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Medizin

Hypertonie: 107 Gene beeinflussen den Blutdruck

Mittwoch, 1. Februar 2017

dpa

London – Eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS) hat 107 Genregionen ermittelt, die den Blutdruck des Menschen beeinflussen. Die Forscher beschreiben in Nature Genetics (2017; doi: 10.1038/ng.3768) zudem einen Gentest, der die Entwicklung der arteriellen Hypertonie in Zukunft vorhersehbar machen könnte.

Die arterielle Hypertonie ist nicht allein Folge eines ungesunden Lebensstils mit Übergewicht, Bewegungsmangel und anderen modifizierbaren Risikofaktoren. Es gibt eine starke erbliche Komponente. Eine Analyse der UK Biobank-Daten gab die Heritabilität mit über 25 Prozent an (Nature Genetics 2016; doi:10.1038/ng.3618).

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Auf der Suche nach den verantwortlichen Genen hat ein Team um Mark Caulfield von der Queen Mary University of London jetzt 9,8 Millionen Genvarianten in den 420.000 Blutproben der UK Biobank mit dem Blutdruck der Teilnehmer verglichen. Sie stießen auf 107 Genvarianten, von denen 75 bereits in früheren GWAS entdeckt worden waren, jedoch 53 bisher unbestätigt. Die meisten Genvarianten waren Einzelnukleotid-Poly­morphismen (SNP), die sich nur in einem Basenpaar unterschieden, drei Genvarianten bestanden aus „Indels“ mit dem Austausch von mehreren Basenpaaren.

Aus medizinischer Sicht ist interessant, in welchen Genen sich Varianten befanden, da sich daraus Erkenntnisse zur Pathogenese der arteriellen Hypertonie und möglicher­weise auch neue Therapieansätze ergeben könnten. Mehrere Gene beeinflussen die Reparatur von Blutgefäßen nach einer Beschädigung. Dazu gehört beispielsweise das Gen ADAMTS7. Es enthält den Bauplan für ein Enzym, das Thrombospondin-1 spaltet, was die Migration von Endothelien verlangsamt. Dies könnte die Reparatur der Gefäßwand behindern. Auch im Gen für Thrombospondin-1 befindet sich eine Genvariante, die sich nach den Ergebnissen der aktuellen GWAS auf den Blutdruck auswirkt.

Eine weitere Variante befindet sich in dem Gen für die NADPH Oxidase 4 (NOX4). Das Enzym, das vom Endothel gebildet wird, schützt die Gefäße vermutlich vor einem entzündlichen Stress. Caulfield vermutet, dass es an der Pathogenese der salzsensitiven Hypertonie beteiligt ist.

Andere Genvarianten greifen direkt in die Steuerung des Blutdrucks ein. Dazu gehört die Phosphodiesterase PDE5A. Sie ist Ärzten bekannt als Angriffspunkt von Sildenafil, das durch eine Vasodilatation im Schwellkörper eine erektile Dysfunktion beheben kann. Caulfield könnte sich vorstellen, dass sich PDE5A-Hemmer auch als Blutdruckmedikament eignen könnten.

Die Bedeutung der kleinen Blutgefäße für den Blutdruck wird durch eine Variante im Gen SLC14A2 unterstrichen. SLC14A2, ein Harnsäuretransporter, wurde in einer früheren Studie mit einer erblichen Variante der orthostatischen Hypotonie (Typ Streeten) in Verbindung gebracht. SLC14A2 beeinflusst auch die Wirkung des Kalziumantagonisten Nifedipin. SLC8A1 kodiert einen Natrium-Kalzium-Austauscher auf Herzmuskelzellen. SLC35F1 wurde in früheren Untersuchungen mit Herzfrequenz und Herzgröße in Verbindung gebracht.

Mehrere Gene sind an der Entwicklung des Herz-Kreislauf-Systems beteiligt. FBN2 beispielsweise kodiert Fibrillin 2, ein Bestandteil des Bindegewebes. Andere Gene greifen in die Blutdrucksteuerung ein. So moduliert BDNF im Gehirn die Wirkung von Angiotensin 11. CACNA2D2 enthält die Information für eine Untereinheit des Kalziumkanals im Herzvorhof.

Die Vielzahl der Gene und ihre unterschiedliche Funktion zeigt, dass die Pathogenese der arteriellen Hypertonie sehr vielfältig sein kann. Dies könnte erklären, warum in der Praxis nur selten eine Ursache gefunden wird.

Mit einem Gentest, den Caulfield aufgrund der Ergebnisse vorschlägt, könnte in Zukunft bei jungen Menschen vorhergesagt werden, ob sie im Alter an einer arteriellen Hyper­tonie erkranken werden. Ein hoher Wert in dem Risiko-Score ging mit einem um 9,3 mm Hg höheren systolischen Blutdruck im Alter über 50 Jahre einher und er zeigte ein zweifach erhöhtes Risiko auf eine Hypertonie an (Odds Ratio 2,32; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,76-3,06). © rme/aerzteblatt.de

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