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Medizin

Misophonie: Wenn Alltagsgeräusche krank machen

Dienstag, 7. Februar 2017

/dpa

Newcastle upon Tyne – Menschen mit Misophonie können normale Alltagsgeräusche nicht ertragen. Eine Studie in Current Biology (2016; doi: 10.1016/j.cub.2016.12.048) führt dies auf eine Störung von emotionalen Kontrollmechanismen im Gehirn zurück und gibt der umstrittenen Erkrankung erstmals eine pathophysiologische Basis.

Viele Menschen stört es, wenn ihre Mitmenschen laute Ess- oder Atemgeräuschen von sich geben, ständig mit dem Kugelschreiber klicken oder ihre Fingernägel schneiden. Auch das Klicken von High Heels oder das Schaukeln mit den Beinen kann nerven. Für Menschen mit Misophonie sind die dabei entstehenden Geräusche so unerträglich, dass sie ihre Aggression kaum unterdrücken können. 

Typisch für diese Misophonie, die erstmals von den amerikanischen Neurowissen­schaftlern Pawel und Margaret Jastreboff beschrieben wurde, ist eine höchst selektive Geräuschintoleranz. Die meisten Alltagsgeräusche, wie sie bei einem starken Regen entstehen und auch unangenehme Geräusche wie das Schreien eines Babys, stört die Betroffenen nicht mehr als andere Menschen. Und die Geräusche, die sie hassen, sind bei den einzelnen Menschen mit Misophonie recht unterschiedlich.

Bislang ist die Misophonie keine „anerkannte“ Erkrankung. Die psychiatrischen Manuale (DSM-V und ICD-10) erwähnen sie nicht. Die meisten Psychiater würden bei den Patienten eher an eine Phobie, eine post-traumatische Belastungsstörung oder eine Zwangsstörung denken. Der niederländische Psychiater Damiaan Denys von der Freien Universität Amsterdam hat jedoch kürzlich Unterschiede herausgearbeitet.

So sei die Reaktion bei Menschen mit Misophonie grundsätzlich anders als bei einer Phobie. Sie zeigten keine Angst, sondern eher eine Aggression. Ein schweres trauma­tisches Erlebnis wie bei der post-traumatischen Belastungsstörung sei in der Regel nicht erkennbar, schrieb Denys in PLOS ONE (2013; 8: e54706). Und im Unterschied zur Zwangsstörung würden die Patienten die Geräusche in der Regel zu vermeiden suchen. Eine Besonderheit sei auch, dass die Krankheit häufig in der Kindheit beginnt. Die Patienten, die Denys seit einigen Jahren in seiner Ambulanz behandelt, sind zu Beginn der Erkrankung im Mittel erst 13 Jahre alt.

Der Neurowissenschaftler Sukhbinder Kumar von der Universität Newcastle in England ist der Störung jetzt mithilfe der funktionellen Kernspintomographie (fMRT) auf den Grund gegangen. Der Forscher untersuchte die Hirnaktivität von 20 Menschen mit Misophonie, während diesen bestimmte Geräusche vorgespielt wurden, die bei ihnen den Herz­schlag beschleunigen und die galvanische  Leitfähigkeit der Haut erhöhen. 

Zunächst beobachteten die Forscher, dass die Geräusche bei Menschen mit Misopho­nie zu einer Aktivierung der vorderen Inselrinde (AIC) führt. Diese Region gehört zu den Schaltstationen, die Sinneseindrücke mit Emotionen verknüpft. Die AIC bewertet dabei auch Signale wie den Herzschlag, die vom Körper selbst ausgehen. Eine frühere Unter­suchung hatte gezeigt, dass diese Interozeption bei Menschen mit Misophonie verän­dert sein könnte. Eine solche gesteigerte Selbstwahrnehmung konnte Kumar auch bei den Misophonie-Patienten feststellen.

Weitere Analysen im fMRT ergaben, dass die vermehrte AIC-Aktivität eine Verbindung zu anderen Hirnregionen aufwies: Zu ihnen gehörten die Amygdala, in denen Gefühle verarbeitet werden, der hintere Gyrus cinguli, der die Verbindung zum Gedächtnis her­stellt, und der Hippocampus, der darüber entscheidet, welche Inhalte in den Erinne­rungs­speicher aufgenommen werden. Kumar vermutet, dass es – vielleicht durch traumatische Kindheitserlebnisse – zu einer gestörten Verarbeitung der Interozeption kommt.

Eine besondere Rolle scheint dem ventromedialen präfrontalen Cortex (vmPFC) zuzukommen. Diese Region gehört zu den zentralen Steuerungszentren des Gehirns. Kumar beobachtete in dieser Region bei Personen mit Misophonie eine vermehrte Myelinisierung der Neuronen, was auf eine dauerhafte Schädigung hinweisen könnte.

Insgesamt scheint das Konzept der pathophysiologischen Veränderungen im Gehirn von Menschen mit Misophonie noch nicht abgeschlossen zu sein. Der Nachweis von Verän­de­rungen in der fMRT könnte jedoch, wenn andere Forscher die Befunde bestätigen, dazu führen, dass die Störung von der Fachwelt ernst genommen wird.

Bislang stoßen die Patienten in ihrer Umgebung auf Unverständnis, wie der Fall der 29-jährigen Olana Tansley-Hancock aus Ashford in Kent zeigt. Die Geräusche ihrer Familie beim Essen hätten sie schon als Kind veranlasst, sich zu den Mahlzeiten in ihr Schlaf­zimmer zurückzuziehen, berichtet die Frau. Die Essgeräusche anderer Menschen empfinde sie jedes Mal wie einen Schlag ins Gesicht. Ihre Familie hätte sie stets unterstützt. Doch an der Universität sei es ihr schwer gefallen, die Geräusche ihrer Mitmenschen zu ertragen. Zugespitzt habe sich die Situation während einer Zugfahrt, wo sie siebenmal das Abteil gewechselt habe, um den Geräuschen anderer Passagiere zu entgehen.

Vonseiten der Ärzte habe sie wenig Unterstützung erfahren, beklagt sich Tansley-Han­cock. Ihr Hausarzt habe sie nur ausgelacht und eine psychologische Beratung habe die Beschwerden eher verstärkt. Unterstützung habe sie schließlich in Internetforen im Austausch mit anderen Betroffenen erfahren. Inzwischen habe sie Wege gefunden, mit der Störung zu leben. Dazu gehört, dass sie den Genussmittelkonsum einschränke und auf Reisen stets Kopfhörer bei sich habe, um sich durch Musik oder einen Film abzu­lenken. © rme/aerzteblatt.de

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