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Politik

Keuchhustenwelle in Deutschland

Donnerstag, 9. Februar 2017

/dpa

Berlin – Hinter hartnäckigem Husten kann eine hochansteckende Infektion stecken. Doch erst seit 2013 ist Keuchhusten in ganz Deutschland meldepflichtig. So viele Fälle wie jetzt wurden noch nie registriert. Das Robert-Koch-Institut (RKI) registrierte für das vergange­ne Jahr 22.119 Fälle. Das sind mit Abstand die meisten seit dem Beginn der bundeswei­ten Meldepflicht im Jahr 2013. Damals waren es rund 12.600 Patienten pro Jahr, 2015 rund 14.000.

„Wir sehen hier wahrscheinlich beides: eine Krankheitswelle, aber auch eine zunehmend bessere Erfassung“, sagte Wiebke Hellenbrand, Infektionsforscherin am RKI. Impflücken begünstigten Ansteckungen. Besonders gefährlich ist Keuchhusten (Pertussis) für Säug­linge. 2016 starben in Deutschland drei Babys an der Infektion – das sind untypisch viele.

Keuchhusten
Pertussis wird durch Bakterien verursacht und ist weltweit eine der häufigsten Atemwegsinfektionen. Die Erkrankung ist hochansteckend, in der Regel aber nur für Neugeborene lebensbedrohlich. Zu Beginn zeigen sich für ein bis zwei Wochen leichte Erkäl­tungs­be­schwer­den mit Schnupfen, Husten und Schwäche­gefühl. Danach ist ein langwieriger, trockener Husten typisch. Es kommt zu krampfartigen Hustenstößen, die häufig mit einem keuchenden Ein­ziehen der Luft enden.

Die zahlreichen Hustenanfälle können sehr quälend sein und treten bei vielen Be­troffenen vorwiegend nachts auf. Die Infektion dauert in der Regel vier bis sechs Wochen. Nur im Früh­sta­dium lässt sich Keuch­husten erfolgreich mit Antibiotika bekämpfen.

Seit Jahresbeginn wurden bereits 1.554 neue Keuchhusten-Patienten an das RKI gemel­det. Hellenbrand kann nur vermu­ten, dass die Welle auch mit einem typi­schen Zyklus der Erreger zu tun hat. In Ostdeutschland werden Pertussis-Infek­tionen bereits seit 2002 er­fasst. Höhe­punkte waren die Jahre 2007 und 2012 – die Zeit könnte also wieder reif sein.

Der Schrecken, den Keuchhusten vor der Schutzimpfung seit den 1930er- Jahren hatte, ist fast vergessen. Damals seien in Deutschland 10.000 Säuglinge pro Jahr an der hoch­ansteckenden In­fek­tion gestorben, so Hellenbrand. Die Bakterien verbreiten sich durch Husten, Niesen oder Sprechen über winzige Tröpfchen aus dem Nasen-Rachen-Raum.

Bei der Einschulung waren nach den jüngsten RKI-Daten für 2014 fast 97 Prozent der Kinder in Ostdeutschland und 95 Prozent in Westdeutschland gegen Keuchhusten ge­schützt. Ganz anders bei den Erwachsenen – da ist es je nach Lebensalter nur jeder fünfte bis zehnte. Bei jungen Eltern hat ein Drittel einen Impfschutz, bei Schwangeren ein Fünftel. Dabei gelten Familien mit kleinen Kindern als Hauptrisikogruppe.

„Keuchhusten ist bei der Bevölkerung und auch bei Hausärzten noch nicht vollständig im Bewusstsein“, sagte Hellenbrand. Dazu kommt, dass die Impfung ihre Tücken hat. Sie muss immer wieder aufgefrischt werden. „Aber wir haben nichts besseres.“

Allein bei Kleinkindern sind es vier Teilimpfungen gegen Keuchhusten. Dazu kommen zwei Auffrischungen, einmal im Kindes-, einmal im Jugendalter. Für Erwachsene wird ein Pertussis-Schutz zusammen mit der Auffrischung für Tetanus und Diphtherie empfohlen – aber vielfach einfach vergessen. „Wahrscheinlich reicht der empfohlene Abstand von zehn Jahren auch nicht aus“, sagte Hellenbrand. Erlischt der Impfschutz, können sich Menschen auch nach überwundener Infektion erneut anstecken.

Ist eine junge Mutter nicht geimpft, hat ihr Baby bis zur ersten Immunisierungs­möglich­keit im Alter von zwei Monaten keinen Schutz. Es gebe deshalb Überlegungen, Schwan­ge­ren die Impfung generell zu empfehlen, sagte die Expertin. Zumindest kommt die Keuchhus­ten-Forschung mit der Meldepflicht nun weiter voran. „Wir hatten noch nie so viele Da­ten.“

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sieht den Grund für die Misere in den bestehenden Impflücken und kritisiert die „Erwachsenenmediziner“. „Wir Kinder- und Ju­gendärzte impfen möglichst auch immer die Angehörigen mit gegen Keuchhus­ten“, sagte BVKJ-Präsident Thomas Fischbach. Die Zahlen des RKI zeigten, dass Keuch­husten „offenbar bei Erwachsenen und auch bei Allgemein­ärz­ten und Gynäkologen noch nicht vollständig im Bewusstsein“ angekommen sei.

Das müsse sich dringend ändern, denn Keuchhusten sei „alles andere als harmlos“. Ge­rade im ersten Lebensjahr, wenn der Impfschutz noch nicht vollständig sei, könne Keuch­husten eine ernste gesundheitliche Bedrohung für Kinder sein. Fischbach forderte, All­ge­meinärzte und Gynäkolo­gen müssten mehr als bisher darauf achten, dass sie Impf­lücken schließen. © dpa/aerzteblatt.de

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