Vermischtes

Labio­plas­­tik: Gynäkologen warnen vor neuem Trend

Montag, 6. Februar 2017

Paris – Das Schönheitsideal der Barbie-Welt ist auch im Intim­be­reich angekommen. Imm­er mehr Frauen legen sich nach Angaben der Internationalen Ge­sellschaft für Ästheti­sche und Plastische Chirurgie (Isaps) unters Messer, um ihre Scham­lippen korrigieren zu lassen – 2015 waren es weltweit mehr als 95.000. Der Trend überrascht sogar Plastische Chirurgen – und viele Mediziner warnen vor den Risiken einer solchen Schönheits-OP.

„Ich machte in den 1980er Jahren meine Ausbildung, und wenn Sie mir das vorher­gesagt hätten, hätte ich Sie für verrückt gehalten“, sagte Isaps-Präsident Renato Saltz, Plasti­scher Chirurg im US-Bundesstaat Utah. Allein in den USA wurden 2015 fast 9.000 sol­cher Eingriffe vorgenommen – 16 Prozent mehr als im Vorjahr: Die sogenannte Labio­plas­­tik, bei der meist die inneren Schamlippen verkleinert werden, rangiert inzwischen auf Rang 19 der beliebtesten chirurgischen Eingriffe. Die „vaginale Verjüngung“ – meist eine Straffung der Vagina – kommt auf mehr als 50.000 Eingriffe.

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„Frauen machen sich inzwischen viel mehr Sorgen ums Aussehen ihrer Genitalien“, sag­te der New Yorker Schönheitschirurg Nolan Karp. Schuld sei das Internet. „Wie viele nack­te Frauen hat eine Frau in ihrem Leben gesehen, bevor es das Internet gab? Nicht viele – wenn es um die Genitalien geht“, so Karp. Heute hätten die Leute ein Bild davon „was schön ist, was normal ist, was gut aussieht, was nicht“. Doch das vermeintliche Ideal entspreche keineswegs der Vielfalt weiblicher Genitalien.

Dorothy Shaw ist pensionierte Gynäkologin und ehemalige Vorsitzende der kanadischen Gesellschaft der Geburtshelfer und Gynäkologen (SOGC). Sie kritisiert, das Idealbild ei­ner Vagina gleiche der eines jungen Mädchens. „Sie hat keine Haare und ist sehr flach, man sieht also nur eine Art Schlitz.“ Doch die meisten Frauen sähen nun mal nicht aus „wie ein junges Mädchen“.

Dennoch nehmen die fragwürdigen Operationen explosionsartig zu. Zwar gibt es tatsäch­lich Fälle, in denen eine Verkleinerung der inneren Schamlippen sinnvoll sein könnte, et­wa bei Beschwerden oder Schmerzen. Doch etwa 40 Prozent der Frauen, die nach einer solchen OP fragten, würden Schmerzen nur vorschieben, sagt der Gynäko­loge und Plas­tische Chirurg Nicolas Berreni. „Was sie tatsächlich wollen, ist der Barbie-Look. Bei der Barbie-Puppe sieht man die inneren Labien nicht.“

Neben ethischen Bedenken führt Shaw die medizinischen Risiken an. „Es gibt Patien­tinn­en mit chronischen Vulva-Schmerzen“, sagt er. „Immer wenn man ein Stück Gewebe ab­trennt, gibt es die Möglichkeit einer Blutung, Infektion und späterer Narbenbildung. Bei Narben besteht das Risiko, dass Nervenenden erfasst werden, was dann Schmerzen und Beschwerden verursacht.“

Vor allem Teenager müssten über den Unsinn solcher Operationen aufgeklärt werden, fordert Shaw. „Wir müssen vor allem junge Frauen aufklären, dass sich ihre Körper noch verändern, und dass sie sich selbst bleibende Schäden zufügen könnten.“ Die kanadi­sche SOGC warnt, es gebe kaum Hinweise darauf, dass kosmetische Genitalchirurgie das sexuelle Empfinden oder Selbstbild verbessere. Gleichzeitig betont der Verband, sol­che Eingriffe dürften „nicht gegen Gesetze bezüglich weiblicher Genitalver­stümmelung verstoßen“.

Bei dieser extremen Form der Beschneidung werden – im Namen der Tradition – Klitoris und Schamlippen entfernt, was viele Staaten und Organisationen bekämpfen. Gleichzei­tig nehmen die ähnlich riskanten Intim-Operationen zu – im Namen der Schönheit. © afp/aerzteblatt.de

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