig mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht adäquat behandelt werden. © rme/aerzteblatt.de

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