Medizin

Litschi: Toxische Unterzuckerungen bei Kindern in Indien

Mittwoch, 1. Februar 2017

Atlanta – Die süßen Früchte des Litschibaums können bei einem hohen Verzehr eine toxische Unterzuckerung auslösen. Dies fanden US-Forscher heraus, die in Lancet Global Health (2017; doi: 10.1016/S2214-109X(17)30035-9) einer rätselhaften Epidemie im indischen Bundesstaat Bihar auf den Grund gingen, von der vor allem Kinder betroffen waren, die auf das Abendessen verzichtet hatten.

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Seit 1995 kommt es in der Umgebung der Stadt Muzaffarpur in Nordindien zwischen Mitte Mai und Juni vor allem bei Kindern aus ärmeren Familien zu merkwürdigen Erkrankungen. Die Kinder entwickeln eines Morgens Krampfanfälle und Bewusst­seinsstörungen, von denen sich viele nicht wieder erholen. Jedes dritte Kind starb an einer rätselhaften nicht-entzündlichen Enzephalopathie. Der Tod tritt oft innerhalb von 20 Stunden ein.

Zunächst wurden Pestizide, Schwermetalle oder unbekannte Viren als Ursache vermutet. Die Untersuchungen konnten dies jedoch nicht bestätigen. Zur Aufklärung trug bei, dass alle Kinder ungewöhnlich niedrige Blutzuckerwerte von 70mg/dl oder weniger hatten. Ein Forscherteam um Padmini Srikantiah von den US Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta vermutet deshalb, dass die Kinder an den Folgen einer Hypoglykämie gestorben waren. 

Auffällig war auch, dass die betroffenen Kinder zumeist auf das Abendessen verzichtet hatten. Die Forscher suchten deshalb nach einer Substanz, die den nächtlichen Blutzucker der Kinder gesenkt haben könnte. Nachdem sie eine Vergiftung mit Pestiziden oder Krankheitserreger ausgeschlossen hatten, untersuchten sie die Ernährung der Kinder. 

Viele Kinder hatten sich von Litschi ernährt, die erst seit einigen Jahren in Bihar angebaut wurden und deren Ernte in die Erkrankungsmonate fiel. Die süßen Früchte waren so nahrhaft, dass einige Kinder auf das Abendessen verzichteten. Litschi enthalten wie andere Vertreter der Seifenbaumgewächse (Sapindaceae) Hypoglycin, eine nicht-proteinogene Aminosäure. Hypoglycin und sein Abbauprodukt MCPA (2-Methyl-4-chlorphenoxyessigsäure) hemmen im Tierversuch die beta-Oxidation von Fettsäuren und die Glukoneogenese. Die Folge ist ein Abfall des Blutzuckers.

Tatsächlich fanden die Forscher Hypoglycin A oder MCPA in 48 von 73 Urinproben der Patienten, niemals aber in Proben von 15 gesunden Kontrollen. Insgesamt 72 von 80 Kindern hatten anormale Plasma-Acylcarnitin-Profile, was eine schwere Störung des Fettsäurestoffwechsels anzeigt. In 36 Litschi-Früchten wurde bis zu 152 µg/    g Hypoglycin A und bis zu 220 µg/g MCPA nachgewiesen.

Für einen Zusammenhang sprach, dass Kinder, die Litschis gegessen und dann auf ein Abendessen verzichtet hatten, 7,8-fach häufiger erkrankten als andere Kinder, während das Risiko mit Abendessen nur 3,6-fach erhöht war.

Laut Srikantiah bestehen auch Ähnlichkeiten mit der „Jamaican vomiting sickness“, die in der Karibik nach dem Verzehr von Früchten der Akee-Pflanze auftritt. Die Pflanze gehört ebenfalls zur Familie der Sapindaceae und sie enthält Hypoglycin, das für die „Jamaican vomiting sickness“ verantwortlich ist.

Damit es zu einer hypoglykämischen Enzephalopathie kommt, müssen Kinder eine größere Menge Litschi verzehren. Da die Früchte in westlichen Ländern als Delikatesse nur in kleineren Mengen verzehrt werden, ist eine Vergiftung nach Ansicht von Peter Spencer von der Oregon Health & Science University in Portland unwahrscheinlich.

Die Importeure der Früchte müssen anders als die Anbieter von Konserven nicht auf das Toxin hinweisen, schreibt der Editorialist. Bei einer rechtzeitigen Diagnose kann die Krankheit durch Glukoseinfusionen behandelt werden. Wie nach schweren Hypo­glykämien von Diabetern müsse allerdings mit Folgeschäden gerechnet werden.

© rme/aerzteblatt.de

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