Ausland

Krise im britischen Gesundheitswesen: Krankenhäuser schlagen Alarm

Montag, 6. Februar 2017

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London – Auf den Fluren von Kliniken warten Patienten verzweifelt auf ein Bett und Poli­zisten übernehmen schon mal den Krankentransport. Die Krise im Gesundheitswesen in Großbritannien spitzt sich zu – und die Krankenhäuser in Großbritannien schlagen Alarm. Vor allem die Notaufnahmen sind wie nie zuvor seit der Gründung des staat­lichen Gesundheitsdienstes National Health Service (NHS) vor fast 70 Jahren unter Druck. Pa­tien­ten und Angehörige berichten von weinenden Krankenschwestern und Zuständen „wie in der Hölle“.

So starben zwei Patienten kürzlich in Notbetten an einem Schlaganfall und einer Hirn­blu­tung auf dem Flur einer Klinik in Worcester in der Nähe von Birmingham, wie Medien be­richteten. „Mehrere Tage musste unser Freund, der Prostatakrebs hat, auf ein Kranken­bett war­ten“, berichtete eine Britin über dieselbe Klinik. „Und als wir ihn dort besuchten, sahen wir überall auf den lauten Fluren kranke Menschen in Rollstühlen oder mit Rolla­toren, die noch kein Bett hatten.“

Mehr Kliniken als je zuvor mussten im vergangenen Dezember Krankenwagen mit Pa­tien­ten abweisen. Sie wurden in andere Hospitäler umgeleitet. Für Patienten in kri­tischem Zu­stand sei der längere Transportweg oft „lebensbedrohlich“, sagte Clive Haswell, ein Notarzt, im Londoner Charing Cross Hospital auf Anfrage.

Auch das Lewisham-Hospital im Süden von London erlebte einen enormen Ansturm von Patienten, Operationen wurden abgesagt. In der ersten Januarwoche lösten 20 Kranken­­häuser einen „schwarzen Alarm“ aus, berichtete die Zeitung The Independent. Das müs­s­en sie tun, wenn sie „nicht in der Lage sind, eine umfassende Versorgung zu garan­tie­ren“.

Der NHS stößt in jedem Winter an seine Grenzen, doch in diesem Jahr ist die Situation besonders schwierig. Die Wartezeiten in den Notaufnahmen haben sich extrem verlän­gert. Die Zahl älterer Patienten, die in Notbetten auf eine Behandlung warten, hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdreifacht, berichtete das Finanzmagazin MoneyWeek.

Der Chef des Britischen Roten Kreuzes, Mike Adamson, sprach im Parlament von einer „humanitären Krise“ im Gesundheitssystem und löste mit seiner Wortwahl Empörung aus. Die Situation sei doch „nicht vergleichbar mit Syrien oder dem Jemen“, sagte die konser­vative Abgeordnete und Medizinerin Sarah Wollaston. Premierministerin Theresa May wies die Kritik als „maßlos übertrieben“ zurück.

Explodierende Patientenzahlen und zu wenig Geld im Gesundheits- und Sozialwesen sind Experten zufolge die Gründe für die Krise. Die Behandlung von immer mehr älteren Menschen mit chronischen Krankheiten treibe die Kosten in die Höhe, erklärte eine Spre­cherin der British Medical Association (BMA), des als Gewerkschaft anerkannten briti­sch­en Ärzteverbandes. Hinzu komme die mangelnde Versorgung älterer Patienten nach ei­nem Krankenhausaufenthalt.

Trotz aller Probleme halten die Briten zäh an ihrem Gesundheitssystem fest. Der NHS ba­siert auf der Idee des Wohlfahrtsstaates, und viele schätzen das System, das ihnen eine fast kostenfreie Versorgung bietet. Es wird überwiegend aus Steuern finanziert, nur ein ge­ringer Teil wird von Sozialversicherungsbeiträgen abgedeckt. Nachteile wie Einschrän­kungen bei der Ärztewahl werden akzeptiert.

Nur die langen Wartelisten sind ein Dauerthema, vor allem bei nicht lebensnotwendigen Eingriffen wie Hüftgelenkoperationen. Etwa 15 Prozent der Briten haben eine private Krankenversicherung und erkaufen sich so die freie Arztwahl und Zusatzleistungen.

May möchte trotz aller Kritik am NHS festhalten und strebt Verbesserungen an, die Fi­nanzmittel seien ausreichend. Gesundheitsminister Jeremy Hunt räumte zwar eine „lü­cken­hafte“ Notversorgung ein, aber insgesamt stehe der NHS besser da als vor einem Jahr.

Viele Gesundheitsexperten kritisieren die Haltung der Regierung. „Statt einen Plan vor­zulegen, spielt die Regierung das Problem herunter“, heißt es. Theresa May solle nicht „den Kopf in den Sand stecken, während sich die Krise weiter verschlimmert“, schimpfte der Chef des Ärzteverbands, Mark Potter.

Auch die Krankenhäuser reagierten ungläubig auf die Äußerungen des Gesundheits­mi­nisters. Die Zustände seien „bislang einmalig“, erklärte ein Krankenhaus-Chef in einem BBC-Interview. 2016 sollen mehr als 4.000 dringende Operationen abgesagt worden sein.

Vielerorts wird angesichts der schwierigen Lage improvisiert. In Cambridgeshire im Osten Englands transportieren Streifenwagen immer öfter Patienten. Wenn stundenlang kein Krankenwagen zur Verfügung stehe, müsse in Notfällen eben die Polizei einspringen, sagte der örtliche Polizeichef Alec Wood der Zeitung Cambridge News.

Die dramatische Situation trifft künftig auch Patienten aus dem Ausland. Diese sollen künftig in Großbritannien für nicht dringend notwendige Operationen vorab zur Kasse gebeten werden. Dies soll ab kommenden April für alle gelten, die keinen Anspruch auf freie Behandlung in Großbritannien hätten.

„Wir haben kein Problem mit Besuchern aus dem Ausland, die unser Gesundheits­system nutzen – solange sie einen gerechten Beitrag leisten“, sagte Gesundheits­minister Jere­my Hunt heute in London. Viele könnten aber nicht ihre Rechnung begleichen. Das durch die Neuregelung eingesparte Geld – umgerechnet bis zu etwa 580 Millionen Euro pro Jahr – solle wieder ins Gesundheitssystem fließen.

Kritiker bemängelten, dass die Maßnahme vor allem die Schwächsten – darunter Mi­gran­ten und Obdachlose – treffen könnte. Der britische Ärzteverband BMA fürchtet durch die Einführung der Neuregelung binnen so kurzer Zeit ein „Chaos“ in den Krankenhäusern.

© dpa/aerzteblatt.de

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