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Medizin

Entwurmungsprogramme in Afrika: Forscher zweifeln an Effizienz

Mittwoch, 8. Februar 2017

Hakenwurm Ancylostoma caninum /CDC

Liverpool – Die drei meistzitierten Studien zur Effizienz der Entwurmung in Entwick­lungs­ländern stehen unter Kritik. Forscher vom Centre for Evidence Synthesis in Global Health an der Liverpool School of Tropical Medicine zweifeln die Aussagekraft aufgrund von methodischen Fehlern an. Sie könnten höchstens eine Hypothese stützen, die in der Massenentwurmung von Kindern einen Vorteil vermutet. Ihre Übersichtsarbeit haben sie im International Journal of Epidemiology publiziert (2017; doi: 10.1093/ije/dyw283). Der Leiter des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg erklärt, warum die Massenentwurmung dennoch eine Ermessens­sache bleiben muss. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits eine Aktuali­sierung ihrer Empfehlungen angekündigt.

Die über den Boden übertragbaren Wurminfektionen sind unter anderem auf Rundwürmer, Hakenwürmer und Peitschenwürmer zurückführbar.

  • Vorkommen: tropische und subtropische Regionen (Subsahara-Afrika, Amerika, China und Ostasien).
  • Risikogruppe: vor allem Kinder in einkommens­schwachen Gebieten, in denen es keine ange­mes­sene Sanitärversorgung gibt.
  • Folgen bei schwerem Wurmbefall: Mangel­ernährung, Wachstumsrückstand und Blutarmut, dadurch erschwerte kognitive Entwicklung, höhere Fehlzeiten in der Schule.

Über den Boden übertragene Wurm­infektionen (Soil-transmitted helminths, STH) verursachen laut der WHO bei Schulkindern mehr Krankheiten als jede andere Infektion. Die Ausbreitung der Darmwürmer führen Forscher in erster Linie auf schlechte hygienische Verhält­nisse und den fehlenden Zugang zu sauberem Wasser zurück. Die WHO empfiehlt daher als Teil des Vorsorge­programms, dass Schul­kinder in ende­mischen Gebieten mit Medikamenten behandelt werden, die die drei am häufigsten vorkommenden STH-Arten abtöten, beispielsweise einmal jährlich mit einer Dosis Alben­da­zol oder einem entspre­chenden anderen Wirkstoff. Regelmäßige, groß angelegte Behand­lungs­offensiven gingen mit Ernährungsvorteilen einher, teilt die WHO auf An­frage des Deut­schen Ärzte­blattes (DÄ) als Begründung mit.

Diese präventive Maßnahme wollen die Autoren um Paul Garner nicht weiterhin unter­stützen. In ihrer Studie hinterfragen sie die positiven Ergebnisse von drei Langzeit­studien und kommen zu dem Ergebnis, dass diese nicht aussagekräftig seien. Denn im Rahmen der Studien in Kenia und Uganda wurden nicht die geplanten Protokolle für die Analyse verwendet. Zudem waren die Studien nicht verblindet. Internationale Standards wurden ebenfalls nicht eingehalten.

Es geht um die Studien von Baird 2016, Ozier 2016 und Croke 2014, die die Effekte von Entwurmungsprogrammen neun Jahre nach Durchführung analysierten. Sie untersuch­ten den Ernährungsstatus der Teilnehmer, kognitive Fähigkeiten, Krankheitstage, den erreichten Schulabschluss und den Beruf.

„Entwicklungsökonomen argumentieren meist mit den positiven Langzeiteffekten aus genau diesen Studien, denen man nach unserer Analyse nicht vertrauen sollte“, sagte Garner dem . Selbstverständlich müsse ein infiziertes Kind medikamentös behandelt werden. „Eine regelmäßige Massenentwurmung des gesamten Kontinents halte ich aber für nicht effektiv“, erklärt Garner und beruft sich dabei auch auf einen im Jahr 2015 ver­öffentlichten Cochrane-Review. Dieser hatte trotz wiederholter Entwurmung von mehr als 38.000 Kindern fast keine Auswirkung auf das Gewicht oder die Hämoglobinwerte gezeigt.

Neue WHO-Empfehlungen sollen kommen
Garner fügte hinzu, dass das Guideline Review Committee der WHO erst im Jahr 2016 über die Empfehlungen zur Entwurmung beraten hätten. Eine Aktualisierung wird im April 2017 erwartet, teilt Ashok Moloo vom Department of Control of Neglected Tropical Diseases der WHO mit.

Der Mediziner Rolf Horstmann, Leiter des BNITM, betont, dass bei der Frage des Sinns von Massenbehandlungen gegen Darmwürmer auch ethische Aspekte bedacht werden müssen: „Seit Langem ist bekannt, dass in Gebieten mit weit verbreitetem Wurmbefall nur wenige der Infizierten so massiv befallen sind, dass sie erkranken. Die Verbesse­rung des Gesundheitszustands dieser Minderheit stellt sich bei den vorliegenden Unter­suchungen im statistischen Mittel der Gesamtzahl der Betroffenen nicht dar.

Es stellt sich allerdings die ethische Frage, ob es gerechtfertigt ist, zahlreiche Personen zu behandeln, um einigen wenigen zu helfen. Zwar haben die Therapien nur seltene und äußerst harmlose unerwünschte Wirkungen, man sollte jedoch den unangenehmen Zeitaufwand der Betroffenen und die Kosten der Programme berücksichtigen.

Zum anderen glauben namhafte Fachleute, eine komplette Entwurmung wie in unseren Breiten könnte die Neigung einiger Menschen zu autoinflammatorischen Erkrankungen des Darms wie beispielsweise Colitis ulcerosa und Morbus Crohn erhöhen, hätte also für einige durchaus schwerwiegende negative Folgen. Demzufolge bleibt die Abwägung von Nutzen und Schaden der Massenentwurmung Ermessenssache.“ © gie/aerzteblatt.de

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